0
Kissinger Sommer
Der Mann aus Reihe eins: Aus Liebe zu seiner blinden Frau
Joe Höttinger sitzt beim Kissinger Sommer immer in der teuren ersten Reihe. Weil er dort am besten für seine Frau mit-sehen kann. Denn Lisa Höttinger ist blind.
Joe Höttinger sitzt beim Kissinger Sommer immer in der teuren ersten Reihe. Weil er dort am besten für seine Frau mit-sehen kann. Denn Lisa Höttinger ist blind. // Susanne Will
Bad Kissingen – Joe Höttinger aus Bad Brückenau ist seit Jahrzehnten Stammgast beim Klassikfestival. Immer kauft er die teuren Karten vor der Bühne. Warum? Weil er auch für seine Frau sieht - sie ist blind.

Der Kissinger Sommer, das große Jubiläumsfest, gehört jetzt der Vergangenheit an. Es werden viele Bilder in den Köpfen der Besucher bleiben, darunter auch eines: Wer ist eigentlich der ältere Herr mit weißer Haarpracht und Rauschebart, der gefühlt in jedem Konzert in der teuren ersten Reihe saß? Seit über 30 Jahren ist Joe Höttinger (77) Stammgast beim Klassikfestival. Ein Gespräch über die Liebe zur Musik, über Sparsamkeit und wie er es schafft, seiner Frau Lisa die Bühnenbilder zu erklären. Denn sie ist blind.

Herr Höttinger, seit Jahren sitzen Sie in der ersten Reihe, auch bei den teuren Konzerten der Weltstars Anne-Sophie Mutter oder wie kürzlich Cecilia Bartoli. Das geht doch sicher ins Geld, oder?

Natürlich. Deshalb spare ich ja auch das ganze Jahr über. Bei rund 1000 Euro Rente muss ich kalkulieren.

Joe und Lisa Höttinger vor dem Regentenbau, als Politiprominenz zum Staatsempfang lud. Joe Höttinger erklärt seiner Frau dann gerne, was sich abspielt.
Joe und Lisa Höttinger vor dem Regentenbau, als die Politprominenz zum Staatsempfang lud. Joe Höttinger erklärt seiner Frau dann gerne, was sich abspielt. // Susanne Will

Was haben Sie denn früher gemacht?

Ich habe Industriekaufmann gelernt und kochen ist meine Leidenschaft. So habe ich zunächst in Schweinfurt als Koch gearbeitet, während meine Frau als Fremdsprachenkorrespondentin beim Sachs gearbeitet hat. Als unser erstes Kind zur Welt kam, haben wir uns gefragt, ob wir weiter in der Stadt wohnen wollten oder raus aufs Land. So haben wir zunächst das Würzburger Haus in der Rhön geleitet. Allerdings nur drei Jahre. Der Laden lief so gut, dass wir Verhältnisse wie auf dem Kreuzberg hatten. Das fand der Verein dann nicht mehr so gut, weil die Leut‘ erst nachts um 12 nach Hause gegangen sind.

Aber Sie haben einen anderen Ort gefunden.

Genau. Die „Weinstube zum alten Schuster“ in Bad Brückenau. Mein Vater war Schuster, 50 Jahre lang, und wir haben den alten Schuster 40 Jahre lang betrieben. Ich sage auch heute noch, dass ein gut geführtes Wirtshaus mit fairen Preisen und gutem Essen immer eine Chance hat.

Wir waren beim Sparen – wo knappsen Sie etwas ab, um die Konzerte besuchen zu können?

Ich bin gewohnt, nicht so viel auszugeben. Und auch wenn meine Frau und ich sehr gut essen, mit besten Zutaten, bio und regional, kann man trotzdem sparen. Wenn wir Kartoffeln kochen, dann gibt es die montags mit Gemüse, dienstags mit Fisch, am Mittwoch Bratkartoffeln und wenn etwas übrig ist, am Donnerstag Kartoffelsalat. Auf den freuen sich dann schon die Enkel.

Was auffällig ist: Sie sind immer sehr farbenfroh und fantasievoll gekleidet. 

Ja, ich mag das. Und wenn ich mir unsicher bin, dann frage ich meine Frau.

Entschuldigen Sie bitte, ich dachte, Lisa Höttinger ist blind?

Das ist sie auch. Aber sie kann sich sehr viel vorstellen und kennt meinen Kleiderschrank noch aus der Zeit, als sie noch sehen konnte. So weiß sie, dass beispielsweise ein pinkfarbener Schal mein Outfit aufpeppt.

Joe und Lisa Höttinger beim Cecilia Bartoli-Konzert. Er flüstert ihr zu, was auf der Bühne zu sehen ist. "Vorne sehe ich alles - bin hin zu den staubigen Knien von Frau Bartolis Hose, als sie sich auf die Bühne gekniet hat." Das erzählt er dann seiner Frau. "Die hat die Fähigkeit zu einem tollen Kopf-Kino."
Joe und Lisa Höttinger beim Cecilia Bartoli-Konzert. Er flüstert ihr zu, was auf der Bühne zu sehen ist. "Vorne sehe ich alles - bin hin zu den staubigen Knien von Frau Bartolis Hose, als sie sich auf die Bühne gekniet hat." Das erzählt er dann seiner Frau. "Die hat die Fähigkeit zu einem tollen Kopf-Kino." // Susanne Will

Wenn Sie in Begleitung Ihrer Frau sind, dann haben Sie etwas zur Perfektion gebracht: Sie flüstern im Konzert so lautlos, dass man Sie nicht einmal im sensiblen Max Littmann-Saal hört. 

Ja, ich tue das, um ihr zu erzählen, was sich gerade auf der Bühne abspielt. Auch deshalb sitzen wir in der ersten Reihe. Ganz vorne sehe ich die Schweißtropfen der Musikerinnen und Musiker. Als sich Cecilia Bartoli bei „Orpheus und Eurydike“ in ihrer schwarzen Hose hingekniet hat, habe ich mir gedacht: Den Boden hätten sie auch noch mal wischen können – die Knie waren danach ganz staubig. Das erzähle ich auch meiner Frau. Oder auch, wie ich einmal entdeckt habe, dass der Erste Geiger vergessen hatte, seine toll glänzenden schwarzen Lackschuhe zu binden. Oder, dass ich beim Empfang am Abend vorher einen Kontrabassisten kennengelernt habe – und wenn der dann am nächsten
Abend von der Bühne aus die Hand zum Gruß erhebt, dann ist das wunderschön. Wenn ich ihr das dann erzähle, kann sie an allem teilhaben. Wir sind nächstes Jahr seit 50 Jahren verheiratet. Ich liebe sie nicht nur, weil sie ein tolles Kopfkino anschalten kann.

Joe Höttinger lässt sich gerne von anderen Bekannten zum Konzert begleiten, wenn seine Frau keine Zeit hat. Und er geht nicht nur zu den Klassikkonzerten - hier tanzt er beim Konzert der "Jazzrausch Big Band".
Joe Höttinger lässt sich gerne von anderen Bekannten zum Konzert begleiten, wenn seine Frau keine Zeit hat. Und er geht nicht nur zu den Klassikkonzerten - hier tanzt er beim Konzert der "Jazzrausch Big Band". // Susanne Will

Welches Konzert hat Ihnen heuer am besten gefallen?

Ich vergebe immer für mich selbst Punkte, zehn ist die Höchstzahl. Heuer muss ich sagen, dass kein Konzert unter die Zehn gerutscht ist – und das Open Air mit Sir Simon Rattle hat eine 20 bekommen.

Sie haben drei Intendanten erlebt: Kari Kahl-Wolfsjäger, Tilman Schlömp, jetzt Alexander Steinbeis. Wer ist der beste, die beste?

Kari Kahl-Wolfsjäger hat gute Arbeit gemacht, vermutlich musste sie damals auch die Ellbogen ausfahren, um den Kissinger Sommer erfolgreich werden zu lassen. An Herrn Schlömp erinnere ich mich gar nicht mehr. Und zu Alexander Steinbeis kann ich nur sagen: Er geht seinen Weg, macht tolle Programme und er passt in die Zeit, macht seine Sache gut. Es ist auch ihm zu verdanken, dass das Publikum jetzt endlich jünger wird. Als ich vor gut 30 Jahren – da war ich Mitte 40 – Konzerte besuchte, waren nur Grauköpfe im Publikum. Jetzt bin ich selbst einer und wenn ich mich jetzt umsehe, dann sehe ich viele zwischen 40 und 50. Das ist einfach toll.

Inhalt teilen
  • kopiert!