Mit dem Norweger Leif-Ove Andsnes wurde in diesem Jahr die Abteilung „Klavierrecital“ eröffnet. Keine Premiere, denn er war schon ein paar Mal beim Kissinger Sommer.
Sein Start jetzt im Rossini-Saal war ein bisschen unglücklich, denn er hatte dafür ein Werk gewählt, das sich nicht als Türöffner eignete. Dafür war es schlicht und einfach zu schlicht: „Lamento“ für Klavier solo des vor drei Jahren gestorbenen Moskauers Alexander Vustin: Die linke Hand meditiert in der Mittellage stockend bis zum Stillstand – deshalb wohl „Lamento“.
Und die rechte Hand schickt vom Diskant herab immer mal ein paar Störungen – wie es halt beim Lamentieren so ist. Aber plötzlich – warum, ist zunächst nicht erkennbar – vereinen sich beide Stimmen zu einem Nahezu-Unisono in kräftigem Moll. Hinterher weiß man es: Das Stück muss irgendwann auch mal wieder aufhören.
Weiter ohne Pause
Schade. Das war kein Stück, das den Geist lockert und einstimmt auf eine bestimmte Richtung, welche auch immer. In dem Fall wäre es die moralisch-dramatische gewesen. Denn Andsnes fuhr fort mit der berühmten Sonate „1. X. 1905“ von Leoš Janáček – und zwar attacca, im unmittelbaren Anschluss. Und das tat er auch mit den zwei anderen Stücken der ersten Hälfte.
Das ist eine Unart, die immer mehr um sich zu greifen scheint. Denn die Stücke haben weder musikalische noch dramaturgische Verbindung. Und es gibt im Publikum durchaus Leute, die sich nicht sicher sind, wann ein Stück zu Ende ist – vor allem, wenn es keinen plakativen Schluss hat. Da werden Verbindungen vorgegaukelt, die weder existieren noch sinnvoll sind.
Fabelhafter Virtuose, aber keine Emotionen
Aber zurück zu Janáček. Seine zweisätzige Sonate ist dem Schreiner Frantisek Pavlók gewidmet, der am 1. Oktober 1905 durch den Bajonettstich eines Polizisten zu Tode kam, als die Bürger von Brünn für eine eigene Universität demonstrierten. In dieser Musik steckt also jede Menge von Konflikt und Emotionalität, von Aggressivität und Trauer.
Man kann Leif-Ove Andsnes gerne bestätigen, dass er ein fabelhafter Virtuose ist, der keine technischen Grenzen zu kennen scheint, der nicht langsamer wird, wenn’s schwieriger wird, und der trotzdem hochgradig genau spielt. Wenn es um die Darstellung von Emotionen geht, um das Erzählen von Geschichten oder den Aufbau von Geheimnissen, macht er so gut wie keine Angebote.
Nie wirklich leise
Das liegt an einem fast ein bisschen enttäuschenden monochromen Anschlag; das liegt an seiner zwar exakten, aber gestalterisch des Öfteren unterbelichteten linken Hand; und das liegt daran, dass er am liebsten ein ewig währendes Mezzoforte spielt, außer wenn er hinlangen muss; dass er aber nie wirklich leise spielt, womit er sich selbst den Bereich der delikaten Farben und Anschläge abschneidet.
So war zwar bei der Sonate jeder Ton präzise gespielt – was an sich ja auch schon eine Kunst ist. Aber dass es da um Leben und Tod und Empörung ging, kam nicht wirklich rüber.
Bei Valentin Silvestrovs Bagatelle op. 1/3 ging es darum nicht. Andsnes’ Spiel assoziierte eine Schiffsschaukel: ein wiegender Duktus, trotz mancher lyrischer Töne ein relativ harter Anschlag und in jeder Hin- und Herbewegung immer gleich. Da war gestalterisch noch Luft nach oben. Es musste ja kein Überschlag sein.
Und dann sofort Franz Schubert mit seiner a-Moll-Sonate Nr. 14. Da konnte man ein bisschen entspannen, denn Andsnes begann sie ausgesprochen lyrisch. Wobei ihm diese Sonate sehr entgegen kam in ihrer relativen Düsternis, die ihm in ihren Ausdrucksweisen wirklich gut gelang.
Was man sich allerdings gewünscht hätte, wäre eine deutliche Tempounterscheidung zwischen dem ersten und dem zweiten Satz gewesen. Das Finale war dynamisch erstaunlich gut im Laut-leise-Kontrast strukturiert, aber der dramatische Schluss hätte auch weniger grob sein dürfen.
Typisch Andsnes
Wolfgang Amadeus Mozarts berühmte c-Moll-Fantasie KV 475, einsätzig, aber in fünf unterschiedlich schnellen Teilen, geriet zu einem typischen Andsnes: Die Charakterisierung der Teile fiel ein bisschen flach aus.
Zum einen, weil sie im Anschlag nur flach differenziert waren und mangels dynamisch-agogischer Überraschungen Abwechslung ausblieb, zum anderen, weil eine stärkere Unterscheidung der Tempi gut gewesen wäre, um die Musik spannend zu machen.
Ein bisschen skeptisch folgte man Leif-Ove Andsnes in die Sieben Fantasien op. 116 von Johannes Brahms, denn das sind ja nun wirklich intensive Stücke der Emotionalität und Klangrede.
Die Skepsis war nicht unbegründet. Aber es gab „Abweichler“ oder „Ausreißer“ wie das a-Moll-Intermezzo, das Andsnes mit einem leicht treibenden Gestus und auch nicht so laut mit gut abgestimmten Händen spielte.
Da war er plötzlich ganz bei sich. Oder das d-Moll-Capriccio, wo er in eine ganz persönliche Laune zu geraten schien: Er langte hin, als sei der olle Brahms ein Jazzer gewesen. Die große Überraschung zum Schluss.
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