Große Dinge erfordern und ermöglichen oft besondere Maßnahmen. Auch der Kissinger Sommer, der heuer seinen 40. Geburtstag feiert; und das passiert ja auch bei einem Festival nicht alle Tage. Und so begann er dieses Jahr nicht mit einer großen Eröffnungsgala mit allem Tamtam und Schaulaufen der Prominenz, sondern bereits einen Tag eher mit einem kleinen Konzert.
In einem Drei-Sterne-Restaurant nennt man das einen „Gruß aus der Küche“ oder, wenn man gebildet sein will, „amuse-gueule“ („Maulschmeichler“). Da drängt sich angesichts des Anlasses durchaus die Idee auf, ein Drei-Sterne-Festival auch mit einer kleinen Aufmerksamkeit zu eröffnen: mit einem „Gruß aus der Intendanz“ oder, gebildeter, „amuse-oreilles“ („Ohrenschmeichler“). Und deshalb spielten schon am Donnerstagabend Avi Avital mit seiner Mandoline und das zehnköpfige „Between Worlds Ensemble“ im Kurtheater auf.
Mit großem Vergnügen
Dass das Konzert ein voller Erfolg war und allseits gute Laune verbreitete, lag zum einen an den Musikern, die großes Vergnügen an ihrem Tun hatten, das sie sehr ernst nahmen, wunderbar aufeinander zuspielten und immer auf Schwung und klangliche Farbigkeit achteten. Natürlich zog Avi Avital immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich – nicht, weil er sich akustisch in den Vordergrund drängte. Natürlich kann er sich mit seiner eigentlich leisen Mandoline auch gegen eine gewisse Übermacht durchsetzen. Was er hier allerdings nicht musste, denn er spielte mit seinen Leuten. Er hat das Ensemble vor drei Jahren selbst gegründet. Aber sein Spiel war oft auch nur eine der Klangfarben. Sondern weil er ein derart versierter, souveräner Techniker ist, der Schwierigkeiten nicht zu kennen scheint, dass man ihm immer wieder gebannt auf die Finger schaut. Insgesamt wurde sehr homogen und konturenscharf musiziert, wobei die beiden Bässe – Mario Capodicasa (Kontrabass) und vor allem Jakob Nierenz (Violoncello) – durch ausgesprochen plastische Gestaltung die Steuerung der Emotionen übernahmen.
Zum anderen lag das Vergnügen, das sich im Kurtheater ausbreitete, natürlich an der Musik. Der Ensemble-Name „Between Worlds“ verriet ja schon einiges. Manch einer mag wegen des Festivalthemas überrascht gewesen sein, dass es in diesem Konzert um italienische Musik ging, genauer gesagt um süditalienische. Die Zusammenstellung des Programms war durchaus erkenntnisfördernd. Denn es zeigte auf, wie differenziert trotz gemeinsamer Grundlagen die apulische Volksmusik sein kann, welch hohen Stellenwert die Rhythmik in der Tanzmusik wie etwa der Tarantella haben kann, wie wichtig ein klarer Grundrhythmus ist, der den Musikern ein sicheres Geländer bietet, wenn sie mal improvisierend aus dem Grundtakt heraustreten wollen. Und diese Musik war zum einen der barocken Kunstmusik von Torelli und Barbella gegenübergestellt, womit die gemeinsamen Quellen deutlich wurden. Und sie wurde konfrontiert mit modernen süditalienischen Werken, die sich den bunten, bildkräftigen Geist bewahrt haben. Wie bei Giovanni Sollimas „Federico II“, wo man den Stauferkaiser im Abendlicht über die karge Ebene auf seine Burg Castel del Monte zureitet. Sogar Igor Strawinsky konnte man mit seiner „Italienischen Suite“ aus „Pulcinella“ gut dazustellen – mit einem geschickten Arrangement.
Klare und verständliche Artikulation
Mit dabei war die Sopranistin Alessia Tondo – natürlich auch aus dem Salento. Das muss man wohl sein, wenn man diese Musik adäquat singen will. Für eine italienische Sängerin artikulierte sie ungewöhnlich klar und verständlich, sodass man fast jedes Wort verstehen konnte. Aber das nutzte nichts, denn die Texte waren im breitesten Dialekt. Aber sie jonglierte auch sehr gekonnt mit den Klangfarben zwischen tiefer, introvertierter Melancholie und Gefühlsausbrüchen, sehr laut und etwas rau und grölend, krawallig – wie man sich singende Süditalienerinnen eben vorstellt, die ihre Gefühle rauslassen wollen.
Aber schön waren auch die beiden barocken Konzerte von Barbella und Torelli, die man ja eigentlich zu kennen glaubt. Aber man konnte sie doch neu hören – zum einen, weil durch die solistische Besetzung der Stimmen die Strukturen leichter zu verfolgen waren; gelegentlich hätten die hohen Streicher da etwas konfliktbereiter sein dürfen. Zum anderen, weil Avi Avital durch improvisierte Verzierungen seiner Stimme enorme Dichte gab – auch bei Torelli im Zusammenspiel mit der Soloflöte.
Ein Hoffnungsträger als Zugabe
Nein, es war rundum ein Konzert, das man genießen konnte. Der Applaus war entsprechend heftig. Und auch jetzt fiel eine der Zugaben auf: ein Arrangement des katalanischen Volksliedes „El cant dels ucells“ („Der Gesang der Vögel“), mit dem der Cellist Pablo Casals jedes Konzert beendete, als er während des Franco-Regimes ins Exil gegangen war. Es wurde zum Symbol und Hoffnungsträger.










