Es ist vielleicht der letzte laue Abend dieses Sommers. Ganz sicher ist es die richtige Musik dafür. Irgendwo zwischen rockig und verträumt. Bunt, lebendig, ein vertonter Aperol Spritz. Amy Macdonalds Hitdichte hat seit ihrem Senkrechtstarter-Debüt vor knapp 20 Jahren abgenommen, geblieben sind ganz viel Charme und Stimme. Sie verzaubert die 2500 Fans zum Auftakt der Open-Air-Serie auf dem Bad Kissinger Turnierplatz. Entführt sie aus der Au hinaus in ihre schottische Heimat.
Wo sich traditionell vieles um Fußball dreht – auch bei der seit zwei Tagen vor dem Auftritt 39-Jährigen. Macdonald singt vor Länderspielen die inoffizielle Hymne „Flower of Scottland“, war mit dem englischen Stürmer Steve Lovell verlobt, ehe sie 2018 den langjährigen FC-Aberdeen-Verteidiger Richard Foster heiratete. Sie ist glühender Fan der Glasgow Rangers, singt davon in „Pride“. In Bad Kissingen eröffnet sie mit „Is this what you‘ve been waiting for“, dem Titel-Track ihres bis dato letzten Albums und ARD-Song zur Frauenfußball-EM 2025.
Macdonald erzählt, wie stolz sie auf die diesjährige WM-Endrunden-Teilnahme des Männerteams war, die erste seit 1998. „Da war ich ein kleines Mädchen. Ihr Deutsche könnt das nicht verstehen, ihr seid ja gut in Fußball.“ Sie stutzt. „Okay, wart.“ Ohnehin sei es viel entscheidender, dass die „Headlines in den Zeitungen uns gehört haben. Weil unsere Fans in den USA den Alkohol weggetrunken haben“. Die Frau mit den markanten Rosen- und Totenkopf-Tattoos auf dem linken Arm ist vermutlich nicht nur auf der Bühne der Kumpel von nebenan. Die sympathische Freundin, mit der man allerlei Unsinn erleben kann.
„Mr. Rock & Roll“ früh am Abend
Der Donnerstagabend ist der letzte Termin ihrer Deutschlandtour. Auf der ihr die „lustigen Städtenamen“ mit „Bad“ aufgefallen sind. Im Englischen heißt das irgendwas zwischen schlecht, schlimm und böse. „Seid ihr alle Gangster?“ Oder: „Vielleicht schlechte Küsser?“ Nicht die einzige Frage der Künstlerin mit der kräftigen Stimme und den gelegentlichen Country-Kieksern. „Warum habt ihr in Deutschland eigentlich so viele Wespen? Und dürft die nicht killen. Ganz ehrlich: Ich habe dieses Gesetz gebrochen.“
Macdonalds Lieder muss man nicht alle kennen, wenn man kein eingefleischter Fan ist. Aber sie klingen, als müsste man sie alle kennen. Sie balanciert elegant auf dem schmalen Grat zwischen Eingängigkeit und Eintönigkeit. Kann auch richtig rocken („Can you hear me?“). An diesem Sommerabend voller Romantik und Späßen haut sie „Mr. Rock & Roll“, ihren Durchbruch im deutschsprachigen Raum, früh raus. Im Fußballjargon: Anfangsoffensive. Ein Spannungsbogen, der das Warten auf „This is the Life“ versüßt: der größte Erfolg als letzter Song, nicht als Zugabe.
Blair Davie sorgt im Vorprogramm für Laune
Dass es vor den Plusnummern „We survive“, „The glen“ und „Let‘s start a Band“ etliche eilig haben mit der Pole-Position auf dem Parkplatz und vorzeitig gehen, quittiert Macdonald mit schottischem Sarkasmus, nennt es ihrer Band und allen Mitwirkenden gegenüber „respektlos“. Nicht mehr als eine Randnotiz eines zauberhaften Abends.
Weit mehr als die branchenübliche Talent-Schau im Vorprogramm ist der Auftritt von Blair Davie. Deys (so das geschlechtsneutrale Pronomen für nonbinäre Menschen) Streifzug durch Rock und Pop, durch Folk und Soul berührt – und sorgt für Laune im Publikum. Davie, ebenfalls aus Schottland, macht die Seele nackig, geht offen um mit dem eigenen Coming-out. Da geht es um Selbstfindung und die eigene Sexualität, um Lieben und Geliebtwerden, um menschliche Verluste. Für die großen Bühnen wird das, sorry, nichts. In die prachtvolle Kulisse der 1922 errichteten Tribüne passt‘s perfekt.













