Am 25. November ist Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen. Ein Tag, der das Augenmerk mit bundesweiten Aktionen auf das Thema lenken soll. Für Daniela Schwarz und Alona Isheim gehört Gewalt gegen Frauen zum beruflichen Alltag.
Als Fachliche Leitungen des Frauenhauses für die Region Main-Rhön und der Fachberatungsstelle bei häuslicher und sexualisierter Gewalt in Schweinfurt arbeiten sie tagtäglich mit Betroffenen. Wie diese Arbeit aussieht, was sie sich vom Gesetzgeber wünschen und wie Weihnachten im Frauenhaus gefeiert wird, beantworten sie im Interview.
Frau Schwarz, Frau Isheim, was ist die wichtigste Aufgabe des Frauenhauses bzw. der Fachberatungsstelle?
DANIELA SCHWARZ: Im Frauenhaus bieten wir einen Schutzraum und Unterstützung für akut von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder. Es ist ein Rückzugsort für Frauen, damit sie erst mal zur Ruhe kommen und klare Gedanken fassen können.
ALONA ISHEIM: Die Fachberatungsstelle hat es zur Aufgabe, Frauen und Mädchen, die häusliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren, zu beraten und zu unterstützen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gewalterfahrung in der Vergangenheit liegt oder es ein akuter Fall ist. Häusliche Gewalt ist immer noch alltäglich.
Wie viele Frauen haben Sie im vergangenen Jahr beraten? Wie viele waren im Frauenhaus untergebracht?
ISHEIM: Wir betreuen nicht nur Betroffene, sondern auch Angehörige oder Vertrauenspersonen und auch Fachkräfte. Insgesamt haben wir im vergangenen Jahr 838 Beratungen durchgeführt, 272 Personen haben bei uns Rat gesucht, davon 223 Betroffene selbst.
SCHWARZ: Im vergangenen Jahr waren im Frauenhaus 39 Frauen und 39 Kinder untergebracht, 2025 sind es bisher schon 53 Frauen und 58 Kinder. Daneben hatten wir 2024 noch 88 ambulante Beratungen.
Wie sieht der typische Ablauf aus, wenn eine Frau im Frauenhaus aufgenommen wird?
SCHWARZ: Das Ankommen einer Frau ist so individuell wie ihre Situation. Wenn die Frau sich entschieden hat, ins Frauenhaus zu kommen, dann vereinbaren wir einen Treffpunkt. Dann bringen wir sie ins Haus, stellen sie den anderen Bewohnerinnen vor, zeigen ihr die Wohnräume. Und in den ersten Tagen finden meist viele Gespräche statt. Das richtet sich aber nach dem Bedarf und der Situation der Frau, was gerade für sie wichtig ist.
Wie sieht die Wohnsituation aus?
SCHWARZ: Wir haben zwölf Plätze für Frauen mit und ohne Kinder. Es gibt sechs separate Wohnungen und je zwei Frauen teilen sich eine Einheit. Jede Frau hat ein Zimmer für sich. Küche, Bad, Wohnzimmer teilen sie sich. Die Wohnungen sind voll ausgestattet, damit die Frauen direkt eine vollständige Wohnung wie im Alltag vorfinden.
Sind die zwölf Plätze immer besetzt?
SCHWARZ: Nein. Die Auslastung ist sehr unterschiedlich und man kann es auch tatsächlich an nichts festmachen. Wir haben durchaus öfter einen Platz frei, was theoretisch auch so sein sollte, damit eine Akutaufnahme jederzeit möglich ist.
Wie lange bleiben Frauen bei Ihnen?
SCHWARZ: Das ist sehr individuell. Im vergangenen Jahr lag die durchschnittliche Verweildauer bei 72 Tagen. Sehr viele Frauen waren etwa einen Monat oder zehn Wochen bei uns. Es gab aber auch Frauen, die nur eine Nacht blieben.
Sie unterstützen die Frauen ja auch bei bürokratischen Anliegen, richtig?
SCHWARZ: Natürlich unterstützen wir die Frauen in allen Belangen, die da auf sie zukommen. Beim Ausfüllen von Anträgen, aber auch darin, dass sie wissen, mit welchen Fragen sie sich an welche Stelle wenden können. Wir achten aber auch darauf, dass die Frauen so viel wie möglich selbst übernehmen können und eigenständig handeln.
Was denken Sie, hält Frauen davon ab, sich Hilfe zu suchen?
ISHEIM: Die Frauen denken darüber nach, was die möglichen Konsequenzen einer Trennung sind und wägen dann ab, ob das aktuell für sie eine Lösung ist. In der Beratung helfen wir, die Gewalterfahrung einzuordnen. Eine Trennung ist immer die Entscheidung der Frau. Eine Beratung ist ergebnisoffen.
SCHWARZ: Es hängt auch davon ab, ob die Frau Kinder hat oder nicht. Wenn ja, bedeutet das vielleicht einen Schulwechsel, andere verlieren den Kindergartenplatz. Frauen überlegen sich sehr gut, ob sie diesen Schritt wagen. Viele wollen vor allem für ihre Kinder vermeiden, dass sie ihr Umfeld verlieren.
Leider spielt es auch immer noch eine große Rolle, was andere darüber denken, viele haben auch eine falsche Vorstellung von einem Frauenhaus. Viele empfinden den Schritt dorthin noch immer als „Abstieg“ – statt als das, was es tatsächlich ist: eine wichtige Übergangslösung.
Wie gewährleisten Sie die Sicherheit der Frauen im Frauenhaus?
SCHWARZ: Die Adresse des Hauses ist anonym. Die darf auch nicht genannt werden, sowohl gegenüber dem Partner als auch dem restlichen sozialen Umfeld. Außerdem dürfen nur Frauen ins Haus, die dort auch wohnen, und sie haben auch keinen eigenen Schlüssel, damit dieser ihnen nicht entwendet werden kann.
Gibt es Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit eine Frau im Frauenhaus aufgenommen werden kann?
SCHWARZ: Für eine Aufnahme spielt eine Rolle, dass die Frau volljährig ist und akut von häuslicher Gewalt bedroht oder betroffen ist. Und sie muss freiwillig kommen wollen. Wir sprechen immer selbst mit der Frau. Wir nehmen nie Betroffene über Dritte vermittelt auf. Es muss ihre eigene Entscheidung sein.
Wie kann man als außenstehende Person einer Frau helfen, die möglicherweise betroffen ist?
ISHEIM: Es bleibt immer die Entscheidung der Frau. Doch schon Zuhören und Glauben schenken sind eine große Unterstützung – etwas, das viele Betroffene zuvor kaum erfahren haben. Man kann passende Stellen nennen und sie dorthin begleiten, aber nichts darf über ihren Kopf hinweg passieren. Viele Frauen trennen sich nicht sofort, oft braucht es mehrere Anläufe. Da heißt es dann: Dranbleiben und weiter für sie da sein.
Seit Anfang des Jahres ist das Gewalthilfegesetz beschlossen, ein bundesweiter Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder. Was hat sich für Sie geändert?
ISHEIM: Der Rechtsanspruch beginnt ja erst ab 2032. Wir wünschen uns, dass die Expertise des Frauen-Unterstützungssystems mit in die Ausgestaltung einfließt. Wir sind diejenigen, die mit den Betroffenen tagtäglich arbeiten.
SCHWARZ: Wir gehen davon aus, dass die Kosten für das Haus und die Unterbringung nicht abgedeckt werden. Es ist mit der Miete noch lange nicht getan, was gestemmt werden muss. Man weiß noch nicht, wie viel von den Kosten umfasst sein wird. Insofern stehen gerade die autonomen Frauenhäuser mit kleinem Träger vor einer Existenzfrage.
Zur Weihnachtszeit kommen die Familien zusammen, es wird Alkohol konsumiert. Gibt es um diese Zeit vermehrt Kontaktaufnahmen bei Ihnen?
SCHWARZ: Im Gegenteil, es sind eher weniger. Viele Betroffene wollen vor allem für die Kinder im Kreis der Familie feiern und versuchen vielmehr noch, die Lage um jeden Preis ruhig zu halten. Wir sind aber durchgängig erreichbar für Betroffene.
Wie sieht Weihnachten im Frauenhaus aus?
SCHWARZ: Wir feiern kurz vor Heiligabend gemeinsam. Wir besorgen immer einen echten Weihnachtsbaum und es gibt auch eine Bescherung. Ein kleines Fest, das wir mit den Frauen und Kindern zusammen vorbereiten und gestalten.
Betroffene können sich unter Tel.: (09721) 185233 an die Fachberatungsstelle, unter Tel.: (09721) 786030 an das Frauenhaus wenden.











