Pro von Heike Paulus
Entscheiden, bevor es zu spät ist
Man sollte die Angehörigen mit dieser Frage nicht alleine zurücklassen
Neulich habe ich es getan: Ich habe in einem Organspendeausweis der DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) zugestimmt, dass ich nach meinem Tod bereit bin, meine Organe zu spenden und trage dieses Dokument immer bei mir. Zugegeben, ein wenig mulmig war mir schon. Es ist ein unangenehmes Gefühl, sich mit dem eigenen Ableben auseinanderzusetzen.
Im Organspendeausweis kann man übrigens auch ausdrücklich ablehnen, dass Organe gespendet werden. Egal, was man ankreuzt: Ich finde, man sollte seinen Angehörigen nicht zumuten, diese Entscheidung in einer ohnehin für sie emotional schwierigen Situation treffen zu müssen. Deshalb habe ich noch zu Lebzeiten entschieden.
Dass ich Organspenderin werde, ist trotz meiner Zustimmung im Ausweis eher unwahrscheinlich. Denn Spenderin werde ich nur für den seltenen Fall, dass ich nachweislich hirntot bin, meine Organe aber noch einwandfrei. Und das wiederum setzt voraus, dass ich am besten im Krankenhaus unter ärztlicher Aufsicht sterbe, die sofort alles in die Wege leiten können, um die Organe bis zur Transplantation vital zu halten. Wer an Krebs oder einer schweren Infektion stirbt zum Beispiel, kommt von vorne herein nicht in Frage.
Alter ist übrigens kein Ausschlusskriterium für eine Organspende. Der älteste Organspender in Deutschland war laut DSO 98 Jahre alt. Das biologische Alter entscheidet, nicht das kalendarische.
Angst, dass vorzeitig die Apparate abgeschaltet werden könnten, habe ich nicht. Im Gegenteil, ich habe eher die Sorge, man könnte mich gegen meinen Willen noch lange dahinvegetieren lassen. Deshalb habe ich außerdem verfügt, dass ich keine lebenserhaltenden Maßnahmen wünsche, wenn nach ärztlichem und menschlichen Ermessen keine deutliche Verbesserung meines Gesundheitszustandes mehr zu erwarten ist und mein Leben nur noch an Schläuchen hängt.
Für mich ist es tröstlich zu wissen, dass - wenn ich schon sterben muss - einzelne Organe von mir eventuell weiterleben und einem anderen Menschen Lebensjahre oder zumindest mehr Lebensqualität schenken. So wie es der Angehörige eines Spenders einmal formuliert hat (kein wörtliches Zitat): An dem Tag waren wir furchtbar traurig. Aber wir wussten, dass zur gleichen Zeit fünf Familien sehr glücklich sind.
Contra von Marion Eckert
Friedlich sterben dürfen
Der Hirntod ist nicht der Tod, sondern ein Moment im Sterben
Ich habe keinen Organspendeausweis und werde mir – zumindest aus heutiger Sicht – keinen zulegen. Ich gebe zu, das Thema macht mir Angst. Ich fühle eine große Unsicherheit und habe Berührungsängste mit der Thematik. Möglicherweise weiß ich auch einfach zu wenig. Sicherlich, mir ist bewusst: Organspende kann Leben retten und aus christlicher Sicht kann es als Akt der Nächstenliebe, die über den Tod hinaus geht, gesehen werden.
Und trotzdem. Ich habe zu viele Fragen und Bedenken, die letztlich wohl niemand beantworten oder mir nehmen kann. Der Hirntod leitet zwar einen unumkehrbaren Sterbeprozess ein, jedoch ist der Spender zum Zeitpunkt der Organentnahme immer noch lebendig. Alle Organsysteme außer das Hirn arbeiten noch, es sind noch Vitalzeichen vorhanden. Der Hirntod ist nicht der Tod, sondern ein Moment im Sterben eines Menschen.
In meiner Patientenverfügung lehne ich lebensverlängernde Maßnahmen durch Intensivmedizin wie künstliche Beatmung ab, auch möchte ich keine Organe transplantiert bekommen. Um Organspender sein zu können, müsste ich meine Wünsche grundlegend ändern.
Ich möchte in Ruhe und Würde sterben dürfen. Ich möchte nicht in einem Krankenhaus sterben müssen und letztlich ausgeliefert sein. Die Vorstellung, dass Fremde über meinen Körper oder Körperteile entscheiden und ihn zerteilen, obwohl ich mich noch mitten im Sterbeprozess befinde, ist mir unerträglich. Das möchte ich auch meinen Kindern nicht zumuten.
Auch ist mir der Blick auf die körperliche Ebene zu wenig. Ja, das Leben ist endlich, es um jede Preis zu verlängern, dagegen habe ich mich bewusst entschieden. Ich möchte friedlich nach Hause gehen dürfen, wenn meine Zeit gekommen ist und wünsche mir, dass auch meine Liebesten meine Seele dann liebevoll weiterziehen lassen.
Nicht alles, was technisch und medizinisch machbar ist, ist auch erstrebenswert. Es tut weh Angehörige zu verlieren, vor allem wenn es viel zu früh dafür ist. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn eines meiner Kinder oder Enkel eine Organspende benötigen würden. Ich hoffe und bete, dass ich dann die Kraft hätte, den Abschied zu akzeptieren.
Ja, es ist wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die für sich richtige scheinende Entscheidung zu treffen.
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