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Europäischer Märchenpreis
Internationale Märchenliebhaber: „Menschsein im Märchen“
Museumspädagoge und Erzähler
Museumspädagoge und Erzähler Dirk Nowakowski (71) aus Ladenburg wird mit dem Europäischen Märchenpreis 2026 der Märchen-Stiftung Walter Kahn ausgezeichnet. // Daniela Wolf
Bad Kissingen – Schon zum zweiten Mal nach 2018 lädt die Europäische Märchengesellschaft (EMG, Rheine) zu ihrem jährlich an stattfindenden Internationalen Märchenkongress nach Bad Kissingen ein.

Vom 9. bis 13. September 2026 diskutieren im Hotel Sonnenhügel etwa 175 Wissenschaftler, Märchenerzähler und Märchenfreunde über das „Menschsein im Märchen“. Der Kongress, der erstmals in Zusammenarbeit mit der Märchen-Stiftung Walter Kahn (Volkach) durchgeführt wird, ist eine öffentliche Veranstaltung. Interessenten aus dem Landkreis können sich auch spontan im Tagungsbüro anmelden.

Märchen aller Völker

Die Europäische Märchengesellschaft wurde 1956 auf Schloss Bentlage im westfälischen Rheine als gemeinnütziger Verein gegründet. Vereinszweck ist die Unterstützung der Märchenforschung sowie die Pflege und Verbreitung der Märchen aller Völker, um damit zur Verständigung der Menschen untereinander beizutragen. Auf ihren Kongressen und Fachtagungen sowie in bis zu 50 Seminaren pro Jahr vermittelt die EMG nach eigener Aussage fundiertes Wissen um das Märchen, „denn das Märchen ist auch im 21. Jahrhundert unverzichtbar“.

Mit ihrem diesjährigen Kongressthema „Mensch Märchen. Das Menschsein im Märchen“ betont die Märchengesellschaft die nach ihrer Auffassung unveränderte Aktualität von Märchen und erinnert zugleich anlässlich ihres 70-jährigen Bestehens an den Titel ihres ersten, schon 1980 erschienenen Tagungsbandes „Vom Menschenbild im Märchen“.

Bei ihrer kulturellen Vielfalt zeigen Märchen das Urmenschliche, heißt es deshalb in der Einladung zum diesjährigen Kongress. „Sie bauen Brücken über Zeit und Raum, zwischen Kulturen, Generationen und Lebenswelten.“

Märchen erzählen vom Wandel, vom Mut zur Veränderung, von der Kraft der Hoffnung, ohne die Schattenseiten des Lebens zu verschweigen. Sie zeigen den Unterschied zwischen Sein und Schein und eröffnen dadurch Perspektiven für ein gelingendes Menschenleben.

Bewusstere Wahrnehmung

„Gerade in unsicheren Zeiten können Märchen helfen, die eigene Lebenswirklichkeit bewusster wahrzunehmen. Sie regen zur Offenheit gegenüber dem Anderen, Unbekannten, Fremden und zeigen uns Wege zu einem tieferen Verständnis des Menschseins“, ist weiter in der Einladung zu lesen.

Mehrere Plenarveranstaltungen sowie etwa 15 Arbeitsgemeinschaften beschäftigen sich mit dem „Menschsein im Märchen“. Ergänzt werden die Arbeitssitzungen um themenspezifische Abendveranstaltungen wie am Eröffnungsabend die philosophisch-poetische Betrachtung zu Antoine de Saint-Exupérys Erzählung „Der kleine Prinz“.

Märchen gibt es schon seit der Antike. Zunächst nur mündlich weitergegeben, begann man im 18. Jahrhundert, die kleinen Geschichten aus aller Welt auch schriftlich festzuhalten. Schon damals hatte man Märchen als alte und von der Modernisierung bedrohte Kostbarkeiten empfunden, die man für die Menschheit retten müsse. Deshalb sammelten im 19. Jahrhundert die als Brüder Grimm bekannt gewordenen Volkskundler und Sprachwissenschaftler Jacob und Wilhelm Grimm deutsche Märchen und veröffentlichten sie in Büchern. Doch nicht nur in Deutschland, sondern weltweit begann man mit Märchen-Sammlungen.

Darum geht es im Eröffnungsvortrag

Wie der Münchner Volkskundler Prof. Helge Gerndt, seit 1994 Mitherausgeber der mehrbändigen „Enzyklopädie des Märchens“, in seinem Eröffnungsvortrag „Haben die Märchen eine Zukunft?“ zeigen wird, gab es neben den Sammlungen schon damals zahlreiche wissenschaftliche Analysen und Interpretationen sowie eine gewaltige Popularisierung dieser Literaturgattung. Aber sind Märchen in unserer digitalisierten Welt von Social Media und Künstlicher Intelligenz immer noch zeitgemäß? Märchen scheinen auf eine neue Weise dramatisch gefährdet, meint Helge Gerndt, wird aber zum Kongressauftakt das gewaltige Potenzial und vielfältigen Chancen erläutern, die gerade in Märchen und im Märchen-Erzählen für moderne Visionen des Menschseins stecken.

Ein weiterer Höhepunkt des Kongresses ist die Verleihung des jährlich von der mitveranstaltenden Märchen-Stiftung Walter Kahn gestifteten und mit 5000 Euro dotierten Europäischen Märchenpreises an den professionellen Erzähler Dirk Nowakowski (71) aus Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis).

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