Ja, was war denn jetzt das? Die Hofer gastierten zum Abschluss des 40. Theaterrings, dessen Titel man als Kultbrettspiel und als Film kannte: „Cluedo“. Jetzt gab es das Ganze in einer Bühnenfassung von Sandy Rustin (in der Übersetzung von Uli Gnadt), die im September 2021 am Mirada Theatre in Los Angeles ihre Uraufführung hatte.
Und man durfte im Vorfeld gespannt sein: „In „Cluedo“ verschmilzt die Spannung eines klassischen Krimis mit dem Humor einer temporeichen Komödie und führt das Publikum in eine Welt voller Verdächtigungen, Intrigen und schräger Gestalten“, machte das Theater in seiner Werbung Appetit. Und es gab weitere „Amuse-geules“: „Ein spannungsgeladener Abend im Jahre 1954 im Herrenhaus des Dr. Schwarz, und das nicht nur wegen des Gewitters:
Einladung zum Abendessen
Der Hausherr, unter anderem auch Erpresser von Beruf, hat seine sechs Opfer zu sich zum Abendessen eingeladen. Zuvor gab er ihnen die Anweisung, nur unter einem vorgegebenen Pseudonym aufzutreten und niemandem zu trauen. Die sechs Damen und Herren, allesamt in gehobener Stellung, die nicht wissen, was sie an diesem Abend erwartet, werden von Butler Wadsworth und dem Dienstmädchen Yvette empfangen.
Der geheimnisvolle Butler scheint ebenfalls eingeweiht zu sein, jedenfalls enthüllt er vor allen (bereits Anwesenden) die Geheimnisse der Besucher, deretwegen sie erpresst werden...“
Kein „Mousetrap 2.0“
Was hatte man sich vorzustellen? Der erste – und einzige – Gedanke ging sofort in Richtung Agatha Christie und ihre „Mousetrap“ („Mausefalle“), denn die Ausgangssituation ist ähnlich. Aber das war’s dann auch schon: Eine „Mousetrap 2.0“ ist „Cluedo“ nicht. Dazu fehlt ihm zumindest ein Schuss englischer Teetrinker-Behäbigkeit. Leider. Denn mit etwas weniger Volldampf hätte man als Zuschauer bessere Chancen gehabt, zu verstehen, worum es überhaupt ging.
Dass etwa der Butler (wieso war er geheimnisvoll?) bei der Einzelbegrüßung der Gäste auch die Gründe ihrer Erpressbarkeit genannt haben soll, merkte man leider erst spät. Dass mitten im Getümmel Profi-Erpresser Dr. Schwarz erschossen wurde, war erwart- und verschmerzbar. Aber warum ging man dann nicht heim? Oder warum meuchelte man die Köchin, den Hilfspolizisten oder das „singende Telegramm“?
Wo der rote Faden doch zu entdecken war
Manchmal konnte man ja Zugriff auf einen roten Faden finden: Wenn etwa die sechs Gäste erfuhren, dass der Erpresser nicht nur Geld wollte, sondern im Fall der Weigerung sein belastendes Material dem Komitee für unamerikanische Umtriebe des Senators Joseph McCarthy zu übergeben und sie so zu ruinieren. Aber dann tauchte man schon wieder ab.
Ralf Hocke hat in seiner Inszenierung sehr stark auf Tempo gesetzt und auf komödiantische Effekte, die ihre Absicht nicht verfehlten: Es wurde viel gelacht – und damit nicht nur die Handlungsarmut überdeckt, sondern auch der irrsinnige Plot: Wenn’s nach Dr. Schwarz gegangen wäre, wären am Ende zehn Leute tot gewesen (inklusive er selbst). Und nur zwölf waren aus Hof gekommen. Vielleicht hätte es stärkere Bücher gegeben. Aber vielleicht haben die Proben der Truppe so viel Spaß gemacht, dass sie etwas in das Fahrwasser des Improtheaters geraten sind. Nur muss halt der Wurm am Ende dem Fisch schmecken und nicht dem Angler.
Bemerkens- und Lobenswertes
Aber seien wir nicht undankbar. Es gab durchaus einiges, das (be-)merkenswert war. Zum Beispiel, wie bei den Hofern nicht anders erwartet, die schauspielerische Leistung, wenn man nicht auf das Was, sondern auf das Wie schaute: allesamt sehr scharf konturierte Charaktergestalten, die dadurch ihre Rollenklischees sehr gut angemessen transportierten, aber auch immer ein bisschen ironisierten. Und die ihren zupackenden Kurs bis zum Schluss konzentriert durchhielten.
Da war die Choreografie von Carolin Waltsgott, die sehr viel Genauigkeit, aber auch sehr viel Frische in die Beziehungen der Personen brachte.
Ein großartiges Bühnenbild
Aber der Gewinner des Abends war das Bühnenbild von Aylin Kaip: Die leere Bühne war rundum von dunkelgrünen Platten und Tüchern eingefasst, die mit dünnen weißen Linien konturiert und dekoriert waren. Durch die anfangs einzige erkennbare Türe in der Mitte hätte auch Nosferatu herauskommen können. Aber dann wurde deutlich, dass einige der anderen gezeichneten Türen echt waren, sich öffnen ließen. Und aus zwei der Türen konnte man sogar ein Stück Zimmer herausziehen und die Perspektive erweitern. Es passiert nicht oft, dass ein Bühnenbild zur Spannung beiträgt. Der lange Schlussbeifall galt zum Teil bestimmt auch ihm.









