0
Wenn das Telefon ständig klingelt
Anonyme Anrufe können Spaß machen
Thomas Ahnert kommentiert
Thomas Ahnert kommentiert // Saale-Zeitung
Bad Kissingen – Wie man sich die tristen Novembertage auf ungewöhnliche Weise versüßt

Der November macht ja so schon depressiv genug mit seinem ganzen Totengedenktagen und Volkstrauertagen und Buß- und Bettagen. Und die immer finsterer werdende Dunkelheit, in der die Straßenlampen nur noch angeschaltet werden, um sich selbst zu beleuchten und nicht die Straßen und Fußgänger, die fast nur noch schwarze Klamotten tragen (zum Glück sind wenigstens weiße Sneakers im Trend), trägt entschieden zur Stimmungsabsenkung bei.

Seit etwa vier Wochen kommt bei meiner Frau und mir ein weiterer Deprimierer dazu, und ich frage mich, ob das bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, genauso ist – was ich nicht hoffe: Seit vier Wochen werden wir jeden Tag 20- bis 30-mal durch Anrufe terrorisiert – das ist wirklich keine Übertreibung, weder von den Zahlen noch von der Wortwahl her. Da klingelt dann das Telefon – zum Glück haben wir mehrere Handgeräte in der Wohnung verteilt – und zeigt eine Handynummer, manchmal noch mit dem Hinweis: aus Hamburg, aus Berlin, aus Magdeburg, aus Stuttgart. Wenn man abhebt und nicht seinen Namen, sondern nur „Hallo!“ sagt, passiert immer dasselbe: erst eine Pause, dann die Frage: „Spre(s)che i(s)ch mit Herrn Tomas Ahnert?“ Natürlich sage ich dann nicht „ja“, denn das Wörtchen soll man ja meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Einfach selbst was fragen

Viel besser ist die Gegenfrage: „Wer will das wissen?“ Wenn man dann eine vernuschelte Antwort bekommen hat, kann man im Prinzip schon auflegen. Aber dann erfährt man nicht, dass man vergessen hat, ein Gewinnspiel rechtzeitig zu kündigen und jetzt weiterbezahlen muss. Oder dass man sofort einen vierstelligen Betrag überweisen soll, damit ein Inkassoverfahren nicht vor Gericht geht. Und viele andere schöne Dinge. Ich habe ein bisschen den Überblick verloren, aber sieben Gewinnspiele muss ich mindestens am Laufen haben. Und zwei Inkassoverfahren.

Oder einfach wegdrücken

Was kann man dagegen tun? Nicht wirklich viel, auch wenn vom Empfänger nicht genehmigte Werbeanrufe gesetzlich verboten sind. Meistens sind es ja Handynummern, die ich mir zumindest nicht gut merken kann. Ich könnte alle Handynummern sperren, aber da hätten meine Freunde und seriöse Anrufer etwas dagegen. Einzelne Nummern sperren macht zu viel Arbeit, und sie ändern sich ja auch immer wieder. Ich drücke sie weg, wenn ich sie einschlägig als terroristisch kenne oder auch nicht kenne. Das kann aber auch einen Falschen treffen.

Wer sind Sie?

Wichtig und durchaus etwas erfolgversprechend, wenn man drangeht, ist, die Gesprächssituation umzukehren, den Anrufer mit Fragen lahmzulegen: „Wie heißt die Firma? Und wer sind Sie? Kann ich Sie zurückrufen, ich habe gerade ein anderes Gespräch? Wieso kann ich Sie nicht zurückrufen? Wir haben doch beide ein Telefon. Warum ist Ihre Telefonnummer bei der Telekom nicht bekannt? Warum schotten Sie sich mit erfundenen Nummern gegen jeden Anruf ab? Kann ich Ihren Chef sprechen? Weiß Ihre Mutter eigentlich, womit Sie Ihr Geld verdienen?“

Oder weisen Sie ihn darauf hin, dass Sie das Gespräch „zu Fahndungszwecken aufnehmen“. Müllen Sie ihn zu mit derartigen Fragen. Und fordern Sie ihn auf, Ihre Nummer einfach aus seinem Computer zu löschen. Wenn er oder sie nicht vorher aufgelegt haben. Etwas ganz anderes sind die getürkten (Oh verdammt! Darf man „getürkt“ heute überhaupt noch verwenden?) also: gefaketen Anrufe von der Pseudo-Polizei. Die liebe ich, da mache ich gerne mit, weil ich da so unglaublich viel über mich und meine Familie erfahre, was ich überhaupt noch nicht wusste: dass ich etwa zwei Söhne und fünf Töchter habe, die alle nicht Auto fahren können und jetzt bei der Polizei schmoren und dringend Geld brauchen.

Das macht Spaß

Es macht mir einfach Spaß zu hören, wie sie um möglichst unverbindliche, unpräzise Antworten auf meine Fragen ringen – bis sie merken, dass sie verar…t werden und von sich aus auflegen. Auch wenn Sie einen derartigen Anruf bekommen und ihn für glaubwürdig halten, können Sie spätestens dann auflegen, wenn der Begriff „Kaution“ fällt. Denn die setzt nie die Polizei, sondern nur ein Gericht fest.

Ansonsten können Sie auch die allergröbsten Beleidigungen den Anrufern in ihre Headsets brüllen. Eine Beleidigungsklage haben Sie nicht zu befürchten.

Übrigens: Während dieser Text entstand, kamen sechs Anrufe. Ich habe sie alle weggedrückt.

Inhalt teilen
  • kopiert!