Es sind winzige Fossilien, kaum wenige Millimeter groß, die einen erstaunlichen Blick in die Erdgeschichte eröffnen. Im Museum Terra Triassica in Euerdorf wird an ihnen nicht nur geforscht, die Sammlung aus der Trias zieht inzwischen Wissenschaftler aus aller Welt an. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Gang Li vom Nanjing Institute of Geology and Palaeontology der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, der nach Euerdorf gekommen ist, um die hier gefundenen Muschelkrebse „Conchostraca“ mit seinen Funden aus China zu vergleichen.
Das Museum Terra Triassica im alten Euerdorfer Forsthaus ist weit mehr als ein Ort, an dem spektakuläre Fossilien ausgestellt werden. Die Dauerausstellung dokumentiert die Lebenswelt der Trias im heutigen Mainfranken, mit Fossilien von Fischen, Reptilien, Wirbellosen, Pflanzen, Insekten und anderen Zeugnissen eines längst vergangenen Ökosystems. Die Originalfossilien bilden dabei die Grundlage für die Rekonstruktion der damaligen Lebensräume. Vor allem aber besitzt Euerdorf einen wissenschaftlichen Schatz: die Sammlung Mainfränkische Trias Euerdorf (SMTE). Mehr als 25.000 Einzelstücke umfasst der Bestand. Er steht Wissenschaftlern für Forschungszwecke zur Verfügung und wird bis heute von der Sammlergruppe betreut.
Die Anfänge
Die Geschichte dieser außergewöhnlichen Sammlung begann mit der Begeisterung von vier jungen Fossiliensammlern: Horst Mahler und Jürgen Sell begannen 1968 mit der Suche nach Versteinerungen. 1970 kam Michael Henz hinzu, 1978 Bernd Neubig. Aus der anfänglichen Faszination für „schöne Versteinerungen“ entwickelte sich über Jahrzehnte eine immer systematischere Beschäftigung mit Geologie und Paläontologie. Die vier vernetzten sich mit Fachwissenschaftlern, dokumentierten ihre Funde und erschlossen die Gesteinsschichten der Region immer genauer.
1983 stellten die vier ihre Sammlung dem Markt Euerdorf als Dauerleihgabe zur Verfügung. Mit der Gründung des Museums wurde die Sammlung zum zentralen Bestandteil der Ausstellung; die Sammler übergaben ihren Bestand dem Markt Euerdorf als Schenkung. Wie eng die Arbeit der Vier mit der akademischen Paläontologie verbunden ist, zeigen wissenschaftliche Veröffentlichungen und Erstbeschreibungen.
Prof. Dr. Li ist Spezialist für sogenannte „Conchostraca“. Weil bestimmte Formen dieses Muschelkrebses nur in bestimmten Zeitabschnitten und Schichten vorkommen, können sie für die Biostratigraphie von großer Bedeutung sein. Der 59-jährige, der in Heidelberg studierte und über Deutschkenntnisse verfügt, untersucht weltweit die Verbreitung dieser Tiere.
Auf das Museum aufmerksam wurde Prof. Dr. Li durch den wissenschaftlichen Austausch mit Jürgen Sell und insbesondere durch eine gemeinsame Publikation von Sell und dem Würzburger Geologen Prof. Dr. Gerd Geyer. Schon seit geraumer Zeit standen die Wissenschaftler miteinander in Kontakt. „Anfang dieses Jahres habe ich Jürgen Sell geschrieben, ob es eine Möglichkeit gibt, die Funde hier in Euerdorf zu begutachten“, so Prof Dr. Li.
Der Euerdorfer, der bereits seit längerer Zeit mit Prof. Dr. Li in Kontakt stand, wollte zunächst genau wissen, ob die wissenschaftlichen Arbeiten des chinesischen Forschers inhaltlich zu den Schwerpunkten der Euerdorfer Sammlung passten. Dann war klar: Die Interessen ergänzen sich in besonderer Weise.
Bürgermeisterin Heike Vogt lud den chinesischen Wissenschaftler offiziell nach Euerdorf ein. Daraufhin erhielt er einen offiziellen Forschungsauftrag aus China und ein damit verbundenes erforderliches Visum für die sogar maximal mögliche Aufenthaltsdauer von drei Wochen. So konnte seine Forschungsreise nach Euerdorf antreten. Sein Urteil über die Funde in der Marktgemeinde fällt bemerkenswert aus: „Euerdorf besitzt für die Erforschung der Trias einen außergewöhnlichen, international relevanten Fundus.“ Vor allem die große Zahl und die präzise stratigraphische Zuordnung der Muschelkrebse machen die Sammlung für Li zu einem wissenschaftlichen Schatz, mit dem er exzellent arbeiten kann.
Globale Bedeutung
Die Tiere sind winzig. Viele der untersuchten Exemplare messen etwa zwei bis neun Millimeter, einzelne Stücke können bis zu 40 Millimeter groß werden. Prof. Dr. Li untersucht die Fossilien unter dem Mikroskop, dokumentiert ihre Merkmale und ordnet sie den Gesteinsschichten zu. Entscheidend ist nicht nur, welcher Muschelkrebs gefunden wurde, sondern wo genau er gefunden wurde, also aus welcher Schicht das Fossil stammt. „Die deutschen Biozonen sind gut untersucht und gut eingrenzbar“, erklärt er. Von den Funden aus Euerdorf ausgehend könne er Vergleiche mit Vorkommen in anderen Teilen der Welt anstellen. Damit wird aus einem kleinen Fossil aus Mainfranken ein Baustein für eine globale geologische Vergleichsskala.
Genauigkeit ist wichtig
Beeindruckt zeigt sich der chinesische Wissenschaftler von der stratigraphischen Detailkenntnis der Euerdorfer Sammler, die „die einzelnen Schichten geradezu bis ins Detail kennen.“ Gemeint sind damit eben nicht nur die großen Einheiten der Trias, sondern die verschiedenen Untergliederungen innerhalb dieser Formationen. Diese Genauigkeit ist für die wissenschaftliche Arbeit von entscheidender Bedeutung.
Dass die vier Euerdorfer, die ursprünglich als Fossiliensammler begonnen haben, sich dieses Wissen über Jahrzehnte angeeignet haben, beeindruckt den Wissenschaftler aus Nanjing ebenfalls sehr. Für Prof. Dr. Li sind sie gleichwertige Gesprächs- und Forschungspartner. Gerade darin liegt vielleicht die besondere Geschichte des Museums „Terra Triassica“.
Während seines Aufenthalts beschränkt sich der chinesische Gast nicht auf die Untersuchung der Museumsstücke. Mit den Euerdorfer Sammlern werden Exkursionen in die Region unternommen. Dabei werden Schichten untersucht und neue Fossilien geborgen. Diese wird er zur genaueren Bearbeitung mit nach China nehmen. Auch ausgewählte Leihgaben aus der Euerdorfer Sammlung werden dort untersucht und dann nach Euerdorf zurückkehren. Prof. Dr. Li bringt seine Erfahrung und seine Kenntnisse über die weltweite Verbreitung der Conchostraca ein. Die Euerdorfer wiederum verfügen über eine außergewöhnliche regionale Kenntnis der Gesteinsschichten und Fundstellen.
Eine Vision
Vielleicht liegt darin die Besonderheit von Terra Triassica. Es zeigt, wie Wissenschaft entsteht: im Gelände, am Mikroskop, in der Präparierwerkstatt, beim Vergleich von Fundstücken und im Gespräch zwischen Forschern. „Euerdorf schafft gewissermaßen wissenschaftliche Standards“, so Prof. Dr. Li. Für ihn ist das Museum „Terra Triassica“ ein Ort, den er weiterempfehlen wird. Und der Austausch soll weitergehen. Prof. Dr. Li hat die vier Euerdorfer nach China eingeladen. Seine Vision: gemeinsame Feldarbeit, weiterer Austausch von Materialien und eine gemeinsame wissenschaftliche Publikation.













