Liedermacher Christoph Weiherer ist am Samstag, 22. November 2025, ab 20 Uhr im JuKuZ Bad Kissingen zu Gast. Gelernt hat er aber etwas ganz anderes. Im Gespräch mit dieser Redaktion erzählt er, was ihn fasziniert, warum der bayerische Dialekt von Vorteil ist und woher er die Themen nimmt.
Herr Weiherer, Sie sind gelernter Chemielaborant und als Liedermacher ein Autodidakt. Wie waren vor über zwei Jahrzehnten die ersten Schritte als „Ungelernter“ auf einer Bühne?
Christoph Weiherer: Ich bin da eher so reingestolpert. Ich hatte ein paar Songs und bin damit mehr aus Spaß an der Freude bei einem Liedermacher-Festival aufgetreten. Von dort wurde ich direkt zum nächsten Festival engagiert – und so weiter. Das Publikum fragte mich dann immer wieder nach einer CD, also hab ich nach und nach mehr Lieder geschrieben, ein abendfüllendes Programm entwickelt und schließlich mein erstes Album aufgenommen.
Mit Geburtsjahr 1980 haben Sie eigentlich eher die englisch- und weniger die deutschsprachigen Liedermacher kennengelernt. Woher kam Ihre Motivation, als Liedermacher aufzutreten und dabei noch die bayrische Mundart für Ihre Stücke zu verwenden?
Natürlich bin ich auch mit anderer Musik aufgewachsen, aber ich war immer schon ein großer Liedermacher-Fan. Egal ob lustig oder ernst, ob Fredl Fesl oder Reinhard Mey – mich faszinierte daran das Bodenständige, das Ehrliche, das Direkte: Dass ein Künstler nur mit Gitarre und Gesang – ohne Bühnenshow, ohne Lichteffekte oder irgendeinen sonstigen Schnickschnack – es schafft, das Publikum in seinen Bann zu ziehen, das fand ich großartig. So kam für mich wohl auch erstmal nur diese Form der Bühnenkunst infrage – auch wenn ich nach 15 Solo-Jahren mal ein paar Konzerte mit Band gespielt habe. Und mein Dialekt ist ganz bestimmt keine gut überlegte Entscheidung, eher eine Art Hilflosigkeit: Ich spreche einfach nicht gut genug Hochdeutsch oder Englisch, um damit in Liedern und Geschichten hundertprozentig das auszudrücken, was ich zu sagen, sprich zu singen habe.
Hatten oder haben Sie Vorbilder?
Naja, Vorbild klingt für mich immer so nach Zwang, sich unbedingt in eine bestimmte Richtung entwickeln zu müssen. Dafür bin ich, glaub’ ich, ein zu großer Freigeist. Aber natürlich hatte ich die verschiedensten Einflüsse, die sich je nach Song mal mehr, mal weniger wiederfinden: Hans Söllner sowieso, Fredl Fesl oder eben Reinhard Mey. Später hab ich mich auch viel mit Bob Dylan beschäftigt. Zudem bin ich seit jeher ein großer Verehrer von Karl Valentin und Gerhard Polt, deren Art des Humors idealerweise an der ein oder anderen Stelle auch in meinen Auftritten durchscheinen mag.
Der deutsche Schlager lebt nicht von einem ausgeprägten Dialekt, die deutsche Liedermacher-Szene dagegen schon. Was kann man durch den Dialekt anders beziehungsweise besser ausdrücken als durch die deutsche Hochsprache?
Der bayrische Dialekt hat natürlich den Vorteil, dass er im Vergleich zum doch recht harten Hochdeutsch automatisch weicher, sanfter klingt. Somit kann man sich darin bestimmt direkter, ja derber ausdrücken, ohne gleich allzu verletzend zu wirken. Darüber hinaus hat der Dialekt in sich oft schon eine eigene Melodie, die gerade beim Schreiben von Liedern sehr hilfreich sein kann.
„Heimat-Sound“ ist ja angesagt – der bayrische Dialekt quasi in aller Munde – von TV-Sendungen bis zur Musik. Ist der bayrische Dialekt noch authentisch? Wie sehen Sie als Dialekt-Sänger diese Entwicklung?
Das Bayrische bleibt so lange authentisch, solange es nicht künstlich und berechnend, quasi der Mode wegen, eingesetzt wird. Eine teils bestimmt auch stattfindende kommerzielle Ausbeutung des Dialekts wird früher oder später wieder vergehen und ist somit für meinen Geschmack gar nicht wert, überhaupt auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.
Was ist Ihr bayrischstes Stück – und warum?
Aus dem Bauch raus würd ich „Is des nu mei Hoamat“ als ein solches bezeichnen. Nicht wegen des Dialekts, da müssten unterm Strich ja alle meine Lieder herhalten, eher wegen der durchaus nicht ganz unbesorgten Beobachtung und Beschreibung meiner mir doch recht lieben Heimat. Und natürlich, weil der Alexander Dobrindt – stellvertretend für die womöglich bayerischste aller Parteien – darin vorkommt.
Woher kommen Ihre Themen zu den Liedern und Geschichten?
Direkt aus dem Leben, wie es immer so schön heißt. Also ganz einfach aus dem Alltäglichen: Beobachtungen, Begegnungen, Nachrichten. Ein zufällig aufgeschnapptes Gespräch im Café, aber auch ein selten blöder Kommentar in den sozialen Medien können mich durchaus zu einem Lied inspirieren. Ich gehe mit offenen Augen und Ohren durchs Leben und nehme, so gut es eben geht, so viel wie möglich um mich rum wahr.
Ihre Lieder sind ja keine Momentaufnahmen zu aktuellen Ereignissen, sondern behandeln Themen mit zeit- und generationenübergreifender Bedeutung. Ist das gewollt oder eher ein Zufall?
Das ist durchaus gewollt. Die Situationen, die mich zu den Songs inspirieren, sind natürlich schon Momentaufnahmen. Ich versuche dann aber, daraus sozusagen etwas Größeres, Allgemeineres zu kreieren, auf das sich jeder seinen eigenen Reim machen kann. Ich mag das sehr gerne, wenn ein Lied oder eine Geschichte je nach persönlicher Erfahrung des Hörers ein wenig anders interpretiert werden kann und darf.
„Derblecken“ ist ja ein bayrischer Begriff und steht dafür, die Obrigkeit mit unangenehmen Wahrheiten auf derbe Art und Weise zu konfrontieren. Sehen Sie sich in dieser bayrischen Tradition?
Auf jeden Fall. Auch wenn ich wohl nie und nimmer zum Fastenprediger am berühmt-berüchtigten Nockherberg ernannt werden dürfte. Aber zum Glück gibt's ja noch mehr Mittel und Wege, den Herren und Damen Politikern die Leviten zu lesen.
„25541 Brunsbüttel“ ist ja ein Running Gag sowohl bei Auftritten als auch viral und katapultierte Sie in der Liedermacher-Szene nach oben. War das geplant oder zufällig?
Das war reiner Zufall. Ich war quasi zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Nummer war ja schon sechs oder sieben Jahre lang in meinem Programm, bevor ich mal ein Video davon auf meinen Social-Media-Kanälen gepostet habe und das dann lustigerweise total viral ging. Wer weiß, hätte ich es eine Stunde früher oder einen Tag später hochgeladen, vielleicht hätte sich keine Sau dafür interessiert.
Die Geschichte mit Brunsbüttel und den passenden Fan-Artikeln wie „BioBrunsBeutel“ und auch ihr „Bühnen-Charakter“ sind ja eher lustig angelegt. In ihren Liedern geht es dagegen um ernste Themen. Was erhoffen Sie sich von dieser Diskrepanz?
Ich sehe das überhaupt nicht als Diskrepanz, sondern als eine Gesamtheit. So ist eben das Leben. Oben und Unten, Gut und Böse, Yin und Yang, Licht und Schatten, Lachen und Weinen liegen doch oft sehr nah beieinander. Warum sollte sich diese Achterbahn der Gefühle nicht auch in der Kunst widerspiegeln? Und idealerweise rege ich so mein Publikum auf unterhaltsame Weise zum Nachdenken an.
Herr Weiherer, Sie kommen am 22. November 2025 mit ihrem Programm „Sauber bleiben …“ zu einem Auftritt nach Bad Kissingen. Welchen Text würden Sie sich für die Ankündigung Ihres Auftritts wünschen? Soll man Sie als Liedermacher oder als Kabarettist vorstellen?
Vor vielen Jahren hab ich auf eine ähnliche Frage mal geantwortet, der Journalist solle mich doch bitteschön als „Die Helene Fischer des Kabaretts“ ankündigen. Das hat er tatsächlich getan und der Saal war ruckzuck ausverkauft. Vielleicht wäre das auch ein guter Plan für Bad Kissingen. Aber Spaß beiseite: Ich bin kein Freund von irgendwelchen Schubläden. Ich gehe einfach auf die Bühne und spiele und erzähle, was mir so einfällt und worauf ich gerade Lust habe.
Und ob ich dann mehr Musiker oder mehr Kabarettist oder womöglich gar ein Musikkabarettist bin, soll und darf gerne der Zuschauer entscheiden. Bestenfalls ist das dem Publikum aber genauso wurscht wie mir – Hauptsache, wir haben alle miteinander einen richtig schönen Abend.









