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Kissinger Sommer
Anne-Sophie Mutter - so kam der Weltstar nach Franken
Anne-Sophie Mutter beim Kissinger Sommer 2023 im Max-Littmann-Saal des Regentenbaus.
Anne-Sophie Mutter beim Kissinger Sommer 2023 im Max-Littmann-Saal des Regentenbaus. // Gerhild Ahnert
Bad Kissingen – So viel Geld für die Gage hat Intendant Alex Steinbeis eigentlich nicht - aber dieser gute "Zweck" kam ihm entgegen. So ordnet Kritiker Tom Ahnert Mutters Spiel ein.

Donnerwetter! So voll war der Max-Littmann-Saal nicht mehr, seit Cecilia Bartoli das letzte Mal beim Kissinger Sommer war. Das war 2016. Da musste erst Anne-Sophie Mutter kommen, damit nicht nur der Große Saal gerammelt voll war, sondern dass auch im Grünen Saal und dieses Mal sogar im „Langen“ oder „Dunklen Gang“ sich die Stühle an den Stellen ballten, wo man einen Blick auf die Bühne hatte. Das Kissinger-Sommer-Publikum hatte 37 Jahre auf den Augenblick warten müssen. Sie hätte tatsächlich 1986 schon zum Kissinger Sommer kommen können, denn sie hatte bereits zehn Jahre zuvor ihr Debüt in Luzern und ein Jahr später in Salzburg – mit Herbert von Karajan – gegeben.

Bislang unerschwinglich

Dass die Gründungsintendantin Dr. Kari Kahl-Wolfsjäger sie nie nach Bad Kissingen geholt hat, obwohl das immer wieder gewünscht oder gefordert wurde, ist allerdings verständlich. Es müssen gar nicht einmal künstlerische Gründe gewesen sein. Eine Anne-Sophie Mutter als strahlende Solistin vor einem Orchester, wie man sie sich gerne vorstellt, wäre viel zu teuer geworden. Wenn man nicht nur ihre Gage, sondern auch einen international renommierten Dirigenten und ein dazu passendes Orchester findet, dann steht unter dem Strich eine Summe, die auch mit einem platzmäßig aufgepumptem Littmann-Saal nicht im Entferntesten erwirtschaften.

Als Kammermusikerin, etwa mit Lambert Orkis und Bruno Giuranna, wäre es auch keine Lösung gewesen. Das wäre „Mutter x 3“ gewesen, und Kammermusik findet nicht das ganz große Interesse, reicht meistens für den Rossini-Saal. Nicht einmal Grigory Sokolov, der als erster den Sprung in den Max-Littmann-Saal schaffte, füllt ihn über das Parkett hinaus.

Internationales Vorbild

Deshalb griff Intendant Alexander Steinbeis jetzt zu, als sich die Möglichkeit für ein Benefizkonzert zugunsten der ASM-Stiftung gab, also der Stiftung, die Anne-Sophie Mutter zur Nachwuchsförderung gegründet hat und in die sie ganz erhebliche Anteile ihrer Gagen einbringt. Da ist sie durchaus internationales Vorbild. Und „Mutter’s Virtuosi“ (nicht jeder empfindet den Namen als glücklich, mancher stört sich auch nur an dem Apostroph), allesamt aktuelle und ehemalige Stipendiaten der Stiftung, sind noch nicht so teuer, die haben das große Geldverdienen noch vor sich.

Schon als Achtjähriger aufgetreten

Zwei von ihnen waren übrigens schon einmal zu Gast beim Kissinger Sommer: Von den Ehemaligen der Bratscher Mathew Lipman, der 2016 als Stipendiat der „The Chamber Music Society of Lincoln Center New York“ da war. Und der Geiger Elias David Moncado, der etwa acht Jahre alt war, als er mit Mitschülern des Julius-Stern-Förderinstituts der UdK Berlin 2009 hier auftrat. Damals fiel er auf, weil seine Geige wirklich so klang, als sei sie aus Holz getischlert. Dieses Mal hatte er eine andere.

Gefälliges Programm

Wie bei einem Benefizkonzert nicht anders zu erwarten, war das Programm angenehm und gefällig.

Aber es gab auch zwei Ausreißer. Mit zweimal Bach und einmal Vivaldi kann man auch Musikfreunde anlocken, selbst wenn sie nicht schon wegen Anne-Sophie Mutter gekommen waren. Mit Vivaldi eröffnete sie das Konzert für drei Violinen, Streicher und B.c. RV 551, in dem Anne-Sophie Mutter, Timothy Chooi und Samuel Nebyu, die drei Solopartien übernahmen. Das ermöglichte ein ganz pfiffiges Motivspiel nicht nur mit dem Tutti, sondern auch zwischen den drei Solisten.

Im Rampenlicht

Anne-Sophie Mutter war auch die Solistin bei einem der bekanntesten Violinkonzerte überhaupt. Dem a-Moll-Konzert BWV 1041 von Johann Sebastian Bach. Da stand sie dann wirklich im Rampenlicht und im Halbkreis ihrer jungen Leute, und da konnte sie ihre Geige im langsamen Satz wunderbar singen lassen.

Und Anne Sophie Mutter hatte auch die Primarposition in Bachs Brandenburgischen Konzert Nr. 3, einem Konstrukt, das aus der Reihe fällt mit seiner Neunstimmigkeit aus drei Violinen, drei Violen und drei Celli, die von ihrer Basso-continuo-Funktion befreit sind und melodisch mitmachen dürfen.

Cembalo  kam zur Geltung

Das Continuo sind nur noch Kontrabass und Cembalo. Dass diese Musik ablaufen würde wie am Schnürchen, konnte man erwarten. Die Überraschung war das Adagio, das nur aus zwei simplen Akkorden besteht. Denn Knut Johannessen (kein Stipendiat, denn kein Streicher und zu alt) machte das, was selten passiert, was Bach aber erwartete: Er spielte eine wunderschöne improvisierte Kadenz, die auch sein Cembalo einmal zur Geltung brachte.

Spannung im zweiten Teil

Und die beiden Ausreißer? Zum einen das „Nonett für zwei Streichquartette und Kontrabass“ von André Previn, eine Auftragskomposition seiner fünften Frau (allerdings längere Zeit nach der Scheidung) für ihre „Mutter’s Virtuosi“, mit Anne-Sophie Mutter als Primaria des Quartetts A. Es ist ein gut zuhörendes tonales Werk mit spätromantischen Zügen, eine Collage aus vielen ganz unterschiedlichen Elementen aus dem internen Spiel der Quartette und ihrem Gegen- und Miteinander in zwei Teilen. Die werden getrennt von einem Dialog, den es anderweitig nicht gibt: von einem Duett zwischen Solovioline A und dem Kontrabass (Dominik Wagner), die sich eigentlich nicht viel zu sagen haben. Spannung kommt im zweiten Teil auf, weil durch kleinere melodische Verläufe Erwartungen geweckt werden.

Dramatischer Schluss

Und der andere Ausreißer? Ein frühklassisches Violinkonzert eines Franzosen mit südpazifischen Wurzeln, dessen Namen man sich schwer merkt: Joseph Bouogne Chevalier de Sait-Georges. Das ist im Vergleich zu dem Namen ein relatives Leichtgewicht, das gut zu hören ist mit ganz schönen, häufig wiederholten Melodien, mit rokokohaften Verzierungen und einem wirkungsvoll dramatischen Schluss.

Anne-Sophie Mutter als Solistin nahm es, nicht nur, weil sie es aus der Vergessenheit holte, durchaus ernst und gestalterisch durchdacht, entschärfte die Floskelhaftigkeit durch differenzierte Darstellung und lieferte dem Orchester viele Angebote. Gut, das neue Lieblingskonzert wird es nicht.

Phänomenale Technikerin

Und wie war sie nun? Anne-Sophie Mutter ist eine phänomenale Technikerin, die alles kann, die fast keine Grenzen zu kennen scheint. Sie verliert selbst in den verwirrtesten Stellen nicht ihre artikulatorische Klarheit und flüchtet sich nicht in eine vertuschende Gestik. Da steht sie wirklich ganz vorne dabei. Aber als Dirigentin und Stilistin hat sie offen gestanden etwas enttäuscht. Die drei barocken Konzerte haben jeweils zwei Ecksätze im Allegro, zwei ergänzt um ein „assai“. Aber sie nahm alle sechs sinnlos und überzogen schnell, dass es einfach keinen Spaß mehr machte zuzuhören.

Zum einen trieb sie alle, auch sich selbst, an die Grenze (und drüber) des Spielbaren und des Ensemblespiels, was einiges an Verunklärung brachte. Da ging es nicht mehr um die Musik und ihre Klangrede, sondern und die Darstellung virtuosere Potenz. Dass außer einer gewissen Terrassendynamik und wenigen Klangfarbenspielerein kein Raum für Gestaltung blieb, dass die Musik austauschbar wurde, war schade. Da ist die Entwicklung seit Harnoncourt, Rilling, Jacobs und Kollegen doch zugunsten der Musikalität weitergegangen. Das war noch die Bachästhetik der 1960-/70-er Jahre.

Zugabe

Als Zugabe gab’s noch mal Barock: Antonio Vivaldis dramatischen 3. Satz aus dem „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“. Da macht das Rasen und Toben Sinn, denn da rast und tobt auch der Sommersturm. Mit dem Werk begann übrigens Anne-Sophie Mutters Karriere vor 47 Jahren.

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