Fortwährendes Lernen ist der Schlüssel zur Selbstbestimmung eines Menschen, der Schlüssel zu einem guten Leben und einem besseren Miteinander in der Gesellschaft. „Hierin liegt der Zauber – ganz ohne Hokuspokus.“ Dies ist eine der Kernaussagen seiner „philosophischen Reflexionen“, die der Berliner Hausarzt und Philosoph Olaf Meyer (59) unter dem Titel „Zauber des Lernens“ veröffentlicht hat.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kultur im Reservoir“ las er kürzlich gemeinsam mit Ehefrau Esther und dem befreundeten Philosophen-Ehepaar Professor Dietrich Böhler und Bernadette Böhler-Herrmann im voll besetzten „Musoleum“ im Dachgeschoss des historischen Solereservoirs aus seinem bereits 2024 erschienenen Taschenbuch.
Die ideale Gesellschaft
„Am schönsten freilich wäre eine Gesellschaft, in der sich jeder Mensch als Lernender begriffe“, wünscht sich Meyer. „In einer solchen Gesellschaft könnten wir uns gemeinsam entwickeln und gegenseitig aufbauen, ohne andere Menschen zu entwerten, zu unterdrücken oder auszubeuten.
Ohne Krieg und Konkurrenzdruck wären wir frei und gleichzeitig unseren Mitmenschen verbunden. Wir wären Teil einer Gemeinschaft, in der jeder jeden als Individuum achtet und dabei auch das Wohl der Umwelt sowie zukünftiger Generationen nicht aus dem Blick verliert. Freiheit, Frieden, Verantwortung, Fürsorge und Freude fielen zusammen.“
Dies zu erkennen, setzt einen gewissen Grad an Weisheit voraus. Doch absolute Weisheit ist wohl kaum erreichbar, wusste schon der altgriechische Philosoph Sokrates, dessen wörtlich übersetzter Satz „Denn von mir selbst wusste ich, dass ich gar nichts weiß“ noch heute in der vereinfachten Formulierung „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ uns geläufig ist.
„Weisheit setzt also Lernen voraus. Ohne Lernen könnte es weder Klugheit noch Weisheit geben, weder Wissen noch Wissenschaft, weder Einsicht noch Vernunft“, bezieht sich Meyer auf eine Schrift des Philosophen Dietrich Böhler (84), seines einstigen Philosophie-Professors an der Freien Universität Berlin. Obwohl seit Jahrzehnten in Berlin hauptberuflich als Mediziner tätig, ist Meyer noch immer dem international renommierten und seit sechs Jahren in Bad Kissingen lebenden Philosophen und Ehrenvorsitzenden des Hans-Jonas-Zentrums sowie dessen Ehefrau, der Philosophin Bernadette Böhler-Herrmann, auf deren Veröffentlichungen Meyer ebenfalls in seinem Buch verweist, sowohl fachlich mit Beiträgen zu Böhlers eigenen Publikationen als auch freundschaftlich verbunden.
Im einführenden Gespräch mit Bernadette Böhler erzählte der praktizierende Hausarzt, warum er in Berlin neben seiner medizinischen auch eine philosophische Praxis führt. „Als Hausarzt bin ich immer auch als Seelsorger gefragt, weshalb ich meine Patienten bei ihren Problemen auch philosophisch begleite.“ Dabei unterscheidet er sein Angebot im Gegensatz zur Arbeit von Psychotherapeuten insofern, dass es bei seinen Patientengesprächen nicht um Erkrankungen, sondern um Lebensfragen geht – Zweifel am Selbstwert, Zukunftsängste oder Lebensangst nach schweren Erkrankungen.
Meyer bietet keine Patentrezepte, sondern führt seine Gespräche ergebnisoffen nach der „sokratischen Methode“, indem er dem Patienten durch geeignete Fragen ermöglicht, selbst eine Lösung seines Problems zu finden und so sein Erkenntnispotenzial zu aktivieren. „Meine Patienten sollen ihren eigenen Weg gehen und nicht meinen.“ Meyer versteht seine philosophischen Gespräche „nicht als Ergänzung, sondern als Vertiefung“ seiner medizinischen Beratung.
Als philosophisch geprägter Mediziner bietet er seinen Patienten eine Orientierungshilfe. „Philosophie gibt uns solche Kriterien an die Hand“, ist in seinem Vorwort zum Buch zu lesen. Auf diese Weise kann sie dazu beitragen, im Leben besser zurechtzukommen. „Denn die Frage, woran wir uns im Leben halten können, ist schon eine philosophische.“
Philosophie bedeutet im wörtlichen Sinn Liebe zur Weisheit oder Streben nach Weisheit. Weisheit ist wiederum der Garant für Wohlergehen und Glück, also für ein gutes, sinnerfülltes und damit gelungenes Leben. „Der Sinn des Lebens wäre demnach Lernen – etwas, das von allen erreicht und mit allen geteilt werden kann.“
In der Philosophie ist die Freude von Anfang an mit jedem Erkenntnisgewinn verbunden, verweist Meyer in seinem Buch auf die Philosophen Epikur, Konfuzius und Spinoza. „Das Glück liegt also bereits im Lernen selbst. Lernen dient nicht dem Ziel, glücklich zu werden, sondern ist schon das Glück.“ Eben darin besteht, so folgert Olaf Meyer, der Zauber des Lernens.
Informationen zum Buch Olaf Meyer: „Der Zauber des Lernens. Philosophische Reflexionen“, Books on Demand, Taschenbuch, 116 Seiten, Preis: 8 Euro, ISBN 978-3769306149.










