Vor zwei Jahren war es ein mutiges erstes Experiment gewesen: das Benefizkonzert für den Kissinger Sommer in der „Wagenburg“ am Staffels. Damals hatten Eugen und Ingeborg Münch, die seit vielen Jahren zu den Sponsoren des Festivals gehören, Intendant Alexander Steinbeis den Vorschlag gemacht, ihr damals neu errichtetes Haus, das ausreichend Platz dafür bot, für ein Benefizkonzert mit Musik, Unterhaltung und Büffet zu Gunsten des Festivals zur Verfügung zu stellen. In die musikalische Ausgestaltung wollten sie sich nicht einmischen: Carte blanche für den Intendanten.
Die Veranstaltung in Form eines Wandelkonzerts im Wintergarten auf dem Dach und in der ausgeräumten Tiefgarage des Hauses wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg – musikalisch, aber vor allem auch finanziell, dass sich im vergangenen Jahr ein weiterer Versuch anbot. Und der brachte Bestätigung. So war es jetzt kein Experiment mehr, als sich die Wagenburg zum dritten Mal für den Kissinger Sommer öffnete.
Jährlicher Etat von vier Millionen Euro
Geboten und nötig ist das allemal. Denn der Kissinger Sommer kann jeden Euro gebrauchen, wenn er sein Niveau halten und auf neue Erwartungen eingehen will. Alexander Steinbeis nannte in seiner Begrüßung ein paar Zahlen, die das belegen. Das Festival hat zurzeit einen jährlichen Etat von vier Millionen Euro. Davon stammen zwei Millionen Euro aus dem Ticketverkauf. Das ist eine Menge Geld, aber sie zeigt, dass Festivals wie der Kissinger Sommer sich nicht selbst tragen können, auch wenn sie eine hervorragende Platzauslastung von 84 Prozent haben. Denn die fehlenden zwei Millionen Euro bis zur schwarzen Null lassen sich nicht mit 16 Prozent mehr Besuchern erwirtschaften. Etwa ein Viertel trägt die Stadt. Dazu kommen als Institutionen der Freistaat Bayern, der Bezirk Unterfranken und der Landkreis Bad Kissingen. Der Rest muss über private Sponsoren akquiriert werden wie etwa dem Förderverein Kissinger Sommer, große Betriebe, kleine Einzelspender – und eben ein Benefizkonzert.
Ein Testlauf für riskante Innovationen war das Konzert in diesem Jahr nicht mehr, denn im ersten Teil gastierte das Simply Quartet, das im vergangenen Sommer bereits sein vielbeachtetes Debüt beim Festival gegeben hat. Und dass ein Chansonabend, wenn er qualitativ Hochwertiges bietet, kein Risiko mehr ist, zeigte sich in diesem Sommer unter anderem bei dem Edith-Piaf-Abend von Katherine Mehrling, der wegen der großen Nachfrage zweimal angeboten werden musste – und zweimal ausverkauft war.
Ein perfektes Zusammenspiel
Zunächst also auf dem Dach des Hauses im Wintergarten, der wieder seine gute Akustik ausspielen konnte, das Simply Quartet mit Antonia Rankersberger (2. Violine), Xiang Lyu (Viola) und Ivan Valentin Hollup Roald (Violoncello). Beim Posten des Primarius hatte das Schicksal mal wieder mitmischen müssen: Danfeng Shen hatte aus gesundheitlichen Gründen sehr kurzfristig absagen müssen, aber es gab einen Ersatz: seine Kollegin Jiayi Chen. Und um es gleich zu sagen: Es war wirklich erstaunlich, wie gut sich die Geigerin mit den drei anderen stilistisch und rhythmisch verstand und wie perfekt sie sich einpasste.
Sie passte wohl auch deshalb sehr gut zum Musizierstil des Simply Quartets, weil das ein außerordentlich demokratisches Ensemble ist, in dem alle Stimmen gleichberechtigt sind und nur dann in den Vordergrund treten, wenn sie etwas Wichtiges zu sagen haben. Vor allem Primarii und -ae neigen ja manchmal dazu, Führung mit Lautstärke zu verwechseln. Aber Jiayi Chen spielte außerordentlich teamdienlich (wie natürlich auch Danfeng Shen). So entstanden bei Bedřich Smetanas berühmtem e-Moll-Streichquartett „Aus meinem Leben“ außerordentlich klare Klangbilder mit starker Emotionalität. Immerhin musste Smetana einen gerade erlebten kapitalen Hörsturz verarbeiten und eine Verzweiflung, die sich in den Dialogen der Stimmen manifestierte. Aber es wurden auch seine Versuche deutlich, wieder in der Wirklichkeit Anschluss zu finden, sich dem Leben zu stellen, wie in der wunderbar artikulierten Polka des zweiten Satzes.
Unterhaltung pur
Der zweite Teil des Konzertes war Unterhaltung pur mit Joseph Lanners Marien-Walzer op. 143 und Johann Strauß’ Schnellpolka „Vergnügungszug“ op. 281 in Bearbeitungen für Streichquartett. Da musizierte das Quartett mit sichtlichem Vergnügen: Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn Musiker auch dann, wenn’s schwierig wird, genüsslich grinsen. Denn sie zelebrierten den Wiener Schmäh, den sie durchaus ernst nahmen, mit pointierten Betonungen, überdeutlichen Temposchwankungen und köstlichen Beschleunigungen. Da zuckte so manche Schulter im Rhythmus. Aber eines wurde deutlich: Johann Strauß war der bessere Melodiker.
Und dann ging’s hinunter in die Tiefe der Parkgarage, um dort den 100. Geburtstag von Hildegard Knef zu feiern – ein paar Tage verfrüht, denn sie wurde am 28. Dezember 1925 in Ulm geboren. Die ebenfalls gelernte Wahlberlinerin Meta Hüper – geboren in Hannover – und ihr Pianist Jarkko Riihimäki hatten die Aufgabe dieser Hommage übernommen unter dem Titel „Meta Hüper – In dieser Stadt: Knef reloaded“. Man konnte gespannt sein, denn ein paar Takte hat ja doch jeder, auch wenn er Hildegard Knef nie erlebt hat, im Ohr, eine Melodie oder Textzitate – schon wegen des „Ich hab noch einen Koffer in …“, des letzten Festivalmottos. Aber man wurde auf eine unerwartet angenehme Weise überrascht: Meta Hüper versuchte gar nicht erst, die Knef auf ihre Stimme hin zu imitieren. Das wäre schon deshalb schwierig gewesen, weil – wie Ella Fitzgerald festgestellt hat – die Knef „die beste Sängerin ohne Stimme“ war. Und Meta Hüper hat eine Stimme.
Sie wählte eine Reihe von Chansons aus, immer noch bekannte und auch schon immer weniger bekannte wie „In dieser Stadt“, „Tapetenwechsel“, „17 Millimeter fehlten mir zum Glück“, „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“, „Illusionen“, „Ich bin leider viel zu faul“, „Was wird aus mir“ und natürlich „Koffer in Berlin“. Und sie schuf mit ihnen mit ihrer eigenen pointierten, wachen, manchmal etwas flippigen oder lärmigen Art eine Stimmung von einer Dichte, die die Knef’sche Art seinerzeit erreichte. Natürlich war es geschickt, in der launigen Moderation großes Gewicht auf die Annäherung an die berühmte Sängerin zu legen, um dann die eigenen, durchaus mitreißenden Interpretationen folgen zu lassen. Gerade dieser Konflikt machte das Konzert spannend.
Rote Rosen als Zugabe
Ehrlich gesagt: Je länger Meta Hüper sang, desto froher war man, dass Hildegard Knef nicht selbst zu ihrer Hommage gekommen war. Denn ihre Art des „Gesangs ohne Stimme“ löste in den 60-er und 70-er Jahren, als auch das französische Chanson nach Deutschland kam, natürlich Begeisterung aus. Aber heute würde er etwas aus der Zeit gefallen wirken. Auch der sehr konkrete und belebende Anschlag von Jarkko Riihimäki hätte Hildegard Knef wohl eher verschreckt. Aber in der Tiefgarage fanden Stimme und Klavier wunderbar zueinander.
Unterm Strich lernte man die Sängerin Meta Hüper kennen, aber man wurde auch auf sehr eigene und subjektive Weise an Hildegard Knef erinnert. Natürlich gab’s die „regnenden roten Rosen“ als Zugabe. Und dann ging’s noch einmal hinauf in den Wintergarten, wo zur Musik des Würzburger Trios „Red Pack“ zu Speis und Trank über das Gehörte diskutiert werden konnte – und vielleicht auch noch der eine oder andere zusätzliche Spendenscheck dem Intendanten zugesteckt werden konnte.











