Ein Berufsdemonstrant ist er nicht, sagt Ralph Brath, Hausarzt aus Bad Kissingen. In seinem Leben habe er bislang erst an einer Demo teilgenommen, vor Jahren in Nürnberg. Am Sonntag ist er aber dann doch auf die Straße gegangen, in der Hand ein Schild mit einem Herz in der Mitte und den Worten Demokratie und Menschenrechte.
"Die Angst um unsere Demokratie hat mich auf die Straße getrieben", sagt er. Der Rechtsextremismus, die Deportationspläne rechtsextremer Akteure, sei eine Gefahr für das Land. "Ich hätte nie gedacht, dass wir uns darüber noch einmal unterhalten müssen, aber das müssen wir", findet Brath.
Großer Andrang zur Demo
Ein breites Bündnis aus allen Bad Kissinger Parteien, den beiden Kirchen, Gewerkschaften und weitere Vereinen hatte zur Demo "Nie wieder ist jetzt" in Bad Kissingen aufgerufen. Im Vorfeld hatten die Veranstalter mit 500 Teilnehmern gerechnet - diese Zahl wurde bei weitem übertroffen. Nach Angaben der Polizei haben am Sonntag 1500 Menschen friedlich in der Bad Kissinger Innenstadt demonstriert. Und so geriet es zu einem eindrucksvollen, gesellschaftlichen Signal für Demokratie, für Toleranz und Vielfalt und gegen Rechtsextremismus.
Entsprechend groß ist die Freude bei den Initiatoren der Pro-Demokratie und Anti-Rechtsextremismus-Demo "Wir sind überwältigt", sagt Linus Rieß, Kreisvorsitzender der FDP hinterher. Britta Söpper (Grüne Bad Kissingen) meint: "Es hat gezeigt, wie viele schweigende Menschen das bewegt. Es ist eine Mehrheit, die den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken will und die sich nicht auseinander bringen lassen will."
Maren Schmitt, Ortsvorsitzende der SPD Bad Kissingen, stimmt zu: "Es ist ein deutliches Zeichen, dass die Menschen das Bedürfnis haben, ihre Haltung zum Ausdruck zu bringen."
Umgetextete Europahymne
Wie die Polizei berichtet, verlief die Demonstration friedlich, es kam zu keinen Störungen oder Zwischenfällen. Die Menge traf sich um 14.30 Uhr am Theaterplatz. Von dort aus setzte sie sich durch die Innenstadt zum Neuen Rathaus in Bewegung. Der Andrang war so groß, dass nicht alle Menschen auf dem Rathausplatz unterkamen.
In der Kirch-, Mühl- und Spitalgasse sowie rund um die Jakobuskirche standen Menschen mit Transparenten, Bannern, Fahnen oder einfach auch mit bunten Regenschirmen. Die Stimmung war positiv, einträchtig und gemeinschaftlich. Mitglieder eines Bad Kissinger Chors hatten die Europahymne umgetextet und stimmten immer wieder an, zu singen:
"Lasst uns ein Europa wagen ohne Angst und ohne Hass,
lasst uns demokratisch sagen: Nazis hab’n hier keinen Platz.
Menschenfreunde sind uns lieber, Vielfalt reichen wir die Hand.
Und wir rufen: Niemals wieder rechter Wahn in unsrem Land!"
OB ruft zu mehr Engagement auf
Am Rathausplatz gab es eine große Kundgebung. Die Redebeiträge übernahmen Oberbürgermeister Dirk Vogel (SPD) und die evangelische Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk. Vogel wirkte sehr emotional und kämpferisch. "Die Menschen machen sich Sorgen um ein funktionierendes Miteinander und ein friedliches Zusammenleben. Sie sorgen sich um den Fortbestand der Demokratie", sagte er.
Er betonte, dass die Bad Kissinger Geschichte als Weltbad und der damit verbundene Wohlstand mit einer Weltoffenheit und internationalen Gästeschaft zusammenhängt. Vor 100 Jahren waren zudem rund ein Drittel der Gäste in der Stadt jüdischen Glaubens. Vogel erinnerte an die Schrecken der Bad Kissinger Nazi-Vergangenheit, an die brennende Synagoge, an deportierte und ermordete jüdische Mitbürger.
"Diesen fanatischen Irrsinn mache ich nicht mehr mit", rief er. Vogel sprach gesellschaftliche Probleme an, die die Politik lösen müsse, um dem Rechtsextremismus den Nährboden zu entziehen. Zudem forderte er die Anwesenden auf, sich aktiv für die Gesellschaft einzusetzen, etwa in Parteien, um Probleme zu lösen und etwas für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu bewirken.
Barraud-Volk: "So wollen wir nicht leben."
"Die Schoa begann nicht mit Worten, sondern mit Schweigen und Wegschauen. Deshalb ist die Demo so wichtig", sagte Barraud-Volk. Diktaturen weltweit zeigen, wohin Unmenschlichkeit und Rassismus führen: Zu Vernichtung und Verwüstung.
"So wollen wir nicht leben. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken müssen, dass Menschen andere vertreiben wollen, nur weil ihnen der Name oder das Aussehen oder etwas anderes nicht gefällt", sagte sie. Sie appellierte daran, sich menschlich zu verhalten.
Hier finden Sie eine Bilderserie zur Demo:
Lesen Sie mehr zu den Demos:





































































