Eines der bedeutendsten Oratorien der europäischen Musikgeschichte nach Johann Sebastian Bach erklingt am Sonntag, 26. Oktober, um 15.30 Uhr im Max-Littmann-Saal: „Elias“ für Soli, Chor und Orchester in zwei Teilen von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Mitwirkenden sind Julia Borchert (Sopran), Brigitte Ascherl (Sopran), Susanne Krumbiegel (Alt), Celine Kubisch (Alt), Stephan Scherpe (Tenor) und Daniel Blumenschein (Bass). Es singen die Kantorei Herz-Jesu Bad Kissingen und der Partnerchor „da capo“ aus Tafers in der Schweiz (Einstudierung Benjámin Szilágyi). Es musizieren die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt. Die Leitung hat Burkhard Ascherl.
Es gibt nicht viele Oratorien des 19. Jahrhunderts, die sich bis in das heutige Musikleben so stabil behaupten konnten wie diejenigen Mendelssohns. Mit ihren zeitlosen biblischen Sujets verbinden sie Elemente der musikalischen Romantik mit dem pointierten Chorstil Georg Friedrich Händels und dem reflektierenden Choral Johann Sebastian Bachs. Sein erstes Oratorium „Paulus“ komponierte Mendelssohn 1829 unter dem Eindruck von Bachs „Matthäuspassion“, deren Wiederaufführung in der Berliner Singakademie er selbst geleitet hatte.
Der „Elias“, der am 26. August 1846 beim Birmingham Triennial Music Festival in Birmingham uraufgeführt wurde, brachte ihm den enormen Erfolg, der ihn bis heute zu einem der beliebtesten Oratorienkomponisten gemacht hat.
Facettenreiche Gestalt des Propheten Elias in Bad Kissingen
Der Prophet Elias ist eine der facettenreichsten Gestalten des Alten Testaments. Und nicht nur das: Auch von Juden und Muslimen wird er als Kämpfer gegen den Götzendienst verehrt. Er muss ein zorniger Prophet, aber auch ein Mann voller Zweifel gewesen sein, ein Eiferer, der zum Töten aufruft, und doch ein Mensch, der Mitleid und Güte beweist. Die Titelfigur des Oratoriums ist kein erstarrter Säulenheiliger, sondern ein Charakter aus Fleisch und Blut. Felix Mendelssohn und sein Textdichter Julius Schubring orientierten sich im Wesentlichen an der alttestamentarischen Darstellung, wie sie im 1. und 2. Buch der Könige überliefert ist. Das historische Vorbild der Figur war wohl ein Wanderprediger aus dem Ostjordanland, der um 850 vor Christus in Israel wirkte und unter anderem als magischer Regenmacher galt.
Mit Eifer, Gebeten und Fasten propagierte er die ausschließliche Verehrung Jahwes und stachelte die unterdrückte Landbevölkerung gegen den korrupten König Ahab auf. Der Bibel zufolge starb Elias keines irdischen Todes, sondern wurde bei Jericho in einem Flammenwagen mit feurigen Pferden entrückt. Diese spektakuläre Himmelfahrt machte ihn in der späteren Verehrung zum Helfer bei Gewitter und Feuer, aber auch zum Schutzpatron der Luftfahrt.
Elias ist auch in anderen Religionen von Bedeutung. Auch im Judentum und Islam wird er als Kämpfer gegen den Götzendienst verehrt. Im Judentum sieht man ihn zudem als Wegbereiter des Messias, weshalb man ihm zum Pessachfest für den Fall seines Erscheinens einen Becher bereitstellt. All das macht ihn zu einer eindrucksvoll facettenreichen Figur: streitbarer Prophet, gewaltbereiter Kämpfer, gütiger Mensch, aber auch erleuchteter Asket, der fast nichts zum Leben brauchte als Gottvertrauen.
Der „Elias“ ist kein abstraktes Glaubensbekenntnis, sondern ein zutiefst menschliches Porträt eines leidenschaftlichen, kämpferischen, aber auch zweifelnden Propheten. Im Zentrum des Oratoriums steht die vielschichtige Figur des Elias – ein Mann Gottes, der gegen den Abfall Israels von der Jahwe-Religion kämpft, gegen Götzendienst, politische Korruption und geistliche Trägheit. Mendelssohn zeigt Elias als eine fast opernhafte Gestalt: charismatisch, zornig, mutig, aber auch erschöpft, zweifelnd, ja suizidal.
Packende Dramatik im Oratorium Elias in Bad Kissingen
Diese psychologische Tiefe unterscheidet „Elias“ von vielen anderen Oratorienhelden der Zeit und macht ihn so modern. Geprägt von packender Dramatik und gleichzeitig von einer Innigkeit des Gottvertrauens, wie sie zu Mendelssohns Lebzeiten durchaus nicht mehr selbstverständlich war, bietet dieses Oratorium eine Vielzahl an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten: völlige Verzweiflung, riesige Freude, aufgepeitschte Hetze im Wettstreit um den „richtigen“ Gott. Mit ihren Schilderungen von Stürmen, Erdbeben, Wasserfluten und Feuer wirft sich die Musik voll Wucht hinein in diese alttestamentarische Geschichte – vergisst aber auch die Momente des Trostes nicht.
Die Musik ist ganz dem dramatischen Verlauf der Handlung mit ihren Spannungen untergeordnet. Die gründen sich vor allem auf den Konflikt zwischen dem israelischen König Ahab (9. Jahrhundert), der mit dem Volk dem Wettergott Baal huldigt, und Elias, der das Volk zum wahren Glauben an den zürnenden Jahwe zurückführen soll. Deshalb beginnt das Oratorium mit seiner Drohung, Jahwe werde eine Dürre senden. Die auch kommt und drei Jahre andauert.
Besonders auffällig ist die bedeutende Rolle des Chores im Elias. Der Chor ist nicht nur passiver Kommentator, wie oft in barocken Oratorien, sondern ein handelndes Subjekt. Er übernimmt verschiedenste Rollen: das sündige Volk Israel, die Baalsanhänger, die himmlischen Heerscharen, die trauernden Beobachter, die Engel, die Seher. Diese ständige Rollenverschiebung macht den Chor zu einem zentralen Träger des Dramas und stellt höchste Anforderungen an Flexibilität, Ausdruck und Präzision.










