Stadtsteinach
Einst ein blühender Supermarkt
Denkmal oder Verkehrshindernis – dazu gab es kontroverse Debatten in Stadtsteinach. Siegfried Sesselmann
Denkmal oder Verkehrshindernis – dazu gab es kontroverse Debatten in Stadtsteinach. Siegfried Sesselmann // 
Stadtsteinach

„Wo kauf‘ mer uns heut‘ a Kugel Eis – beim Konditor, bei der Schlemmers Kuni oder bei der Templa?“ Wenn Kinder sich vor vielen, vielen Jahren in Stadtsteinach im Sommer bei brütender Hitze mit ihrem soeben erhaltenen Taschengeld trafen, fragten sie sich gerne angesichts der Auswahl vor Ort. Oft musste noch für die Mutter oder für die Oma Salzheringe aus dem Fass oder Gurken und Sauerkraut mitgebracht werden und so war zumindest eine Kugel selbst gemachtes Eis für „a Zehnerla“ als Lohn inbegriffen.

Der Konditor Michel in der Forstamtstraße existierte noch bis April 2024 und war über 100 Jahre geöffnet, das Geschäft Kuni Schlemmer in der Hammergrundstraße 2 wurde 1986 als Gewerbe abgemeldet, aber wo stand das Geschäft Tempel?

Beliebter Treffpunkt

Von der Kronacher Straße kommend in Richtung Bahnhofstraße, am früheren Wollgeschäft Hümmer (jetzt Metzgerei Schüssler) vorbei, sah man bis 1998 das Haus Kronacher Straße 3, ganz früher die Nummer 64, das im Stadtsteinacher Geschäftsleben eine wichtige Rolle spielte. Nach dem Abriss ist es bei vielen in Vergessenheit geraten, obwohl es doch ein wichtiger Treffpunkt gewesen war, um allerlei Sachen zu kaufen oder neueste Nachrichten zu erfahren.

Im Jahre 1868 erhielten hier Adam Schneider (1821 – 1900), ein Damenschneider und Armenpfleger, und seine Frau Eva die Konzession für ein Krämergeschäft. Deren Tochter Barbara (1856 – 1941), früher umgangssprachlich Babette, heiratete 1878 den Müller Paulus Tempel (1851 – 1915). Im Jahre 1883 übernahmen Paul und Babette Tempel das Geschäft und bauten es zu einer Spezereihandlung aus, wobei die Gewürze und Waren aus den deutschen Kolonien (die bis 1918 bestanden – deshalb auch die Bezeichnung Kolonialwarengeschäft) mit ins Sortiment aufgenommen wurden. Paulus Tempel richtete einen Getreidegroßhandel ein und erwarb 1880 eine Scheune am Torgarten (heute Platz der Sparkasse).

Von ihren sieben Kindern gab der jüngste Sohn Michael (1892 – 1976), ein diplomierter Elektrotechniker auf Drängen der Mutter seine Anstellung bei der Firma AEG auf, um sie zu unterstützen. Er war als junger Witwer in zweiter Ehe mit Margareta Spindler (1899 – 1989) verheiratet.

Michael Tempel führte zusammen mit seiner Frau ein Elektroinstallationsgeschäft, das von 1933 – 1955 angemeldet war, und beide halfen im „Kolonialwarengeschäft“ der Mutter mit, das nun verstärkt Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Kakao, Gewürze und Tee, eben Produkte aus den „Kolonien“, führte.

Im Jahre 1937 übergab die Mutter Barbara nach etwa 55 Jahren das Lebensmittelgeschäft an Michael und Margareta Tempel, die von ihren Stammgästen liebevoll Maichareta genannt wurde. Sie bot ihr vielfältiges Sortiment 50 Jahre lang bis zum Jahr 1987 den Stadtsteinachern an.

Es wird wohl kein Kind damals in Stadtsteinach gegeben haben, dass nicht mit einem Eis vom Tempel zu vielen zusätzlichen Arbeiten oder als Belohnung gelockt wurde. „Eine Kugel Eis, einige Colagummifläschchen und Brausepulver zum Auflösen für 30 Pfennig.“ Wie in einem Supermarkt heute konnte man eigentlich alles kaufen, nur von jeder Sorte gab es kaum Auswahl. Zum Plausch standen zwei Stühle und ein kleiner Tisch im Verkaufsraum, und viele Stadtsteinacher verbrachten eine gemütliche Auszeit bei der „Tempela“. Berühmt waren die Heringe aus dem Fass.

Von den sechs Kindern, die Michael und Margareta Tempel hatten, führte keines die Tradition fort und so endete das Angebot 1987.

Prekäre Platzsituation

Für das Grundstück Kronacherstraße 3 wurde aufgrund der prekären Verkehrslage laut Bauleitplan beschlossen, die Fläche künftig nicht mehr zu bebauen. Die Stadt räumte sich außerdem für das Anwesen ein Vorkaufsrecht ein. Die Lastwagen, die Richtung Bahnhofstraße fuhren oder umgekehrt, wurden immer größer und so war Handlungsbedarf nötig. Als der Stadt Stadtsteinach das Anwesen zum Kauf angeboten wurde, schlug man zu. 1997 ging das Haus mit dem traditionellen Geschäft auf die Stadt über. Zur Verbesserung der Verkehrssituation wurde der geschichtsträchtige Supermarkt 1998 abgerissen, und das Areal wurde danach neu gestaltet.

Auch wenn das Haus verschwunden ist, bleiben doch die Erinnerungen.

Der Gartenbauverein Stadtsteinach nutzt an Ostern die freie Fläche, auf der das Lebensmittelgeschäft Michael und Margareta Tempel stand, das 1998 abgerissen wurde
Der Gartenbauverein Stadtsteinach nutzt an Ostern die freie Fläche, auf der das Lebensmittelgeschäft Michael und Margareta Tempel stand, das 1998 abgerissen wurde // 
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