Vor wenigen Tagen starteten Bruce Mainzer und seine vier Geschwister aus den USA zu einem mehrtägigen Deutschlandbesuch auf den Spuren ihrer Vorfahren. Anlass der Reise war die Stolpersteinverlegung in Halle (an der Saale) für elf Mitglieder der Familie Mainzer. Weitere Stationen der Reise in die Vergangenheit waren Schmalkalden und Bad Kissingen, wo die Ursprünge der Familie Mainzer liegen.
Vorfahren lebten seit Ende des 18. Jahrhunderts in Bad Kissingen
Salomon (Schlomo) Mainzer, der als sogenannter „Schutzjude“ der Herren von Erthal im Judenhof wohnte und Viehhändler war, hatte 1817 den Familiennamen Mainzer angenommen. Und noch ihr Großvater Hugo Mainzer wurde 1881 in der Kurstadt geboren.
Nach dem Besuch der Kissinger Realschule und einer kaufmännischen Lehre im Geschäft seines Vaters zog er nach Halle. Dort wurde er Teilhaber der Firma „Joseph Frank, Inhaber Moritz Fried und Hugo Mainzer“, eines Familienbetriebs, der sich in den nächsten Jahrzehnten zum größten Viehhandelsunternehmen Deutschlands entwickeln sollte.
Diese Erfolgsgeschichte fand in der NS-Zeit ein jähes Ende. Hugo Mainzer, der als überzeugter Patriot im Ersten Weltkrieg gekämpft und mit dem Eisernen Kreuz und dem Ehrenkreuz für Frontkämpfer ausgezeichnet worden war, wollte trotz einsetzender Verfolgung der Juden diese Entwicklung zunächst nicht wahrhaben. Er ließ sich nicht von seiner Überzeugung abbringen, weiter in Deutschland zu bleiben.
Im Juli 1932, als die Nationalsozialisten zur stärksten Partei im Reichstag geworden waren, soll er noch zu seinem Sohn gesagt haben: „Das deutsche Volk wird niemals einen Clown wie Hitler dulden.“
Im Herbst 1938 musste auch Hugo Mainzer begreifen, dass dies eine fatale Illusion gewesen war. Seine Firma wurde aufgelöst – er wurde während des Novemberpogroms verhaftet und im KZ Buchenwald inhaftiert und misshandelt – und die Gestapo plünderte die Wohnung und beschlagnahmte sämtliche Wertgegenstände. Mit der Auflage, Deutschland umgehend zu verlassen, wurde Hugo Mainzer Anfang Dezember 1938 aus dem KZ entlassen.
Die Flucht gelingt im letzten Augenblick
Doch alle Anstrengungen seiner bereits in den USA lebenden Söhne, US-Visa für ihn und ihre Mutter Herta zu bekommen, blieben erfolglos. Glücklicherweise gelang ihnen aber ein Jahr später noch im letzten Augenblick die Flucht nach Argentinien. 1941 konnten beide in die USA einreisen und ließen sich in Chicago nieder. Hier fanden die Überlebenden der Familie Mainzer ihr neues Zuhause. Hugo Mainzer hat allerdings – wie sein Sohn Martin betont – „nach seiner Flucht aus Nazideutschland nie wieder einen Sinn in seinem Leben gefunden. Hugo träumte weiterhin davon, sein früheres Viehhandelsgeschäft in Halle wieder aufzunehmen, das er unter den Nazis verloren hatte. Doch diese Träume blieben Illusion – seine Heimatregion lag unter sowjetischer Besatzung, und die Welt, die er gekannt hatte, war verschwunden“.
Nachkomme von NS-Opfer zum zweiten Mal in Bad Kissingen
Bruce Mainzer, ein Enkel Hugos, besucht Bad Kissingen bereits zum zweiten Mal. Er war schon einmal in den 1970er-Jahren mit seinem Vater hier. In den vergangenen Jahren hat er sich intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt, und vor allem auch seinem Einsatz ist diese außergewöhnliche Deutschlandreise zu verdanken.
Bruce, seine vier Geschwister und ihre Partner waren bei ihrem kurzen Aufenthalt in Bad Kissingen beeindruckt von den Sehenswürdigkeiten der Weltkulturerbe-Stadt. Sie besuchten außerdem die Ausstellung „Jüdisches Leben in Bad Kissingen“ und besonders berührend war es für sie, die Häuser zu sehen, in denen ihre Vorfahren gewohnt haben, und schließlich an deren größtenteils noch gut erhaltenen Gräbern auf dem jüdischen Friedhof zu stehen.














