Wort zum Sonntag für 6. September.
Glauben Sie an Zufälle? Manche behaupten ja, Zufälle gebe es nicht. Weil sie immer wieder die Erfahrung machen: Es passen auf einmal zunächst voneinander völlig unabhängige Ereignisse so unglaublich zusammen, das kann einfach kein Zufall sein! Da muss es irgendwo im Hintergrund einen geben, der die Fäden zusammenführt.
So ist es mir an diesem Sonntag gegangen: In Sachsen-Anhalt finden die Landtagswahlen statt. Und schon seit Wochen schaut die Republik sorgenvoll dorthin. Was würde geschehen, wenn wirklich eine Partei an die Regierung kommt, die unser soziales Miteinander zerstören will? Und was bräuchte es, um das zu verhindern?
Und da kommt der erwähnte Zufall ins Spiel: Eine evangelische Tradition sind die sogenannten Tageslosungen. Immer an einem Tag im Mai wird aus 1800 Versen des Alten Testaments für jeden Tag des kommenden Jahres jeweils ein Vers als Tageslosung gezogen. Zufällig.
Im Mai 2025 also wurde für diesen Sonntag genau dieser Vers gezogen: „Fürchtet euch nicht, wenn euch die Leute schmähen, und entsetzt euch nicht, wenn sie euch verhöhnen!“ (Jesaja 51, 7)
Nicht nur in diesem Wahlkampf werden die jeweiligen politischen „Gegner“ – also die, die andere Meinungen haben wie ich – verhöhnt und geschmäht. Glaubt man dem, was oft behauptet wird, dann gehört die schlechte Stimmung anderen gegenüber inzwischen allgemein zum guten Ton.
Wie wäre es stattdessen, wir hörten einmal auf den guten Rat eines alten Propheten wie Jesaja, der schon vor über 2500 Jahren den Leuten Mut zugesprochen hat: Fürchtet euch nicht! Und wie wäre es, wenn wir selbst anderen keinen Anlass geben würden, sich vor uns zu fürchten?
Tiemo Hauer hat vor wenigen Jahren ein wundervolles Lied geschrieben: Alle Ge-schichten. Es lohnt sich sehr, es anzuhören. Darin beschreibt er in kurzen Skizzen Menschen, wie sie Dir und mir tagtäglich begegnen, konfrontiert mit unseren oft harten (Vor)Urteilen, Lieblosigkeiten und Übergriffigkeiten.
Eine Frau zum Beispiel „hat Angst vor allem, das hier gerade passiert – vor den Menschen, der Enge, dem Wahnsinn und vielleicht sogar ein bisschen vor dir“. Tiemo Hauer rät: „Die haben alle Geschichten und die kann man nicht seh‘n, also sei mal nicht so hart zu den‘n“.
Und vielleicht entdecken Sie sich ja auch selbst in diesem Lied, sogar auf beiden Seiten des Spiegels, beim Blick hinein oder heraus. Oft sind es ja die Verletzungen, die wir selbst erlitten haben, die uns hart gemacht haben und dazu führen, dass wir wiederum andere verletzen.
Der liebevolle Blick, der aufmerksam die schmerzlichen Seiten unseres Lebens respektvoll ansieht, kann heilen. Er kann vor allem unsere Beziehungen heilen. Und das wäre vielleicht der wichtigste Anfang.
Steffen Lübke, Krankenhausseelsorger
in Bad Kissingen





