Kulmbach
„Social Media ist Segen und Fluch“
Wie wirken all die Informationen – auch die falschen – zum Thema Ernährung gerade auf junge Leute? Das untersucht ein Team der Uni Bayreuth am Campus Kulmbach.
Wie wirken all die Informationen – auch die falschen – zum Thema Ernährung gerade auf junge Leute? Das untersucht ein Team der Uni Bayreuth am Campus Kulmbach. // Franziska Schäfer
Kulmbach

Da gibt es die Wunderpille aus Fernost oder wahlweise das „Superfood“, das die Lebensgeister schneller munter macht, als die Milch es je zu tun vermocht hätte: In sozialen Medien verbreiten sich Fehl- und Desinformationen zur Ernährung rasant – und erreichen vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

Das europäische Verbundprojekt „Food-Frames“ untersucht nun, wie stark junge Menschen in Europa solchen Inhalten ausgesetzt sind, wie sie damit umgehen und welche Folgen dies für ihre Ernährung und psychische Gesundheit hat.

Der Lehrstuhl für Public Health-Nutrition um Prof. Dr. med. Peter Philipsborn an der Universität Bayreuth erhält dafür mehr als 220.000 Euro vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.

Das Projekt am Campus Kulmbach ist Teil des bis 2029 laufenden Vorhabens, das mit insgesamt 2,6 Millionen Euro gefördert wird.

Früher gab es in Sachen Ernährungsmythen ein paar Klassiker wie: Bier auf Wein – das lass„ sein oder: Spinat enthält das meiste Eisen. Da gab es aber auch kein Social Media. Ist das heute eher Segen oder Fluch?

Peter Philipsborn: Ich würde sagen: ein Segen und ein Fluch. Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, Tiktok und YouTube finden sich viele sachlich fundierte, hilfreiche Informationen zu Ernährung und Gesundheit. Und sie bieten Menschen Möglichkeiten, persönliche Erfahrungen auszutauschen und Beziehungen zu knüpfen. Gleichzeitig sehen wir aber auch viele irreführende, einseitige oder schlicht falsche Inhalte, und auch viel Werbung für Ungesundes, die sich oft gezielt an Kinder richtet.

An welche Zielgruppe richten sich Ihre Forschungen?

In der Öffentlichkeit und der Politik wird viel darüber diskutiert, wie sich soziale Medien auf die Gesundheit und das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen auswirken, und wie wir als Gesellschaft reagieren sollten. Wir wollen eine faktenbasierte Grundlage für diese Diskussionen liefern.

Self-Awareness und Longivity – also grob gesagt die menschliche Langlebigkeit – sind Schlagworte im Kontext mit Gesundheit und Lifestyle. Agieren die Menschen heutzutage bewusster, was ihre Nahrung angeht?

Tatsächlich ist es den allermeisten Menschen wichtig, sich gesund zu ernähren. In Umfragen sagen regelmäßig über 90 Prozent aller Menschen, dass sie versuchen, hierauf zu achten. Für Eltern gilt das im Besonderen, aber nicht nur. Allerdings ist es nicht immer einfach, diese guten Vorsätze in die Tat umzusetzen – beispielsweise wenn es in Kita und Schule oder auch in der Betriebskantine wenig gesundes Essens gibt oder dieses nicht schmeckt. Eine Tiefkühlpizza ist auch günstiger und schneller zubereitet als ein gesundes, frisch gekochtes Gericht mit Gemüse und Salat; die Zeit und das Geld dafür muss man erst mal haben. In vielerlei Hinsicht ernähren sich die meisten Menschen daher heute trotz eines gestiegenen Gesundheitsbewusstseins nicht gesünder als früher.

Was sind die größten Fehlinformationen auf dem Gebiet?

Welche Fehlinformation die größte ist, lässt sich schwer sagen. Weit verbreitet ist sicherlich das Missverständnis, dass es für eine gesunde Ernährung spezielle, oft teure Produkte braucht, wie „Superfoods“, Proteinshakes, oder – der neuste Trend – Energydrinks mit zugesetzten Ballaststoffen. Wenn man sich ausgewog en ernährt, sind die meisten dieser Produkte überflüssig. Eine gesunde Ernährung heißt zu allererst: viel Gemüse und Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen – und nicht zu viel Süßes, Softdrinks und Fastfood. Das hat man schon im Kindergarten gelernt und es stimmt immer noch, auch wenn Hype-Nachrichten einen anderen Eindruck erwecken.

„Food Frames“ ist ein Zusammenschluss verschiedener Partner über Deutschlands Grenzen hinweg. Welche Unterschiede in der medialen Aufnahme von Ernährungsthemen nehmen Sie wahr?

Ernährung ist überall ein wichtiges Thema. In manchen Ländern hat Essen noch einen höheren Stellenwert als bei uns. So wird etwa in Frankreich und Italien mehr Geld fürs Essen ausgegeben und mehr selbst gekocht. Man nimmt sich mehr Zeit, gemeinsam in der Familie oder mit Freunden zu essen, und das nicht vorm Fernseher, sondern am Esstisch – die Fastfood-Kultur nach dem Motto „Hauptsache schnell und günstig“ ist dort noch nicht ganz so weit verbreitet.

Lässt sich den Mythen und im schlimmsten Fall Falschinformationen gegensteuern?

Das wollen wir mit unserem Projekt herausfinden – wie man die positiven Seiten der sozialen Medien für die Ernährungsbildung nutzen und gleichzeitig Fehlinformationen eindämmen kann.

Welche Ausflüsse in die Politik sollen oder können Ihre Ergebnisse haben?

Es ist die Aufgabe von demokratisch gewählten Regierungen, zu entscheiden, ob und wie soziale Medien reguliert werden sollen. Wir wollen Fakten für eine fundierte Diskussion und fundierte Entscheidungen liefern.

 Interview: Jochen Nützel

Peter Philipsborn Uni
Peter Philipsborn Uni // 
Inhalt teilen
  • kopiert!