Das schaffen normalerweise nur Weltstars wie Anne-Sophie Mutter oder Lang Lang im Kissinger Sommer: dass die Schlange derer, die in den Littmann-Saal wollen, bis in die Ludwigstraße hineinreicht. Noch an der Abendkasse hofften Menschen auf erkrankte Fans und deren zurückgegebene Karten, der Littmann-Saal war bis auf den allerletzten, schlechten Platz ausverkauft. In der Schlange: Viele Alt-68er, es hatte etwas von einem Klassentreffen. „Lange nicht gesehen“, war wohl der Satz des Abends beim Konzert einer Ikone der deutschen Liedermacher: Konstantin Wecker.
Die Ohrwürmer blieben zuhause
„Die Lieder meines Lebens“ hat er versprochen auf dieser Tour durch Deutschland. Und es waren tatsächlich seine Lieder, nicht die, auf die viele warteten. Kein „Willy“, kein Sommer, der nicht mehr weit ist, kein „Genug ist nicht genug“ - einige seiner Ohrwürmer, die nicht nur ins Trommelfell, sondern auch unter die Haut gehen.
Aber: Das machte nichts. Im knapp drei Stunden dauernden Auftritt nahm Wecker seine Fans in sein Leben mit, angefangen von eingespielten Aufnahmen, auf denen der kleine Konstantin mit fünf Jahren im Duett mit seinem Vater aus „La Traviata“ sang. Ein glockenreiner Sopran, gefördert von der energischen Mama und dem künstlerisch-verspielten Vater.
Vom Revoluzzer zum zufriedenen Mann
Die Revoluzzerjahre (mit Knastaufenthalt), die lebensbedrohliche Kokain-Sucht, sein Wandel vom Macho zum Feministen, seine beste Zeit als Vater zweier Buben – da war er um die 50 – und immer wieder Rückblicke auf Situationen, die ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist: Ein 77-Jähriger, der mit sich im Reinen zu sein scheint. Der – natürlich! – nicht mehr die Kraft in der Stimme hat wie früher, als er als schwitzender Berserker für jedes Klavier eine Gefahr dargestellt haben muss.
Aber: An was wollen wir uns denn messen, im Alter, sollten wir uns überhaupt messen müssen? Falls ja, dann sicherlich nicht am Ich der Jugend. Und es scheint, als verlangten die Fans auch nicht den Wecker aus den 90er Jahren. Wie auch: Viele sind im selben Alter und entdecken jeden Morgen eine andere Stelle des Körpers, die zwickt.
Perfekt reduzierte Begleitung
An seiner Seite: Jo Barnikel, seit fast 30 Jahren der Pianist seines Vertrauens. Barnikel, routinierter Piano-Begleiter bei Udo Jürgens oder Till Brönner, sei sein Lebensgefährte auf der Bühne, sagt Wecker. Mit Fany Kammerlander, der wunderbaren Cellistin, versteht sich Barnikel blind – schließlich touren die beiden auch mit dem Saxofonisten Norbert Nagel aus „Trio Sfera“. Die beiden bilden den idealen Teppich, auf dem sich Konstantin Wecker breit machen kann, der ihn erdet - und auf den ihn Jo Barnikel ab und an zurückholt.
Wecker singt Liebeserklärungen, seine auf ureigene Art und Weise vertonte Poesie und seine berühmten Wut-Songs wie „Sage nein“; er protestiert in den Ansagen und Erinnerungen weiter gegen Krieg, Faschismus und Patriarchat; er protestiert gegen das Europa ohne Erbarmen und bittet um menschliche Blicke auf die Flüchtlingstragödien im Land. In seiner Liebe zu seinen Kindern, zu seiner Frau, in seiner Erinnerung an den Vater - Gott Lob kein Nazi, sondern Kriegsdienstverweigerer - macht er sich nackig und gibt berührende Einblicke in seine Seele – und Fany Kammerlanders Cello summt sich dazu in die Herzen.
Der Dinosaurier spielte mit Legenden
Und weil es sein Abend ist, mit seinen Liedern, die Eckpfeiler in seinem Leben waren, zitiert er die Künstlerinnen und Künstler, mit denen er bereits auf der Bühne stand: Hannes Wader, Mercedes Sosa, Joan Baez, es waren viele. Es gehen Seufzer durch die Reihen, da steht ein leibhaftiger Dinosaurier auf der Bühne, der mit den Legenden und Idolen vieler seiner Fans gelebt, gearbeitet, gelacht hat.
„Meine Texte waren schon immer klüger als ich“
Und immer wieder schüttelt er zwischendrin den Kopf, wundert sich, was ihm – dem Revoluzzer, dem Knasti, dem Macho, aber auch dem Poeten - alles Schlaues als junger Mann eingefallen sei. „Meine Texte waren schon immer klüger als ich.“
Wecker und seine Band bekommen, was sie verdient haben: feuchte Augen, langanhaltenden, stehenden Applaus. Eine eigene Retrospektive auf sein Leben – so verabschieden sich Künstler oft von ihrem Publikum. Konstantin Wecker auch? Einige Fans befürchteten das. Nachfrage in der Garderobe. Wecker sieht trotz drei Stunden Bühne mit nur 20 Minuten Pause frisch aus, gelöst, glücklich. Läuten Sie mit den „Liedern meines Lebens“ Ihren Abschied ein? Der 77-Jährige ist überrascht: „Aber nein! Ich habe vor, noch ein paar Jahre zu spielen.“ Und er lacht gelöst.
Was Konstantin Wecker vor dem Konzert in einem Interview erzählte, lesen Sie hier:



















