Forchheim
Hilfe fürs Leben seit 1966
Hunderte Besucher feierten auf dem Gelände der Lebenshilfe Forchheim das Jubiläums-Sommerfest mit Musik, Mitmachangeboten und vielen Begegnungen.
Hunderte Besucher feierten auf dem Gelände der Lebenshilfe Forchheim das Jubiläums-Sommerfest mit Musik, Mitmachangeboten und vielen Begegnungen. // 
Forchheim

Musik erklingt über die Festwiese, Kinder basteln, Familien sitzen unter schattigen Bäumen zusammen, Besucher schlendern zwischen den Ständen. Rund um die Hainbrunnenschule herrscht fröhliches Treiben. Die Lebenshilfe Forchheim feiert ihr 60-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das weit mehr ist als ein Sommerfest.

Es steht für sechs Jahrzehnte Inklusion, Förderung und ein möglichst selbstbestimmtes Leben. Aufsichtsratsvorsitzender Hermann Ulm begrüßte gemeinsam mit Vorstand Peter Pfann zahlreiche Ehrengäste, darunter Oberbürgermeisterin Martina Hebendanz (CSU), Landrat Hanngörg Zimmermann (FW), Regierungspräsident Florian Luderschmid, Bezirksrat Ulrich Schürr (CSU) sowie Carolina Trautner, Landesvorsitzende der Lebenshilfe Bayern und Landtagsabgeordneter Michael Hofmann (CSU).

„Sozialer Mittelpunkt“

In ihren Grußworten würdigten sie die Bedeutung der Lebenshilfe für den Landkreis. Trautner sprach von einer Einrichtung, die Menschen helfe, „ihren Platz im Leben zu finden“. Luderschmid bezeichnete die Lebenshilfe als „sozialen Mittelpunkt“. Hebendanz betonte, sie mache Forchheim „lebens- und liebenswerter und vor allem menschlicher“.

Gegründet wurde die Lebenshilfe Forchheim 1966 auf Initiative engagierter Eltern, die für ihre Kinder bessere Bildungs- und Fördermöglichkeiten schaffen wollten. Heute begleitet die Lebenshilfe rund 600 Menschen – von der Frühförderung über Kindertagesstätten und die Hainbrunnenschule bis hin zu Werkstätten, Förderstätten und Wohnangeboten. Rund 200 Mitarbeiter kümmern sich täglich darum, Menschen mit Unterstützungsbedarf in allen Lebensphasen zu begleiten.

Doch die Aufgaben werden nicht kleiner. Peter Pfann sieht den geplanten Neubau der Hainbrunnenschule als wichtigstes Zukunftsprojekt. Gleichzeitig soll die berufliche Teilhabe ausgebaut und der Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt gestärkt werden.

Carolina Trautner machte deutlich, dass die Lebenshilfen auch vor finanziellen Herausforderungen stehen. Angesichts der Diskussionen über Einsparungen bei der Eingliederungshilfe dürfe die Teilhabe von Menschen mit Behinderung nicht infrage gestellt werden. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“, betonte sie.

Wie diese Unterstützung konkret aussieht, zeigt die Heilpädagogische Tagesstätte. Dort werden derzeit 95 Kinder und Jugendliche im Alter von drei bis etwa 19 Jahren betreut und gefördert. Ziel sei es, ihnen „ein Leben so normal wie möglich“ zu ermöglichen, sagt Bereichsleiterin Kerstin Altjohann.

Je nach Fähigkeiten lernen die Kinder, sich mitzuteilen, selbstständig einzukaufen, Fahrpläne zu lesen oder Geld zu zählen. Aus den anfänglich 18 Kindern ist im Laufe der Jahrzehnte eine wichtige Einrichtung für den gesamten Landkreis geworden. Ihr dringendster Wunsch an Politik und Kommunen: barrierefreie Zugänge, Rampen statt Treppen und verständliche Bildkarten im öffentlichen Raum. Denn echte Teilhabe beginne nicht erst in Einrichtungen, sondern im Alltag.

Ein weiteres Beispiel ist das Ambulant unterstützte Wohnen (AUW). Elf Fachkräfte begleiten derzeit rund 40 Menschen im gesamten Landkreis Forchheim dabei, möglichst selbstständig in den eigenen vier Wänden zu leben.

Die Unterstützung reicht von Arztbesuchen und Behördenangelegenheiten bis zur Freizeitgestaltung oder der Wohnungssuche. „Jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Deshalb erstellen wir für jeden einen individuellen Betreuungsplan“, erklärt Bereichsleiter Kalle Reger.

Die Anforderungen an das Team hätten sich in den vergangenen Jahren verändert. Neben Menschen mit geistiger Behinderung würden heute zunehmend Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchterkrankungen begleitet. Das Angebot, das 1997 mit drei Bewohnern begann, zählt heute zu den größten seiner Art in Oberfranken.

Wie wichtig dieses Angebot sein kann, zeigt das Schicksal von Marco Schorz. Der heute 49-Jährige stand als gelernter Spengler mit eigener Wohnung mitten im Leben. Doch im September 2008, mit gerade einmal 30 Jahren, erlebte er den Albtraum: Er wachte morgens auf und war infolge einer schweren Kleinhirnentzündung von einem Moment auf den anderen vollkommen gelähmt und stumm.

Beispielhafte Entwicklung

Nach Monaten im Krankenhaus und im Pflegeheim kam er 2011 in das Ambulant unterstützte Wohnen der Lebenshilfe, drei Jahre später zog er in eine eigene Wohnung. Für Kalle Reger ist seine Entwicklung beispielhaft: „Er hat 90 Prozent von seinem Leben wieder zurück.“

Das Sommerfest machte eindrucksvoll sichtbar, wofür die Lebenshilfe Forchheim seit sechs Jahrzehnten steht: Menschen mit Unterstützungsbedarf und ihre Familien auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Nach 60 Jahren bleibt das Ziel unverändert – Teilhabe nicht nur zu fordern, sondern Tag für Tag mit Leben zu füllen.

Ein starkes Team sind Marco Schorz (l.), der heute wieder dank der Unterstützung der Lebenshilfe ein selbstbestimmtes Leben führen kann, und Kalle Reger, Leiter des Ambulant unterstützten Wohnens (AUW).
Ein starkes Team sind Marco Schorz (l.), der heute wieder dank der Unterstützung der Lebenshilfe ein selbstbestimmtes Leben führen kann, und Kalle Reger, Leiter des Ambulant unterstützten Wohnens (AUW). // 
Kerstin Altjohann leitet die Heilpädagogische Tagesstätte der Lebenshilfe Forchheim.
Kerstin Altjohann leitet die Heilpädagogische Tagesstätte der Lebenshilfe Forchheim. // 
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