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Ausstellung
Scharfsinnig: Von Tempolimit bis Corona
Bei der Eröffnung der Ausstellung: (von links) Bernd Gieseking, Annette Späth und OB Dirk Vogel
Bei der Eröffnung der Ausstellung: (von links) Bernd Gieseking, Annette Späth und OB Dirk Vogel // Klaus Werner
Ausstellungseröffnung
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Ausstellungseröffnung // Klaus Werner
Bad Kissingen – Im Museum Obere Saline werden die besten Cartoons 2022 gezeigt. Zum fünften Mal ist die Ausstellung „Beste Bilder“ in Bad Kissingen zu sehen.

Tempolimit nur für Ungeimpfte, 9-Euro-Ticket für Sylt-Liebhaber, Greenwashing, kulturelle Aneignung mit Winnetou, Fachkräftemangel – die Themen des Jahres 2022 auf den Punkt zu bringen, ist Ziel der Cartoons und Karikaturen, die bis zum 17. September im Museum Obere Saline gezeigt werden. Für die verbalen Spitzfindigkeiten war bei der Ausstellungseröffnung wieder Bernd Gieseking zuständig, der den Premierengästen und allen zukünftigen Besuchern empfahl: „Nehmen Sie sich Zeit, denn unser Gelächter braucht ebenso Raum wie unser Nachdenken.“

Bereits zum fünften Mal

Zum fünften Mal ist die Ausstellung „Beste Bilder“ in Bad Kissingen zu sehen, die eine Essenz aus 3000 Cartoons von 350 Zeichnern und Zeichnerinnen darstellt, die in Zeitungen, Zeitschriften oder im Internet veröffentlich worden sind. Knapp 300 dieser feinsinnigen Kunstwerke standen in der engeren Wahl zum „Deutschen Cartoonpreis 2022“, der vom Lappan-Verlag ausgelobt ist und in Zusammenarbeit mit der „Caricatura“-Galerie für komische Kunst Kassel präsentiert wird.

Preisträger darunter

Gezeigt werden auch die drei Preisträger des Wettbewerbs und erstmalig ein Publikumspreis, wobei die Themen ebenso wie bei allen der 70 präsentierten Cartoons sofort erkannt werden, deren humorvoll-sarkastische Hintergründigkeit aber erst bei näherer Betrachtung erkennbar ist. Für Museumsleiterin Annette Späth sind Cartoons und Karikaturen eine andere Art, sich mit aktuellen Themen und deren Herausforderungen auseinanderzusetzen: „Sie rücken auf humorvolle Art und Weise Sachverhalte in den Blickpunkt, stellen klar und weiten den Blick auf die Welt.“ Satire, Bildwitz, Komik und Humor seien schon früher ein Stilmittel gewesen, denn Cartoons wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Magazinen wie „Nebelspalter“ oder „Simplicissimus“ gedruckt. Selbst Bad Kissingen wurde damit verewigt: Im Jahr 1883 erschien im Satiremagazin „Kladderadatsch“ der Cartoon „Erinnerungen aus Bad Kissingen“, der Monsignore Gaetano Aloisi Masella und Reichskanzler Bismarck nackt und konspirativ in einer Badewanne sitzend zeigt – zu bestaunen in der Dauerausstellung des Museums.

2022 bot reichlich Themen

„Das Jahr 2022 war gespickt mit Cartoon-Themen“, so Oberbürgermeister Dr. Dirk Vogel. Und diese Themen seien häufig aus der Geschichte bekannt und treffen mit Mangelwirtschaft bei Medikamenten, hohen Energiepreisen, Corona-Pandemie, Klimakatastrophe oder Kriegsangst als Spaltpilz auf eine Wohlstands- beziehungsweise Wohlfühlgesellschaft. Für die Politik, deren „Akzeptanz und Legitimität schwindet“, sei es kein gutes Jahr gewesen – „für die Satire war es ein herausragendes 2022“.

Als wortgewandter, schlitzohriger Tausendsassa präsentierte sich Bernd Gieseking. Der Satiriker, Kabarettist, Buchautor und vielbeschäftigte Moderator bot wieder ein breites Spektrum seines Könnens – einerseits humorvolle Standup-Comedy zu den Alltagswelten, andererseits feinsinnige, differenzierte Analysen zu den 70 Cartoons und Karikaturen, die im Nebenraum auf ihre Entdeckung warteten. „Die Rente ist sicher“ – Norbert Blüms historischer Ausspruch war der Einstieg für Giesekings skurrile Betrachtung von Pensionär und Rentner, deren unterschiedliches Altersruhegeld er gekonnt mit deren unterschiedlichen Lebenserwartungen und dem Corona-Inzidenzwert in Beziehung setzte. Die politischen Schwerpunkte der Ausstellung waren für ihn Anlass für seine Feststellung: „Wir sind aus dem Paradies vertrieben worden.“

„Wir stehen kurz vor der Steinzeit“, sei das vorherrschende Gefühl. Schuldige? Putin, wer sonst! Und diesen ließ Gieseking als Propaganda-Superheld mit nacktem Oberkörper, als Amphoren-Taucher, als Lachs-Angler bildhaft durch die Obere Saline geistern. Als scharfsinniger Betrachter zeigte sich Gieseking bei Ex-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, dem „Glühwürmchen des Kabinetts“, bei Karl Lautenbach als „Wiesel der Bundesregierung“ oder dessen Gegenstück Olaf Scholz, wobei dieser als Bundeskanzler die abwartende Haltung Merkels noch übertroffen habe: „Zögern vor dem Abwarten.“

70 Exponate

Scharfsinniges Hinschauen galt auch den 70 Exponaten der Ausstellung, und auch hier zeigte sich Gieseking als der richtige Betrachter. Es komme nicht auf den „Konsum des offensichtlichen Witzes“ an, sondern vielmehr auf die Botschaft hinter dem Plakativen, hinter der reduzierten Darstellung. „Chef, Martin heißt jetzt Martina“ – so die Kernaussage des Cartoons von Oli Hilbring, der den 1. Preis errang und vorrangig die Transgender-Identität thematisiert. Mit der Gedankenblase „Da muss ich ja das Gehalt kürzen“ wird das Thema auf „Equal-Pay“ und Gleichberechtigung erweitert.

Gieseking richtet aber den Blick nicht nur auf die Pointe, sondern verweist zu Recht auf das künstlerische Können in den detailreichen Cartoons. Der zweite Preis ging an Dorthe Landschuh, der dritte Preis an Sven Wegmann und der Publikumspreis an das Duo Jandre, mit seiner schmerzhaften Karikatur zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche.

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