Was dem Ur-Bayern das „Derblecken“ ist, ist dem Franken das „Frotzeln – also sich über jemanden lustig zu machen, sich abfällig zu äußern oder ihn im schlimmsten Fall zu verhöhnen“. Frotzeln hat also – im Vergleich zum derben „Derblecken“ – einen eher humorvollen, spöttischen Grundton. Ein Meister darin ist der Kabarettist Michl Müller. Den Beweis für diese, bis zur Selbstironie perfektionierte Kunstform lieferte das Garitzer Urgewächs beim Heimspiel im Kissinger Kurtheater mit seinem dreistündigen Programm „Limbo of Life“.
Die Bühne wird dominiert von einem überdimensionalen Bergpanorama, auf dem das Thema des Abends prangt, und während die Fans gebannt auf das Erscheinen der Lichtgestalt warten, rumpelt Müller durch eine Seitentür im Zuschauerraum und quetscht sich durch die zwölfte Reihe. Da heißt es nicht nur Aufstehen, sondern die liebevollen Kommentare des Stand-Up-Comedians auch auszuhalten und nicht minder humorvoll zu kontern.
Unorthodoxe Anmache gefällt
Den Gästen gefällt die unorthodoxe Anmache, und Müller entdeckt mit „Joe“ und „Natascha“ zwei ehemalige Klassenkameraden, die er zu „Stimmungsmachern“ verpflichtet. Auf Kommando den ganzen Saal mitreißen, lautet deren Aufgabe – eigentlich überflüssig, weil die Betriebstemperatur fünf Minuten später schon den Siedepunkt erreicht hat.
Trotzdem hat Müller sein Thema mit diesem Publikums-Limbo manifestiert, denn letztlich geht es in seinem neuen Programm um fein beobachtete Alltagsszenarien beziehungsweise -themen, die er im großen Spektrum eines Klassentreffens textlich, gesanglich und mimisch ausformulieren kann.
Treu bleibt sich der Kabarettist beim Aufbau seiner Programme, denn zunächst geht es um das Abwatschen im politischen Raum. Dabei setzt er auf die sicheren Lacher zu den Umschreibungen der handelnden Personen – Friedrich Merz ist das Trockenobst aus dem Sauerland, Wolfgang Kubicki ist bekennender Rotweinschwenker – oder Aufregerthemen wie Re-Migration mit „Müller mit ’ü’ - klingt irgendwie türkisch“ oder Söders Bart, der ihn an König Ludwig II. erinnert und den Starnberger See am bayerischen Horizont erscheinen lässt.
„Garitz – intern“
Nach diesem kurzen Umweg durch die bundespolitische und bayerische Politik landet Müller dann im Lokalkolorit und das Publikum bekommt eine humorvolle, bildhaft ausgeschmückte Breitseite von „Garitz – Intern“ mit Einblicken in das kleine gallische Dorf westlich der Kurstadt. Dabei nutzt Müller das dörfliche Milieu mit seiner Vereinskultur wie einen Brennspiegel für die gesellschaftlichen Entwicklungen und Tendenzen.
Der Garitzer Rauchclub wird zum „Kiffer-Club“, deren Sitzung aufgrund des anderen Stoffs nun vier Tage dauern, wobei der Obst- und Gartenbauverein die erforderlichen Anpflanzungen vornimmt und der Tennisclub die „Gras-Plätze“ zur Verfügung stellt. Der Kindergeburtstag wird „ent-spaßt“, weil nur noch pädagogisch-wertvolles Spielzeug von den Eltern gewünscht wird, oder Gäste wie Sören-Lars und Beyonce-Chantal eine Stress auslösende „To-do-Liste“ der Eltern dabei haben, die von vegan-alternativer Nahrung bis zum Medikamenten-Cocktail reicht.
Erfahrung mit einem Gutschein
Auch den „Gutschein-Trend“ hat Müller auf dem humorvollen Serviertablett, wobei er eigene Erfahrungen aus einem „Gutschein-Wellness-Wochenende“ mit Geschnarche im Ruheraum oder Rasul-Massage mit Kaffeesatz oder einem herabschauenden Hund beim Yogaschnupperkurs mit unterhaltsamen, leicht frivolen Untertönen und passenden Liedern dekoriert.
Wissendes Gelächter des Publikums begleitet den Künstler beim Mikro-Klima „Schulzeit“, die mit Streberin Merette oder Überflieger Peter oder Sportlehrer Ziegler personalisiert und tiefsitzenden Erinnerungen aufgearbeitet wird. In seiner hyperaktiven Art, die ihn mit mindestens 10.000 Schritten über die Bühne treibt, und einem kaum zu bändigenden Redefluss erinnert er an die Schulturnhalle mit einer Dunstglocke aus „Schweiß und Turnschuhabrieb“, wo der Kasten zum Versteck für Nichtsportler wurde oder der Bock zum „Spermien-Killer“ für die Unsportlichen. Kollektive Kindheits-Traumen gab es auch beim Schulschwimmen mit einem „Seepferdchen mit roten Augen“ oder bei den Bundesjugendspielen mit „Sonnenbrand statt Urkunde“ oder Wandertag statt Klassenfahrt: „Bei uns war’s der Wittelsbacher Turm und nicht Berlin oder London“, klagt Müller lautstark und erntet dafür Begeisterungsstürme.
Unterhaltsam statt tiefgründig
Mal gibt es bei Müllers Milieu-Studie eine Hochzeit mit Wedding-Planer und „Save the date“ mit drei Jahren Vorlauf, mal ist es ein Rhetorik-Seminar für Handwerker, das im Satz „Des wird teuer!“ gipfelt, mal ist es eine Kreuzfahrt mit Tattoo-Studio, wo man sich den Medikamenten-Plan auf den Unterarm stechen lassen kann.
Michl Müllers Anekdoten sind selten tiefgründig und wollen es auch nicht sein. Dafür bündelt er in seinem mehrstündigen Programm ein Sammelsurium an Stichworten, die dem Alltag seiner Gäste entnommen sind, und die er mit neuen Verknüpfungen auf unterhaltsame, manchmal auch derbe Art und Weise seinem Publikum präsentiert. Seine Fans honorieren diese frotzelige Kunstform, die gelegentliche Selbsterkenntnis bei Künstler und Kunstkonsument implementiert, mit überschäumendem Applaus und einer hohen Lachfrequenz, vor der auch Michl Müller nicht gefeit ist.
Dass der Kabarettabend mit Michl Müller ausverkauft war, muss wohl nicht extra erwähnt werden, gehört aber zum statistischen Zahlenwerk dazu – ebenso wie seine fünfzehnminütige Zugabe mit Hits wie „Männer, die bügeln …“, „Unnerhos“ oder dem Dauerbrenner „Fleischereifachverkäuferin“.
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