Suche nach Opfern
Missbrauch: Versäumnisse im Erzbistum Bamberg
Über dem Bamberger Dom brauen sich dunkle Wolken zusammen.
Über dem Bamberger Dom brauen sich dunkle Wolken zusammen.
Foto: Ronald Rinklef
Missbrauch im Erzbistum Bamberg
F-Signet von Redaktion Fränkischer Tag
Wallenfels – Missbrauch durch Priester in Wallenfels: Jetzt gibt das Erzbistum Bamberg neue Details bekannt. Nicht nur die Frankenwald-Stadt ist betroffen.

Die Taten liegen schon Jahre zurück, doch erst vor wenigen Tagen wurden sie bekannt: Ein verstorbener Priester hatte sich in Wallenfels des Missbrauchs schuldig gemacht. Das Erzbistum Bamberg gesteht jetzt, dass die Geschichte noch viel weitere Kreise zieht. 

„Er hätte nach 1963 nicht mehr als Kaplan und Gemeindepfarrer eingesetzt werden dürfen“, macht Erzbischof Ludwig Schick in einer Pressemeldung des Erzbistums Bamberg am Montag klar, dass der Bistumsleitung bei den Missbrauchsfällen durch den früheren Priester Dieter Scholz „nach den heutigen Richtlinien schwere Versäumnisse“ unterlaufen seien.

Suche nach weiteren Opfern

Die Rede ist von einem Geistlichen der von 1970 bis 1995 Pfarrer in der Flößerstadt Wallenfels (Landkreis Kronach) war. Das Bistum nennt bewusst den vollen Namen des mittlerweile verstorbenen Pfarrers, weil man nun auf der Suche nach weiteren Opfern sei. Denn Scholz, so die Informationen des Bistums, hatte sich offenbar nicht nur in seiner Zeit in Wallenfels sexuell an mehreren Personen vergangen. Der derzeitigen Bistumsleitung wurden die Taten nach eigenen Angaben angeblich erst 2006 bekannt, ein Jahr nach dem Tod des Geistlichen.

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Für seine Vergehen schrieb Dieter Scholz zwei Entschuldigungsbriefe an den damaligen Erzbischof Josef Schneider und Weihbischof Lenhardt. 1964 wurde der Bitte von Scholz entsprochen, als Seelsorger nach Bolivien zu wechseln. Er war im Apostolischen Vikariat Ñuflo de Chávez tätig. 1969 kehrte er ins Erzbistum Bamberg zurück und war zuerst in den Pfarreien Weisendorf und Kirchehrenbach tätig, bevor er 1970 zum Kaplan in Wallenfels ernannt wurde, wo er anschließend von 1972 bis 1995 Pfarrer war. 1995 wurde er zum Pfarrer in Uffenheim ernannt.

Priester verlässt überraschend Wallenfels

Öffentlich wurden die Fälle allerdings erst vor wenigen Tagen, als sich eines der Opfer bei Bürgermeister Jens Korn in Wallenfels meldete und die Medien sich einschalteten. Das Erzbistum reagierte und sprach von bereits geleisteten Zahlungen an die Betroffenen. Fünf sollen es in Wallenfels gewesen sein. Weil nicht bekannt sei, ob es eine Dunkelziffer gibt, rief das Erzbistum weitere Betroffene dazu auf, sich zu melden. Die müssen aber nicht nur aus Wallenfels kommen; das Erzbistum räumt nun ein, dass der Pfarrer auch andernorts auffällig geworden sei.

„Das Erzbistum Bamberg teilt nach erneuter Durchsicht der im Archiv vorhandenen Personalunterlagen mit, dass es bereits 1963 Missbrauchsvorwürfe gegen den langjährigen Pfarrer von Wallenfels, Dieter Scholz, gab“, heißt es in der jüngsten Pressemitteilung vom Montag (26. September). Betroffene hätten dem damaligen Weihbischof Johannes Lenhardt von sexuellen Annäherungsversuchen des Priesters während seiner Kaplanszeit berichtet. „Er wurde daraufhin aus dem Dienst genommen. Zugleich wurde angeordnet, dass er sich zur Besinnung und Umkehr zuerst ins Kloster Niederalteich und dann in die Abtei Münsterschwarzach begeben müsse.“

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Im Oktober 1996 zog es den Priester erneut nach Bolivien. Ungeplant. Unstimmigkeiten mit dem Pfarrgemeinderat sollen ihn nach Angaben des Erzbistums abrupt und ohne eine Mitteilung zur Abreise bewogen haben. Monate später gab es von dort eine Rückmeldung. Er wurde wieder in seinem alten, südamerikanischen Vikariat tätig.

Im Jahr 1999 wurde erneut ein Vorwurf gegen den Priester laut. Wieder ging es um Missbrauch. Eine Überprüfung sei allerdings problematisch gewesen, stellt das Erzbistum fest. Einerseits sei Scholz nicht greifbar gewesen, andererseits sei der Vorwurf nicht von einem Betroffenen erhoben worden.

Erzbischof will vom Missbrauch erst nach dem Tod des Täters gehört haben

2003 versetzte Ludwig Schick, seit 2002 Erzbischof von Bamberg, den inzwischen 70-Jährigen Dieter Scholz regulär in den Ruhestand. Bis zu seinem Tod am 8. Mai 2005 hielt Scholz sich erneut in Wallenfels auf. Im April 2022 wurden aus einem Privatbesitz Nachlassakten des Priesters dem Diözesanarchiv übergeben. In diesen finden sich Tagebuchaufzeichnungen, aus denen der Missbrauch von Jugendlichen hervorgeht.

Erzbischof Schick stellt nun fest, von den Vorwürfen gegen Scholz erst nach dessen Tod gehört zu haben und kritisiert das Verhalten der damaligen Bistumsleitung. Auch wenn den Akten keine Hinweise auf strafrechtliche Schritte zu entnehmen seien, sei es aus heutiger Sicht unvorstellbar, dass ein Priester, dem solche Vorwürfe gemacht wurden, nicht aus dem Dienst genommen und zumindest kirchenrechtlich bestraft würde, meint Schick. Sein Mitgefühl gelte den Betroffenen. Er habe auch schon persönliche Gespräche geführt.

Weitere Opfer von Dieter Scholz melden sich

Zusätzlich zu den bisher fünf dem Erzbistum bekannten Betroffenen haben sich nach dem ersten Aufruf vergangene Woche inzwischen drei weitere Betroffene gemeldet. Das Erzbistum erneuerte seinen Aufruf an Betroffene aus allen Einsatzorten von Pfarrer Scholz (Oberkotzau 1960, Hersbruck 1960/61, Nürnberg St. Georg 1962 bis 1964, Mainroth 1964, Weisendorf 1969, Kirchehrenbach 1970, Wallenfels 1970 bis 1995, Uffenheim 1995 bis 1996), sich zu melden bei der Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums Bamberg, Rechtsanwältin Eva Hastenteufel-Knörr, Telefon 0951/40735525, E-Mail eva.hastenteufel@kanzlei-hastenteufel.de.

Weiterer Ansprechpartner ist der frühere Oberstaatsanwalt Joseph Düsel, Telefon 0951/15337, E-Mail j.duesel@web.de. Der Betroffenenbeirat ist über die Homepage bb-bamberg.de erreichbar. Auch an die beiden Diözesen in Bolivien wird Mitteilung gemacht und werden Anfragen gerichtet. Erzbischof Ludwig Schick steht allen Betroffenen zu Gesprächen zur Verfügung.

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