Es muss eine große Gemeinde in Adelsdorf gewesen sein. In der Dorfordnung von 1515 werden bereits Juden in dem Ort erwähnt. Keine überraschende Jahreszahl, da 1515 die Juden aus den markgräflichen Residenzstädten vertrieben wurden. In Höchstadt gibt es die ersten Nachweise jüdischen Lebens aus dem Jahr 1298. Zum Teil große Gemeinden, in denen ein reges gemischtes kulturelles und religiöses Leben stattfand.
Hercules-Werke gegründet
Das spiegelt sich auch auf dem Zeckerner Judenfriedhof wieder. Grabsteine der letzten vier Jahrhunderte sind verbunden mit diesem Miteinander, den Schwierigkeiten, aber auch den schönen Momenten. … und leider auch den schrecklichen, den unmenschlichen, den barbarischen Momenten.
Da gibt es zum Beispiel die Gräber der Familie Marschütz. „Eine regelrechte Lehrerdynastie“, erklärt Christiane Kolbet, die als Friedhofskennerin regelmäßig über den Friedhof führt. Beim Grab der Mutter der Lehrerdynastie der Marschütz gibt es den Verweis auf einen Ur-Ur-Enkel namens Carl Marschütz. Der Burghaslacher gründete Ende des 19. Jahrhunderts in Nürnberg die Hercules-Werke. Ein erfolgreicher deutscher Unternehmer, dessen Wirken durch die „Arisierung“ der Nationalsozialisten beendet wurde. Seine Geschichte fängt im Grunde auf diesem Friedhof an.
Katalogisiert wurde der Friedhof nie. „Man kann davon ausgehen, dass hier etwa 50 bis 60 Familien ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, über mehrere Generationen“, sagt Kolbet. Von den Familien, die hier begraben liegen, gibt es auch keine Angehörigen mehr in der Gegend. „Sie sind entweder rechtzeitig emigriert oder…“ Der zweite Teil des Satzes bleibt unausgesprochen, sagt aber so viel.
Ein Grabstein der Familie Riegelmann fällt auf. Denn der steht entgegen der chronologischen Abfolge auf einem „falschen Platz“. Das könne daran liegen, dass es nach 1945 zu Vandalismus auf dem Friedhof kam. Die Amerikaner haben vermutlich den Friedhof wieder herrichten lassen, aber diesen Stein an neuem Ort aufgestellt.
Beim Gang zum nächsten, erzählenden Grabstein, geht es an Absperrungen mit Flatterband vorbei, die der Friedhofswärter gespannt hat. Die Gräber sind nicht mehr alle sicher, es drohen Stolperfallen und es besteht Einsturzgefahr. Bei bis zu 400 Jahre alten Gräbern keine Überraschung. Denn die Stätten werden in der Regel auch nicht gepflegt. Keine frischen Blumen, kein Waschen des Grabsteins – die Natur legt mit den Werkzeugen Wind, Regen, Hitze und damit der Verwitterung, Hand an die Steine an.
Da ist zum Beispiel das Grab der Familie Bernet. Ein restauriertes Grab, was eher ungewöhnlich ist. Michael Bernet, ist Ende der 1990er zu Besuch gewesen. Der in Amerika lebende Mann besuchte die Gräber seiner Vorfahren, unter anderem in Zeckern. Er hat dort überall die Grabsteine seiner Angehörigen in Ordnung gebracht. In Zeckern ist es Eva Bernet, die er besuchte. Auf dem Grabstein finden sich Steine, ein Zeichen, dass dieses Grab besucht worden sind. Eine Tradition, die mit dem Auszug aus Ägypten verbunden ist. Um die Gestorbenen in der Wüste vor wilden Tieren zu schützen, dass diese die Toten ausscharren, wurden Steine auf die Vergrabenen gelegt.
Da gibt es auch den Grabstein von Benjamin Katz. „Hier liegt ein frommer und gerechter Mann.“ 1884 wurde der Viehhändler aus Adelsdorf begraben. Zuvor lebte er als anerkannter Bürger in Adelsdorf. Dessen Urenkel besuchten das Grab. Christiane Kolbet zeigt das Foto, das vor mehr als 25 Jahren entstand. Zusammen mit den beiden Männern wurde das Grab besucht, mehrmals. Im Jahr 2015 war die Enkeltochter des einen Sohnes auf Weltreise. Nach dem Militärdienst startete sie die Tour. Von Kolbet gab es über den Großvater den Hinweis, dass sie gerne in Zeckern vorbeikommen könne. Da sie just in diesem Moment in Lappland war, machte sie den „kleinen Abstecher“, um den Ahnen zu besuchen.
Der markanteste Grabstein erzählt die Geschichte von Frieda Strauß. 20 Jahre alt geworden und an Tuberkulose gestorben. Eine abgeschlagene Säule als Grabstein weist auf das jähe Ende der jungen Frau hin. Sie gehörte zu einer landwirtschaftlichen Familie, die in der Region Hopfen angebaut haben. Uehlfelder Hopfenhändler haben diesen Hopfen bis in die USA verkauft. 1936 untersagten die Nazis den Hopfenanbau und achteten auf kriegsrelevante Getreideversorgung.
Auf gute Nachbarschaft
Beim Gang über den Friedhof gibt es soviel Grabsteine, die als Zeugnisse der Zeit dienen. An einem Tag ist es annähernd unmöglich, all diese Geschichten zu erfahren. Da ist unter anderem auch noch die Familie Wassermann. Eine jüdische Familie, die in bestem Verhältnis zu den Christen lebte, eine enge Beziehung. Man half sich gegenseitig, es gab keine Bedenken, keine Parallelgesellschaften. Doch im Oktober 1936 waren die Nachbarn so eingeschüchtert, dass diese sich nicht mehr trauten, bei dem Tod des Familienvaters Ludwig mit auf den Friedhof zu gehen. Allerdings versteckten diese Nachbarn, trotz aller Ängste, den Sohn auf dem Speicher, damit dieser in der Pogromnacht kein Opfer der Nazis wurde und deren Schergen in Adelsdorf zum Opfer fiel.
Es ist die Sprachlosigkeit, die einen auf dem Weg in Richtung Ausgang begleitet. Doch da steht noch eine Stele. Ein Gedenkstein, der am 11. September 1998 aufgestellt wurde. Dort stehen 31 Namen ehemaliger Mitglieder der jüdischen Gemeinden Adelsdorf und Weisendorf, die in der NS-Zeit ermordet worden sind. Die unter anderen Umständen auf diesem Friedhof beerdigt worden wären, bei ihren Familien. Auch hier steht hinter jedem Namen ein (oft zu kurzes) Leben.
Da gibt es den jüdischen Jungen, der von einem SS-Offizier in einem Zug nach Forchheim gelobt wird, wie arisch er mit seinen blauen Augen und dem blonden Haar aussehe – wenige Jahre danach war er tot. Ermordet in einem der vielen Lager. Es gibt das Mädchen, das mit einem Kindertransport in die Niederlande geschickt worden ist, um dort in einem Waisenhaus aufzuwachsen. Im Juli 1943 nach Sobibor deportiert und dort ermordet wurde. Kinder, denen nicht erlaubt wurde, älter als 17 Jahre zu werden. Ein Dreijähriger, der sein Lebensende in Polen fand. Ermordet von Nazis. Eine Weisendorferin, der es eben auch nicht vergönnt war, nach einem friedlichen Leben auf diesem Friedhof beerdigt zu werden.
Beim letzten Gang von diesem menschlichen Friedhof schmerzt die Stille. Der Lärm der Bundesstraße ist erschreckend wohltuend.












