Seit über 20 Jahren erinnern die Jüdischen Kulturtage alle drei oder vier Jahre in den Sommermonaten mit Konzerten, Vorträgen und Lesungen nicht nur an die Tradition jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in der Region. Sie nehmen auch Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen Themen und zum heutigen Leben der Kinder und Enkel von Shoah-Überlebenden in Deutschland.
Einen interessanten und lesenswerten Eindruck vermittelt das bereits 2021 veröffentlichte Buch „Ich bin noch nie einem Juden begegnet...“ mit ausgewählten Biografien von in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden, aus dem der in Schweinfurt geborene Autor und Journalist Gerhard Haase-Hindenberg kürzlich in seiner öffentlichen Lesung einige Passagen vortrug.
Etwa 200.000 Juden leben in Deutschland
„Ich bin noch nie einem Juden begegnet“, sei ein Satz, den viele Juden im Gespräch mit nichtjüdischen Landsleuten wiederholt zu hören bekommen, hat Haase-Hindenberg bei seinen Recherchen erfahren. „Man sieht es Juden in aller Regel nicht an, dass sie Juden sind“, stellt der in Schweinfurt geborene Autor, der selbst Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Berlin ist, in seinem Vorwort fest.
Sogar die NS-Rassenkundler hätten dies letztlich einsehen müssen, weshalb sie Juden mit dem Tragen des gelben Davidsterns hatten kennzeichnen müssen. Heute, 80 Jahre nach der Shoah, leben wieder etwa 200.000 Juden in Deutschland, denen man jederzeit auf der Straße unwissentlich begegnet. Die Aussage „Ich bin noch nie einem Juden begegnet“ kann also nicht stimmen.
„Jeder und jede von ihnen hat eine individuelle jüdische Lebensgeschichte“
In der Sammlung interessanter Biografien deutscher und eingewanderter Juden macht Haase-Hindenberg seine Leser mit unterschiedlichsten Schicksalen vertraut, die gerade in ihrer breiten Vielfalt die länderübergreifende Komplexität und Verschiedenartigkeit jüdischen Lebens in heutiger Zeit verständlich machen. Nur knapp die Hälfte aller deutschen Juden ist in jüdischen Gemeinden organisiert, stellte der Autor fest.
Die Kinder und Enkel der Shoah-Überlebenden sind inzwischen sogar in der Minderzahl. Der Grund: Die meisten Juden stammen heute aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion oder sind als Nachkommen emigrierter Juden aus den USA, Israel, Australien oder Südamerika nach Deutschland zurückgekehrt. „Jeder und jede von ihnen hat eine individuelle jüdische Lebensgeschichte“, machte Haase-Hindenberg in seinem Vortrag deutlich.
“Es ist nicht selten wie bei den Christen: Man ist Jude, pflegt die wichtigsten Festtage und Bräuche, geht aber nicht an jedem Schabbat in die Synagoge.
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Der größte kulturelle Unterschied ergibt sich schon allein aus der Abstammung der jeweiligen Familie. Während die aschkenasische Juden in den Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n. Chr.) mit den Römern nach Zentraleuropa kamen und später nach Osteuropa umsiedelten, kamen die sephardischen Juden auf die Iberische Halbinsel, von wo sie während der Inquisition vor allem ins Osmanische Reich und Nordafrika auswichen.
Deshalb unterscheidet sich die sephardische Kultur von der aschkenasischen bis heute nicht nur in Sprache, religiösen Bräuchen und Musik. Denn während zentraleuropäische Juden zu Verfolgten und Opfern der Shoah wurden, gilt dies nicht für Juden aus Nordafrika.
Was der Autor in seinen Portraits erzählt
In seinen Porträts erzählt der Autor aus dem heutigen Alltag deutscher Juden, erzählt Lebensgeschichten, deren Verlauf nicht zuletzt durch das Schicksal der Eltern und Großeltern und daraus sich ergebender Gewissenskonflikte mitbestimmt ist. Er gibt ihre Erfahrungen, ihre Hoffnungen, aber auch die Herausforderungen durch wieder erstarkenden Antisemitismus in Deutschland wieder.
Er erzählt von im Sowjetreich zwangsläufig atheistisch aufgewachsenen Nachkommen, in deren Pass als Nationalität „Jude“ eingetragen war, die aber erst nach ihrer Übersiedlung in Deutschland ihre jüdische Identität wiedergefunden, in Einzelfällen sogar in der ländlichen Provinz eine jüdische Gemeinde gegründet haben.
Haase-Hindenberg schildert die nicht selten tragischen oder dramatischen Lebensgeschichten seiner Interviewpartner und ihrer Vorfahren in lockerem journalistischen Sprachstil, bleibt aber dennoch der Ernsthaftigkeit und psychologischen Tiefe des Themas immer gerecht. Die einzelnen Geschichten verbindet er – zusätzlich zum einführenden Kapitel über die Historie des Judentums – mit interessanten, fast beiläufig eingefügten Erläuterungen zu jüdischen Symbolen und Bräuchen, zu jüdischen Festtagen und zur heutigen Glaubenspraxis, die sich nicht nur in orthodoxem und liberalem Judentum erschöpft. Haase-Hindenberg: „Es ist nicht selten wie bei den Christen: Man ist Jude, pflegt die wichtigsten Festtage und Bräuche, geht aber nicht an jedem Schabbat in die Synagoge.“
Die jüdische Geschichte und Gegenwart näher bringen
Das Buch „Ich bin noch nie einem Juden begegnet...“ bietet somit ein eindrucksvolles Panorama jüdischen Lebens in Deutschland. Dem Autor ist es hervorragend gelungen, die historischen und gesellschaftlichen Themen des Judentums in die verschiedenen Porträts aufzunehmen, sodass deren Komplexität leicht zu verstehen ist und die individuellen Lebensentscheidungen der Porträtierten dadurch nachzuvollziehen sind.
Haase-Hindenberg bringt auch jenen Lesern, die nicht mit dem Judentum vertraut sind, die jüdische Geschichte und Gegenwart nahe und kann dadurch für ein besseres Verständnis der jüdischen Kultur als Teil unserer vielfältigen Gesellschaft in Deutschland sorgen.
Informationen zum Buch: Gerhard Haase-Hindeberg: „Ich bin noch nie einem Juden begegnet...“, Edition Körber, gebunden, 350 Seiten, Preis: 22 Euro, ISBN 978-3896842909













