0
Europa-Medaille
Deutsch-tschechischer Dialog: Steffen Hörtlers Einsatz
Steffen Hörtler mit der Europa-Medaille
Steffen Hörtler mit der Europa-Medaille // Benedikt Borst
Bad Kissingen – Ausgezeichnet mit der Europa-Medaille: Steffen Hörtler setzt sich seit Jahrzehnten für den deutsch-tschechischen Dialog ein. Warum er dieses Engagement als seine berufliche Lebensaufgabe sieht.

Es war eine Auseinandersetzung mit seinem Geschichtslehrer in der 8. Klasse des Gymnasiums, die Steffen Hörtlers politischen und beruflichen Weg vorgeprägt hat – einen Weg, für den er nun vom Freistaat Bayern mit der Europa-Medaille ausgezeichnet worden ist.

Die Medaille verleiht der Freistaat für besondere Verdienste um den Freistaat Bayern in Europa und der Welt. Im Falle Hörtlers ist es eine Anerkennung für den jahrzehntelangen Einsatz um die deutsch-tschechischen Beziehungen.

Aufgewachsen in der DDR

Hörtler ist vielen Bad Kissingern als Leiter der Jugendbildungs- und Begegnungsstätte Heiligenhof, als Vorsitzender der Kissinger CSU sowie als Fraktionssprecher der CSU im Kissinger Stadtrat bekannt.

Aufgewachsen ist er in der DDR. Seine Familie lebte ursprünglich in Nordböhmen (heute Tschechische Republik). Sie wurde 1946 nach Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit großen Teilen der dort lebenden deutschsprachigen Bevölkerung gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben.

Nicht zum Abitur zugelassen

„Unser Lehrer erzählte, was im Nationalsozialismus an Verbrechen passiert ist“, erinnert er sich. Als Hörtler im Unterricht von der Vertreibung der eigenen Familie berichtete und anmerkte, dass auch andere Länder Schuld auf sich geladen hatten, war Ärger vorprogrammiert.

Dass ein sozialistischer Bruderstaat Unrecht begangen hatte, habe nicht zur DDR-Ideologie gepasst. „In der Folge durfte ich in der DDR mein Abitur nicht machen“, sagt Hörtler.

Die Vertreibung der Sudetendeutschen

Nach der Wende schaffte er sein Abitur, anschließend studierte er in Hessen politische Bildung. Wiederholt machte er die Erfahrung, dass dieser Teil der europäischen Geschichte – die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung aus der damaligen Tschechoslowakei – weder hierzulande noch bei den östlichen Nachbarn aufgearbeitet war.

„Ich habe naiv angenommen, dass man sich im Westen mit der Geschichte auseinandergesetzt hatte. Ich habe mich für die eigene Familiengeschichte interessiert und festgestellt, dass man sich mit der Vertriebenengeschichte wenig beschäftigt hatte“, so Hörtler.

Seine berufliche Lebensaufgabe

Das zu ändern, hat er sich zur beruflichen Lebensaufgabe gemacht. „Ich bin der tiefsten Überzeugung, dass Menschen miteinander reden müssen. Wir müssen die Vergangenheit aufarbeiten, wenn wir unsere Zukunft gestalten wollen“, betont der 51-Jährige.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs war das deutsch-tschechische Verhältnis lang zerklüftet und festgefahren. Die Blockbildung zwischen demokratischem Westen und kommunistischem Osten, der Kalte Krieg, die Beneš-Dekrete auf tschechischer Seite und Eigentumsansprüche der Vertriebenen haben die Kommunikation auf Jahrzehnte auch nach dem Mauerfall belastet.

„Man ist nicht aufeinander zugegangen. Als ich aktiv geworden bin, vor 26 Jahren, habe ich gemerkt, wie kompliziert die Beziehungen sind“, erzählt Hörtler.

Stiftungsdirektor des Heiligenhofs in Bad Kissingen

Nach dem Studium kam er zur Stiftung Sudetendeutsches Sozial- und Bildungswerk. Er leitete zunächst einige Jahre die Bildungsstätte und Jugendherberge Burg Hohenberg am Eger, seit mehr als 21 Jahren ist er Geschäftsführer und inzwischen auch Stiftungsdirektor des Heiligenhofs in Bad Kissingen.

„Das ist eine völlig eigenständige Einrichtung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Beziehungen zwischen Deutschland und Tschechien zu verbessern.“ Zudem ist er Vizepräsident des Bunds der Vertriebenen und Vorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Bayern und setzt sich auch in diesen Ehrenämtern für den Austausch zwischen beiden Ländern ein.

Sorge um extreme Strömungen

Die diplomatischen Beziehungen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren spürbar gebessert. Genauso bemerkt Hörtler ein großes Interesse auf deutscher Seite an der Sudetendeutschen Geschichte, wie es auch etliche Tschechen gibt, die sich hier auf familiäre Spurensuche begeben.

Mit Sorge beobachtet er jedoch die wachsenden extrem rechten und extrem linken Strömungen in Tschechien, Polen, der Slovakei und weiteren östlichen Ländern, genauso wie in Deutschland. „Wir dürfen ja nicht denken, dass nur weil das Verhältnis jetzt gut ist, dies auch so bleibt. Das ist nicht Gott geben, daran müssen wir arbeiten“, betont er.    

Ein besonderer Gedenktag 2025

 2025 steht mit dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges ein besonderes Gedenkjahr an. Die Veranstaltungen im Heiligenhof seien schon jetzt gut nachgefragt, berichtet Hörtler. Besonders wichtig ist ihm ein Friedensmarsch mit jungen Deutschen – unter anderem Schülern des Jack-Steinberger-Gymnasiums – von der österreichischen Grenze nach Brünn.

Der Marsch soll den rund 5000 Opfern des „Brünner Todesmarsches“ von 1945 gedenken, die bei der kollektiven Vertreibung aus Brünn (Brno) ihr Leben verloren. Es haben sich Regierungsvertreter sowohl von bayerischer, als auch tschechischer Seite angekündigt.

„Es ist eine Hausnummer der Verständigung, dass so etwas heute möglich ist“, freut sich der Vertriebenensohn. Der Marsch ist am 31. Mai.

Inhalt teilen
  • kopiert!