0
Kabarett
Patrizia Moresco: ungebremst und ungehemmt
Patrizia Moresco hat auf der Bühne Gast gegeben und zu sehr vielen Themen etwas zu sagen gehabt.
Patrizia Moresco hat auf der Bühne Gas gegeben und zu sehr vielen Themen etwas zu sagen gehabt. // Klaus Werner
Signet des Fränkischen Tags von Klaus Werner
Bad Kissingen – Mit ihrem Programm „Overkill – ich glaub es hackt“ hat die Künstlerin im Kurtheater den Kissinger Kabarettherbst eröffnet – auf ihre spezielle italienisch-schwäbische Art.

„Red´ ich zu schnell?“  Immer wieder stellt Patrizia Moresco ihren knapp 120 Gästen im Bad Kissinger Kurtheater diese Frage, um dann ungezügelt, ungebremst und ungehemmt ihre kabarettistische One-Women-Show fortzusetzen.

Mit einer Mischung aus schlüpfrigen Blödeleien, körperbetonter Selbstironie und „Schlagwort-Kabarett“, gepaart mit schonungslosem Mundwerk und kraftvoller Liedstimme, begeisterte die Italienerin mit „schwäbischem Migrationshintergrund“ die Gäste.

Volle Breitseite Klamauk

Zum Auftakt des Bad Kissinger Kabarettherbstes gab es die volle Breitseite an gesellschafts-zynischem Klamauk durch die Powerfrau, der das Bühnen-Adrenalin aus jeder Pore strömte und man bei ihrem ausgiebigen Bewegungsdrang dachte, sie habe ihre tägliche Dosis Ritalin vergessen.

„Der Wahnsinn fängt zu Hause an“ lautete ihre kabarettistische Feststellung und dort fand sie auch die meisten Verknüpfungspunkte zu ihren anarchischen Zuspitzungen.

Mal war es die Stromrechnung, die einem die Angst vor der Dunkelheit nimmt, mal war es die Kaltmiete von 1000 Euro für die Kellergeschosswohnung, wo die nagenden Ratten über einem hausen und man Horrorfilme schaut, um runterzukommen, mal war es die Werbung für eine Sterbegeldversicherung, die zum 66. Geburtstag in Haus geflattert kam und die Urne als „Pokal mit eigenen Namen“ anpries.

Generation Z

Nahtlos wurde zum Fitness-Wahnsinn übergeleitet, wobei die dadurch entstehenden Kosten für nachhaltige BHs automatisch zum Abnehmen führen, weil man sich kein Essen mehr leisten kann – dafür erlebt man einen Trainer, „der an Stellen Muskeln hat, wo andere gar keine Stellen haben“.

Ausgiebig beschäftigte sie sich mit der Generation Z und deren Philosophie des „Amazing life“ – „sterbenslangweilig“ so ihre Ansicht, wenn man sein Leben nach „Likes und Followern“ ausrichtet. Ihr Urteil: „Das werden die langweiligsten Alten ever.“

Vegane Kantine

Ihre Begründung: „Was wollen die in 50 Jahren ihren Enkeln zeigen, wenn im Fotoalbum nur `mein Mittagessen` oder ein Selfie vor dem Badezimmerspiegel ist.“

Gleiches galt für „Work-Life-Balance“, wo eine vegane Kantine und voller Lohnausgleich bei weniger Arbeitszeit wichtiger sei als das Bestreben, Lebensstandard durch Leistung zu erwirtschaften.

Der SUV-Aufmarsch

Einen kritisch-sarkastischen Blick gab es auch auf moderne Erziehungsmethoden, die Erziehung den Lehrerkräften überlässt, oder der beliebte SUV-Aufmarsch vor der Schule, damit die „gepamperte Aufzucht“ möglichst vom Autositz direkt auf den Klassenstuhl rutschen kann – Themen, die beim überwiegend älteren Publikum ein Grinsen ins Gesicht zauberten.

Botox-to-go

Nicht weniger derb-humorvoll waren ihre Anmerkungen zum Bodyshaping, wo die Frauen sich am Busen, am Po und an den Lippen aufblasen lassen, als wären sie aus Gummi, wo Botox-to-go für bewegungslose Mimik sorge und wo eine „Designer-Vagina“ als Nonplusultra der Schönheitsoperationen gilt.

Die harmlose Frage „Wie geht's?“ oder „veganes Kochen geht nur, wenn der Hund nicht zuschaut“ oder der abgrundtiefe, braune Hass im Netz waren weitere Stichworte, die mit griffigen Argumenten abgearbeitet wurden, bevor im rasanten Tempo das nächste Thema auf der Bühne seziert und mit einer Mischung aus autobiografischen Erfahrungen und öffentlichem „Bashing“ präsentiert wurde.

Mit Temperament und Körpersprache

Dabei nutzte Moresco ihr italienisches Temperament und ihre schauspielerische Ausbildung, um mit schwäbischer, berlinerischer oder bayrischer Mundart und mit ausgeprägter Mimik und Körpersprache die Gäste zu begeistern.

Gestenreich und mit vollem Körpereinsatz: Patrizia Moresco
Gestenreich und mit vollem Körpereinsatz: Patrizia Moresco // Klaus Werner

Selbst bei ihren kritischen Anmerkungen war das Sahnehäubchen ein Gag, der weniger auf die Gehirnwindungen des Publikums abzielte, sondern eher auf die Lachmuskeln des Zwerchfells – auch wenn dafür gelegentlich eine erwartungsvolle Kunstpause notwendig war.

Gäste kamen mit Beifall nicht hinterher

In ihrem Stakkato der Stichwörter durften Schimpfwörter wie „Fick dich“ als „emotionaler Frustabbau“ ebenso wenig fehlen wie der weltweite Nationalismus, der in Deutschland in 40.000 gewaltbereiten Rechtsextremisten gipfelt und „davon sind ein Drittel unter 20“.

In ihrer bunten Mischung aus Kabarett und Comedy hatte sie ein niedrigschwelliges Lachangebot dabei, das die Gäste bereitwillig aufnahmen. Mit herzhaftem Gelächter wurde der zweistündige Auftritt der Künstlerin quittiert.

Bei ihren satirisch-sarkastischen Anmerkungen kamen die Gäste mit dem Beifall nicht immer hinterher. Der begeisterte Schlussapplaus holte Patrizia Moresco zu einer Zugabe auf die Bühne.

Lesen Sie weitere Artikel aus der Kultur:

Inhalt teilen
  • kopiert!