William Shakespeares Komödie oder auch Romanze „Der Sturm“ von 1611 hat eine scheinbar einfache Handlung und bietet doch unendliche Interpretationsmöglichkeiten. Entstanden in einer Zeit, als trotz aufstrebenden Bürgertums der Feudalismus in voller Blüte stand, hat jede Epoche dem Spiel um Macht, Intrigen, Heiratspolitik, Magie und Verschwörung ihren eigenen Stempel aufgedrückt.
Ein fette Beute auch fürs Theater im Gärtnerviertel (TiG), das ab 17. Juni Prospero und Miranda, Caliban und Antonio endlich – mit einem Jahr Corona-Verspätung – als Open-Air-Vorstellung am Bamberger RZB-Gebäudekomplex in der Rheinstraße auftreten lässt. Mit der TiG-typischen Rückbesinnung auf urtheatralische Tugenden, versteht sich, was heißt einfachen, aber effektiven Mitteln. Mehrfachbesetzungen zählen dazu, ein pfiffiges Bühnenbild (Ausstattung Linda Hofmann) und die musikalische Begleitung mittels live gespielten Kontrabasses (Stephan Goldbach).
Zauberkram und Derbes inbegriffen
Im 400 Jahre alten Text steckt ja viel vom Geist der damaligen Zeit. Berichte aus der Neuen Welt verarbeitete Shakespeare in einen Montaigne-Essay, den zur Praxis geronnenen Machiavellismus in den Auseinandersetzungen oberitalienischer Stadtstaaten. Dazu viel Zauberkram, Derbes auch zum Pläsier des zeitgenössischen Publikums vom Adel bis zum Handwerker.
Regisseurin Jasmin Sarah Zamani konzentriert sich auf die Essenz des Textes nach ihrer Lesart – verwendet wurde die Schlegel’sche Übersetzung mit eigener Überarbeitung in Prosa – als ein Tableau, auf dem Machtkonstellationen durchgespielt werden. Den zusammen mit seiner Tochter auf einer Insel als ein Opfer politischer Intrigen gestrandeten Magier Prospero sieht sie als eine durchaus ambivalente Figur. Hat dieser Mann doch sogleich den Ureinwohner Caliban unterjocht, was er mit „Zivilisation“ rechtfertigt, der Legitimationsideologie aller Kolonisatoren. Mit dem Luftgeist Ariel schloss er einen Pakt zu eigenem Nutzen, seine Tochter hält er im Zustand tumber Unwissenheit und verheiratet sie nach Gutdünken.
Der von ihm herbeigezauberte Rache-Sturm zu Beginn des Dramas soll auch vor dem RZB-Gebäude toben. Sonst muss naturgemäß gerafft und gestrichen werden für eine ca. 80-minütige TiG-Version, etwa vieles von den Geisterspielen des Originals. Wie wird die gemeinhin so interpretierte große Versöhnungsszene am Schluss ausfallen? Man darf gespannt sein.
Es spielen Stephan Bach (Prospero), Laura Mann (Miranda, Ariel, Caliban), Jonathan Bamberg (Trincolo, Antonio, Ferdinand) und Felix Pielmeier (Alonso und Hofmann). Die Produktionsleitung obliegt Nina Lorenz. Sollte es an den Spielabenden stürmen, verspricht das gestählte Ensemble dennoch aufzutreten – ohne Magie, dafür mit Regencapes fürs Publikum.









