Halbzeit beim Kissinger Sommer – und langweilig wird es ganz sicher nicht. Die vergangenen Tage boten alles, was ein gutes Festival braucht: große Gefühle, große Musik, heiße Nächte, prominente Gäste und sogar eine Geige, die ihrer Besitzerin beinahe davongerutscht wäre.
Igor Levit: Heimspiel im Max-Littmann-Saal
Beginnen wir mit Igor Levit. Wenn der Pianist in Bad Kissingen auftritt, ist ein volles Haus inzwischen fast selbstverständlich. Sein Klavierabend mit Werken von Schubert und Beethoven geriet zu einem der bisherigen Höhepunkte des Festivals.
Das Publikum im ausverkauften Max-Littmann-Saal hing ihm förmlich an den Fingern und feierte ihn am Ende mit frenetischem Applaus. Kein Wunder: Schließlich begann Levits internationale Karriere vor mehr als 20 Jahren beim Kissinger KlavierOlymp. Manche Festivalgeschichten schreibt eben nur das Leben selbst.
Die Jazzrausch Bigband dreht auf
Nach den Begeisterungsstürmen für Igor Levit wurde im Max-Littmann-Saal direkt weitergefeiert – allerdings mit deutlich mehr Beats. Die Jazzrausch Bigband machte mit ihrem Programm „Bangers Only!“ ihrem Namen alle Ehre. Schon nach wenigen Minuten war klar: Dieser Abend würde niemanden still auf seinem Sitz halten.
Die Musiker servierten nicht nur knackige Beats, sondern auch eine herrlich kantige Moderation mit trockenem Humor. Im Publikum saß unter anderem Laboklin-Geschäftsführerin Elisabeth Müller, die den Abend gemeinsam mit rund 60 Gästen als Sponsorin unterstützte. Was man hört: Im Anschluss wurde im Rhönkitz bei Cocktails noch ausgiebig weiterdiskutiert. Ob dabei mehr über Musik oder Tiermedizin gesprochen wurde, ließ sich leider nicht mehr eindeutig feststellen.
Von Kaffeespezialitäten und elektronischen Klangwelten
Ein ganz besonderes Kapitel schrieb am Samstag Trompeter Simon Höfele. Der war nämlich nicht nur als Musiker angereist, sondern gleich auch als Barista. Beim Künstlergespräch „Auf einen Kaffee mit ...“ erzählte er im Talk mit Intendant Alexander Steinbeis, wie er während der Corona-Pandemie eine Ausbildung zum Kaffee-Spezialisten absolvierte. Statt nur darüber zu sprechen, brachte er kurzerhand seine komplette Ausrüstung mit und versorgte die Gäste persönlich mit Espresso und Cappuccino. Hand aufs Herz: Wie oft bekommt man beim Kissinger Sommer seinen Kaffee von einem der besten Trompeter Deutschlands serviert?
Wer dachte, das sei schon originell genug, hatte die Rechnung ohne den Abend gemacht. Gemeinsam mit Kaan Bulak präsentierte Höfele im Kurtheater das Late-Night-Projekt „No Clouds in Haraz“. Elektronik, Trompete, ferne Landschaften, Reisegeschichten und natürlich Kaffee – irgendwo zwischen Konzert, Klanginstallation und Abenteuertrip. Ganz normaler Samstagabend beim Kissinger Sommer eben.
Hitzeschlacht und Happy End beim WDR-Sinfonieorchester
Der eigentliche Höhepunkt der Woche wartete allerdings am Sonntag. Ausgerechnet beim Gastspiel des WDR-Sinfonieorchesters unter Cristian Măcelaru erreichte die Hitzewelle ihren Höhepunkt. Und als hätte die Wetterlage nicht gereicht, beschloss auch die Lüftungsanlage des Max-Littmann-Saals, eine Pause einzulegen.
Während Publikum und Musiker tapfer durchhielten, spielte Geigenstar Isabelle Faust Schostakowitschs selten zu hörendes Zweites Violinkonzert. Hinterher gestand sie, sie habe zeitweise Sorge gehabt, die Geige könne ihr vor lauter Schweiß vom Hals rutschen. Zum Glück gelang den Technikern in der Pause die Rettung. Die Lüftung sprang wieder an, die Temperaturen sanken und Rachmaninoffs „Symphonische Tänze“ konnten unter deutlich angenehmeren Bedingungen gefeiert werden.
Beim anschließenden Empfang im Kurgarten-Café war die Lüftungsanlage jedenfalls kein Gesprächsthema mehr. Dafür alles andere. Und genau deshalb lieben so viele Menschen diesen Festivalsommer: Weil hinter jeder Konzertkarte meist noch eine gute Geschichte steckt.



















