Seit wenigen Jahren informiert Hans-Jürgen Beck auf den Internetseiten der Stadt unter dem Titel „‚Kissingen war unsere Heimat über Jahrhunderte‘. Eine Chronik jüdischen Lebens in Bad Kissingen“ über die Geschichte jüdischer Einwohner und Kurgäste vom Mittelalter bis in die Gegenwart, die er ständig durch neue Forschungsergebnisse aktualisiert. Im April erschien nun im J. H. Röll Verlag sein knapp 500-seitiges Buch „Jüdisches Kurleben in Bad Kissingen“ als themenspezifischer Auszug aus dieser Online-Chronik.
„Mit ihren inzwischen 7400 Internetseiten ist meine Chronik für eine Printausgabe viel zu umfangreich. Doch für eine Buchveröffentlichung bot es sich aus meiner Sicht an, jene Passagen zusammenzufassen, in denen es speziell um das jüdische Kurleben geht“, nennt Hans-Jürgen Beck als Anlass für sein neues Buch.
Die Anfänge jüdischen Kurlebens
Chronologisch bis in die Gegenwart erzählt er zunächst von den Anfängen jüdischen Kurlebens: Wenn auch die 1603 dokumentierte „Gumpen, des Juden Frau aus Closter Thulba“ (Oberthulba) vermutlich der erste jüdische Kurgast Bad Kissingens war, dürften aber vom 16. bis 18. Jahrhundert jüdische Gäste eher die Ausnahme gewesen sein und „weder im Kurleben noch für die Erwerbstätigkeit der ortsansässigen Juden eine große Rolle gespielt haben“, vermutet Beck.
Einen gewissen Aufschwung jüdischen Kurlebens erlebte Bad Kissingen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Immerhin wird bereits 1817 in den Kissinger Judenmatrikeln der „Judentraiteur“ Koppel Manes Schwed als Betreiber einer jüdischen Garküche aufgeführt. Mit Zunahme jüdischer Gäste wurde spätestens „seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Kurleben für immer mehr Kissinger Juden zur bestimmenden Grundlage ihrer Erwerbstätigkeit“, schreibt der Autor im ersten Teil seines klar strukturierten, oft bis in Einzelheiten gehenden Berichts über das jüdische Kurleben.
Verstärkt Antisemitismus
Über die Zeit des Nationalsozialismus liest man von zunehmender Ausgrenzung und Verdrängung jüdischer Gäste, so 1934 mit Anbringung eines Schildes „Zutritt von Juden unerwünscht“ am Schwimmbad. Mit Erstarken des Nazi-Regimes fürchtet man eine „Überschwemmung mit Juden“, es gibt antisemitische Demonstrationen im Kurgarten, Veranstaltungen jüdischer Künstler werden gestört und der Ruf nach „Abwehrmaßnahmen“ gegen Juden wird immer lauter.
Es folgen Reglementierungen jüdischer Pensionen und Maßnahmen gegen jüdische Gäste, an die sich allerdings anfangs aus reinem Geschäftssinn nicht alle Kissinger Hoteliers halten, bis hin zum völligen Ausschluss jüdischer Gäste aus der Stadt. Hierzu ergänzt Beck: „Mir war es wichtig, im Text nicht nur einige antisemitische Aktionen darzustellen, sondern auch zu zeigen, wie man sich von jüdischer Seite dagegen gewehrt hat, solange dies noch möglich war.“
Im zweiten Teil des Buches berichtet Hans-Jürgen Beck über bekannte jüdische Kureinrichtungen – von der israelitischen Kinderheilstätte (Salinenstraße) und dem israelitischen Kurhospiz (heute Heiligenfeld Kliniken, Am Altenberg) über das Sanatorium Apolant (Menzelstraße) des Sanitätsrats Edgar Apolant und seiner Schwester Ella, das Kurhotel Löwinsky (heute Bayerischer Hof, Maxstraße) der Rosamunde Löwinsky und ihrer Tochter Else bis zur vornehmen Villa Holländer (heute Preußischer Hof, Bismarckstraße) des langjährigen Kissinger Stadtrats Nathan Bretzfelder.
Häuser mit Leben gefüllt
Interessant hierbei ist, dass es der Autor nicht nur bei der Historie des jeweiligen Hauses belässt, sondern diese Häuser mit den Lebensläufen der Eigentümer und mancher Angestellten wunderbar mit Leben füllt. Jüdisches Kurleben hätte es nicht ohne die berühmten und weniger berühmten, aber durchaus ebenso interessanten Kurgäste gegeben. Über etwa 50 ausgewählte Persönlichkeiten und das wechselvolle Schicksal ihrer Familien weiß Hans-Jürgen Beck in seinem Buch vieles und detailreich zu erzählen – wie zum Beispiel über die Komponisten Giacomo Meyerbeer und Oscar Straus, den Maler Max Liebermann, den Schriftsteller Alfred Döblin, die Familie Pringsheim mit Schriftsteller Thomas Mann bis hin zum Historiker Arno Lustiger, der in der Promenadestraße eine Ferienwohnung hatte.
„Mir war es wichtig, in meinem Buch zu zeigen, wie sehr jüdische Einwohner und Kurgäste das überaus vielfältige Kurleben unserer Stadt mitgeprägt und so zum Aufstieg Bad Kissingens zum internationalen Weltbad beigetragen haben“, betont Hans-Jürgen Beck, der sich seit vier Jahrzehnten intensiv mit jüdischem Leben nicht nur Bad Kissingens beschäftigt und für seine ehrenamtliche Forschung bereits 2013 mit dem Obermayer Award für deutsch-jüdische Geschichte der gleichnamigen US-Stiftung ausgezeichnet wurde.
„Von den 34.000 Kurgästen, die Anfang des 20. Jahrhunderts Bad Kissingen besuchten, war mindestens ein Drittel jüdisch.“
Blick auf die heutige Zeit
Heute knüpft das seit 2020 in „Kurheim Beni Bloch“ umbenannte, früher als Kurhotel Eden-Park bekannte Kurhotel der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) an die jahrhunderte dauernde Tradition jüdischen Kurlebens in Bad Kissingen an. Beck: „Diesem Kurheim ist es zu verdanken, dass man heute in Bad Kissingen noch regelmäßig jüdische Gottesdienste erleben kann, obwohl es am Ort keine eigene jüdische Gemeinde mehr gibt.“













