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Die Sache mit Otto
Fernsehen nur mit Warnhinweis?
Thomas Ahnert kommentiert.
Thomas Ahnert kommentiert. // Saale-Zeitung
Bad Kissingen – Otto Waalkes hat es schon erwischt und wird mit einem Hinweis auf mögliche Diskriminierung gesendet– wie mündig ist eigentlich der TV-Zuschauer?

Ja, wer sind wir denn!? Haben wir wirklich keine anderen Probleme!? Müssen wir wirklich, wenn wir den Fernseher einschalten, an folgende neutral blaue Schrifttafel geraten: „Das folgende Programm wird, als Bestandteil der Fernsehgeschichte, in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“

Und dann erwischt es als Ersten Otto Waalkes! Ausgerechnet Otto! Diesen immer freundlichen, geradezu plüschig sanftmütigen Softi! Diesen harmlosen Zappelphilipp, der vor 50 Jahren schon auch mal gegen das eine oder andere Tabu verstieß, aber dabei sicherheitshalber immer den Kopf zwischen die Schulten zog, diesen doch wirklich harmlosen Blödelbarden, der in seinen Texten nie zu irgendeiner Gewalt aufgerufen hat.

Ausgerechnet dieser Otto muss jetzt als Erster dafür herhalten, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen glaubt, eingestehen zu müssen, dass es (nicht nur) in den 70er-Jahren Diskriminierendes aufgezeichnet und ausgestrahlt hat. Da fühle ich mich ziemlich auf den Arm genommen. Denn ich denke, dass ich die Diskriminierungen auch ohne Warnung erkannt hätte. Und ich glaube nicht, dass ich trotz der Warnung alle erkannt hätte, weil der Begriff eine große Grauzone hat. Jetzt soll es auch Heinz Schubert erwischt haben.

Damals haben wir noch gelacht

Wie harmlos Otto war, zeigt der erste Witz aus seiner Anfangszeit, an den ich mich erinnere: „Die Polizei hat in der Umgebung von Tönisvorst (Bitte nicht festnageln: Der Ort kann auch anders geheißen haben!) mehrere Radarfallen aufgestellt, hat aber nach eigenen Angaben noch keine Radare gefangen.“ Damals haben wir darüber gelacht. Heute könnten sich nur ein paar fundamentalistische Tierschützer darüber aufregen, dass durch diese Jagd die Biodiversität erheblich leidet. Oder: Ottos Lied vom „Friesenjung“, diese Sting-Parodie von 1972, finde ich auch ohne Warnung nicht gut, sondern albern. Und das war auch schon vor 30 Jahren so.

Schere im Kopf

Ich bin irritiert, weil ich offenbar nicht für einen mündigen TV-Zuschauer gehalten werde. Weil ich das Gefühl habe, dass da allmählich wieder die Schere im Kopf verankert werden soll. Weil ich an den Artikel 5 des Grundgesetzes denke, in dem es um Rede- und Meinungs- und Pressefreiheit geht: „Eine Zensur findet nicht statt“ ist da zu lesen.

Und ich frage mich, wie das weitergehen soll – nachdem es immer mehr Wiederholungen aus alten, überholten Zeiten gibt. Füllen sich die Sendehaus-Keller jetzt mit Kommissionen, die pausenlos alte Filme begutachten und auf „No goes“ überprüfen. Die sie mit „Nur mit Warnhinweis!“ bestempeln oder gleich ganz aus dem Verkehr ziehen? Sehen wir künftig vor jeder Wiederholung – also mehrmals am Tag – die Tafel: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Ihren Fernsehrat oder Psychiater“?

Es gäbe genügend andere Gründe

Dabei gäbe es genügend Gründe, die blaue Schrifttafel einzusetzen, und zwar bei aktuellen Sendungen. Wenn etwa – das ist jetzt ein extremes Beispiel – das Gesicht des thüringischen AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke auf dem Bildschirm erscheint und er den Mund aufmacht, um etwas zu sagen, dann sollte diese Tafel blitzartig eingeschoben werden. Man könnte sogar zwischen das „die“ und das „heute“ ein „schon“ einschieben.

Also jenen Björn Höcke, den seine eigene Partei wegen seiner aggressiven Rechtsradikalität schon mehrfach, aber erfolglos los werden wollte, dessen Reden oft so klingen, als seien sie bei Adolf Hitler oder Joseph Goebbels abgeschrieben, den manche Leute mit gerichtlicher Rückenstärkung als „Faschisten“ bezeichnen dürfen, der zwischen 2001 und 2014 hessische Gymnasiasten in Geschichte unterrichtete, der sich gerne mal mit – gesetzlich verbotenen – SS- und SA-Parolen verabschiedet, der seit 2020 gezielt vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Was Höcke erst kürzlich über „Inklusion“ von sich gegeben hat, wäre mit „diskriminierend“ höchst beschönigend beschrieben. Erstaunlicherweise war sein Vater Sonderschullehrer in Neuwied.

Wahrscheinlich werden wir erst in 40 Jahren gewarnt, wenn das Gesicht des AfD-Zündlers auf dem Bildschirm auftaucht. Aber natürlich werden wir ihn uns dann anschauen: aus historischem Interesse, Das machen wir bei Otto ja heute auch schon.

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