Veitlahm
Ein Leben voller Tatendrang
In seinem Café serviert Siegbert Unger seit 21 Jahren leckere Kuchen- und Tortenkreationen.Uschi Prawitz
In seinem Café serviert Siegbert Unger seit 21 Jahren leckere Kuchen- und Tortenkreationen.Uschi Prawitz // 
Veitlahm

Es gab Zeiten, da saß der kleine Siegbert auf der heimischen Couch, packte sich ein Sofakissen mit beiden Händen und tat so, als hielte er ein echtes Schifferklavier in den Händen. Die Leidenschaft für die Musik war geweckt, und mit zehn Jahren durfte er endlich richtiges Akkordeon lernen. Es sollte der Anfang einer lebenslangen Melodie werden. In diesen Tagen feierte Siegbert Unger seinen 80. Geburtstag. Zahlreiche Weggefährten, Freunde und Verwandte aus ganz Deutschland reisten an, um den Jubilar mit Gedichten und Gstanzln zu ehren.

Zwei Tage nach dem großen Fest sitzt Siegbert Unger in seinem Patersberg-Café. Hier ist er in seinem Element. Wer mit ihm spricht, spürt sofort die Zufriedenheit eines Mannes, der auf ein bewegtes und erfülltes Leben zurückblickt.

Schon sein Geburtsort Steinenhausen entlockt ihm ein Schmunzeln: „Das ist ein Punkt, den ich auf jeder Wetterkarte wiederfinde – am Mainzusammenfluss, im Mittelpunkt Europas.“ Seine Eltern stammten ursprünglich aus Schlesien. Siegbert selbst wuchs in Proß auf, bis er 15 Jahre alt war und die Familie nach Katschenreuth zog, wo der Vater ein Haus baute.

Die Liebe hat ihn schließlich nach Veitlahm geführt. Seine Frau Gisela lernte er schon in der Berufsschule kennen, und an Silvester 1966 heirateten die beiden – mitten in Siegberts Bundeswehrzeit. Mit 23 Jahren baute er schließlich 1968 selbst in Veitlahm ein Haus und fand dort seine Heimat. Vor seinen Geburtstagsgästen fand er auch nach all den Jahrzehnten rührende Worte für seine Lebensgefährtin: „Sie ist meine Sonne.“ Die Familie stand für den Dreifach-Vater stets an erster Stelle; die Kinder waren früher immer und überall mit dabei. Die Schulzeit an der Waldorfschule habe den Nachwuchs stark geprägt, den Eltern war die Erziehung zur Eigenständigkeit ein Herzensanliegen. Sein Credo dabei: „Es gibt nichts, was nicht geht.“ Heute freuen sich die Ungers über neun Enkel und den vierten Urenkel, der gerade unterwegs ist.

Vier ist seine Zahl

Blickt man auf seinen Lebenslauf, fällt ein erstaunliches Muster auf: Die Zahl Vier zog sich wie ein roter Faden durch Ungers Jahrzehnte. Die Schulzeit dauerte acht Jahre (zwei mal vier), die Lehre als Starkstromelektriker in der Spinnerei vier Jahre. Ebenso vier Jahre diente er ab 1965 bei der Bundeswehr in Mittenwald – eine Zeit, die er genoss und in der er viel lernte. Es folgten vier Monate zurück in der Spinnerei und danach vier Jahre als Fahrzeugbauer bei der Firma Hofmann in Wacholder. Später arbeitete er vier Jahre lang auf Empfehlung eines Pfarrers in Fassoldshof mit schwer erziehbaren Jugendlichen.

Danach übernahm das Ehepaar Unger für gut drei Jahre die Betreuung der Weihermühle als Hausmeisterpaar. Es war eine Arbeit, die ihnen lag: „Das war spitze“, erinnert er sich. Dass Unger zudem 13 Jahre lang als Schöffe am Gericht in Bayreuth wirkte, passt ins Bild eines Mannes, der sich stets für seine Mitmenschen engagiert hat.

Brot vom Patersberg

Auch sein handwerkliches Geschick entwickelte sich weiter: 1983 baute er sich einen eigenen Backofen ins Haus. Als 1995 die Waldorfschule aus den Räumen am Patersbergweg ausgezogen war und die dortige Küche nicht mehr benötigt wurde, nutzte Unger die Gelegenheit: Er baute den Raum zur Backstube aus und versorgte bis 2004 die Region mit seinem Brot. Ein kleiner Schlaganfall zwang ihn schließlich zum Kürzertreten – allerdings nur bedingt.

Gemäß seinem Lebensmotto „Wer rastet, der rostet“ erweckte er den Raum am Patersbergweg rasch zu neuem Leben und erfüllte sich die Idee eines eigenen Gastraums. Seit nunmehr 21 Jahren steht er in seinem Patersberg-Café und verwöhnt die Gäste mit leckeren, selbstgebackenen Kuchen und Torten. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht: „Ich mache weiter, solange es geht.“

Nachhaltigkeit war ihm schon wichtig, als das Wort in vielen Köpfen noch gar keine Rolle spielte. Bereits in den frühen 1970er Jahren kaufte er biologisch abbaubares Spülmittel. „Bis heute haben wir keine Spülmaschine. Uns ist wichtig, die Gewässer zu schonen“, erzählt er. Dieser Gedanke zieht sich durch das ganze Café: Die Einrichtung ist eine bunte, charmante Ansammlung von Fundstücken mit Geschichte – vom ehemaligen Chefsessel der Landeszentralbank über Standesamtsstühle bis hin zum Lehrerstuhl. Und auch in der Küche gilt der Grundsatz: Es wird nichts weggeworfen, alles wird verwertet.

Ein Leben voller Musik

Neben dem Café ist die Musik seine große Konstante. 1971 griff er zur Tuba und spielte 38 Jahre lang im Posaunenchor Veitlahm. Er stieß 1983 zum Gesangverein Veitlahm, sang mehrere Jahre in der Kulmbacher Kantorei und unterstützte den Männerchor in seiner alten Heimat Proß. 2008 brachte er sich selbst schließlich noch das Alphornblasen bei. „Musik hält gesund, macht froh in jeder Lebenslage und bringt mich immer wieder nach oben“, sagt er mit Überzeugung. „Sie hat etwas Heilendes.“

Bescheidenheit, Glauben und der Wunsch nach einem harmonischen Miteinander prägen Siegbert Unger seit jeher. „Ich habe gefühlt alles gemacht, war immer neugierig“, resümiert er. So bringt er sich seit Jahrzehnten in seiner Region ein – sei es als Ehrenvorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr oder in Vereinen wie dem Imkerverein, dem Gartenbauverein, dem Bund Naturschutz oder dem Waldorfförderverein.

Große Fernreisen hat er nie gebraucht: Zwei Urlaube in Spanien und in der Türkei reichten ihm völlig. Siegbert Unger bleibt am liebsten mitten im Leben vor Ort – und das hoffentlich noch viele Jahre.

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