Coburg
Ein Mäuseschwanz zum Erwürgen
Da ist die Reise von Alice (Julia Gundermann, ganz rechts) schon weit fortgeschritten, sie ist bei der grausamen Herzkönigin angekommen. Bastian Suffa
Da ist die Reise von Alice (Julia Gundermann, ganz rechts) schon weit fortgeschritten, sie ist bei der grausamen Herzkönigin angekommen. Bastian Suffa // 
Coburg

Du bist kindisch, komisch, faul. Du wirst es nie schaffen, aus dir wird nichts! – Doch dann kommt das weiße Kaninchen und Alice stürzt in eine völlig verrückte, satirische Welt.

Was der zweite Jugendclub des Landestheaters unter Leitung von Regieassistentin Michaela Hoffmann aus dem seit 1865 faszinierenden, vor allem auch Erwachsene verstörenden Kinderbuchklassiker Lewis Carolls gemacht hat, verdient es, als fest verfügte, originelle Bühnenfassung erhalten und ebenso wieder aufgeführt zu werden.

Nicht, dass es nicht schon ungezählte Adaptionen von „Alice im Wunderland“ in sämtlichen Kunstsparten gäbe. Doch mit dieser „Stückentwicklung“ des Landestheaters Coburg, die am Donnerstag Premiere in der Reithalle hatte, ist ein schlicht wunderbar zu nennendes, kleines, großes Theaterwerk entstanden. Es umreißt bei aller Verrücktheit in erstaunlicher Konzentration und dabei berührender Poesie Grundkonzeptionen des menschlichen Daseins in packender theatraler Dramaturgie.

Wie die Profis

Und die Umsetzung im schwarzen Raum der Reithalle mit nichts als einigen zauberhaften Requisiten ließ vergessen, dass es sich bei den jungen Darstellern nicht um Profis handelte. Wobei zu erinnern ist, dass aus dem Jugendclub des Landestheaters schon immer wieder Profis hervorgegangen sind.

Da duckt sich also diese Alice, Julia Gundermann, ein junger Mensch unter den Anforderungen und Zumutungen des Lebens. Auch wenn dieses 75 konzentrierte Minuten umfassende Stück den Weg aus jugendlicher Angst zu Lebensmut und eigenem Zutrauen geht, Julia Gundermann ist gleichzeitig ein Mensch jeden Lebensalters. Denn die Grundattacken und Erschütterungen hören ja nie auf. Mut ist eine Frage der Entscheidung, gerade auch im Unglück. Das gilt bis zum Lebensende.

Wie dieses zehnköpfige jugendliche Ensemble Lewis Carrolls fantastische Figuren als eindrückliche menschliche Charaktere ganz nah rücken lässt, trotz und in ihrer höchst amüsanten Exzentrik: herrliches Körpertheater, das in philosophischen Tiefgang führt, plus aktueller Bezugnahmen.

Mitspielende Kostüme

Greta Thunfisch berichtet von der unter der Klimaerwärmung extrem leidenden Meeresbevölkerung. Die Schildkröten wussten es schon vor Jahrhunderten, aber es hat ihnen niemand geglaubt.

Bunte Ohren, Schnäbel über den Köpfen, ein Mäuseschwanz zum Erwürgen – diese keineswegs niedlichen Kostüme (Katrin Müller, Margareta Gulich, Michaela Hoffmann) müsste man jedes einzelne detailliert in den Blick nehmen. Wozu man im rasanten Tempo des Spiels gar keine Zeit hat. Johannes Grässels ewig gehetztes Karnickel, Chris Steckmanns charaktervolle Grinsekatze, dieser Hutmacher unter riesigem schrägen Hut (Vicky Busch/Vivien Kruppa) – macht der nicht Angst? Dann wieder Mut? Der ewig gestrige Hase auf der furios kreiselnden Teeparty, all die verrückten Gestalten von Milka Frank, Paulina Hauck, Emilia Karl, Elena Nickel und Zacharias Zech – es gäbe noch mehr zu schwärmen.

Im Schlussapplaus machten diese mitreißenden jungen Menschen ihrer Regisseurin Michaela Hoffmann eine Liebeserklärung. Das taten sie zurecht.

Am 14. Juli gibt es noch eine Aufführung dieser Alice im Coburger Theater-Wunderland.

Inhalt teilen
  • kopiert!