Wenn Cedrik Lotspeich nicht mit anderen Kindern spielen darf oder eine schlechte Note hat, bockt er herum. Spricht der Lehrer ihn daraufhin an, er solle wieder mitarbeiten, rastet der 12-Jährige aus: Er beleidigt den Lehrer mit „Arschloch“, zerbricht Stifte und schmeißt den Tisch um. Dann rennt der Junge aus dem Klassenzimmer, versteckt sich im Schulhaus oder geht nach Hause.
Sieben Jahre später macht Lotspeich eine Ausbildung bei der Agentur für Arbeit. Er hält Vorträge an der Volkshochschule und lädt politische Videos in den sozialen Medien hoch. Wie hat das der heute 19-Jährige geschafft?
„Ich war ein Problemkind“, sagt der junge Mann. Die Grundschule muss er zweimal wechseln. Auch an der Mittelschule in Bad Königshofen steht er kurz vor einem Rauswurf. „Ich galt offiziell als nicht mehr regelbeschulbar“, berichtet er. Der Junge soll in ein Internat für schwer erziehbare Kinder in Thüringen. „Für mich als Zwölfjährigen wäre das eine Katastrophe gewesen!“
Keine Bestrafung
Plötzlich tut sich eine Chance auf. Ein externer Lehrer, Frank Hauswald, kann sich im Rahmen des Mut-Projekts (Mobiles Unterstützungsteam) um den Sechstklässler kümmern. „Am Anfang war es schwierig, Herrn Hauswald als Bezugsperson anzuerkennen“, sagt er. Der Junge spricht nicht mit ihm. Einmal wirft er seinen Schulranzen auf den Boden und rennt davon, als der Pädagoge mit ihm Mathe lernen will.
„Sein pädagogisches Konzept beruhte darauf, nicht zu bestrafen“, erklärt Lotspeich. Der Lehrer erklärt ihm immer wieder, warum er etwas tut. Er rät dem Schüler auch, wie er mit seiner Wut besser klarkommen kann.
Eine wichtige Bezugsperson
Frank Hauswald nimmt für den 12-Jährigen eine Vaterrolle ein, die ihm so fehlt. Er baut etwa eine Steinschleuder mit ihm. Hauswald überzeugt ihn aber auch, eine Psychotherapie anzufangen. Gleichzeitig ist er ein guter Lehrer. Als seine Mitschüler etwas über den Biber lernen, schaut sich Hauswald mit seinem Schützling einen echten Biberdamm an. „Es ist ein besonderer Unterricht für Kinder, die Probleme in den normalen Schulstunden haben.“ Den Grund für sein Verhalten sieht Cedrik Lotspeich rückblickend in seiner Kindheit.
In der siebten Klasse ist der Junge nur noch vereinzelt bei Frank Hauswald. Aber auch in späteren Schuljahren bleiben die beiden in Kontakt. Der Teenager schafft den qualifizierenden Mittelschulabschluss, später die Mittlere Reife.
Ein Neuanfang in Bad Kissingen
Als Cedrik Lotspeich 17 Jahre alt ist, zieht er von zu Hause aus. „Ich habe meine Koffer gepackt und bin gegangen“, sagt er. Die ersten drei Nächte schläft er in einem Treppenhaus, dann ruft er Frank Hauswald an.
Der Lehrer lässt ihn in einer Dachgeschosswohnung übernachten – für drei Monate. Im Mai 2025 sucht er sich eine Wohnung in Bad Kissingen. Er bricht die Fachoberschule (Fos) ab, lebt zwei Monate von Bürgergeld und arbeitet dann für die Agentur für Arbeit als Art Werkstudent. Dort beginnt er später eine Ausbildung zur Fachkraft für Arbeitsdienstleistungen.
Frank Hauswald hat ihn nicht nur beruflich auf den richtigen Weg gebracht. Hauswald erzieht den Jungen zu einem Demokraten, indem er zum Beispiel mit ihm an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze fährt.
Auf Social Media unterwegs
Seit vergangenem Juli bringt der junge Mann die „Kissinger Nachrichten“ auf TikTok heraus, um jungen Leuten das Geschehen in der Kurstadt näherzubringen. Er porträtierte etwa die Betreiber einer Eisdiele und eines Dönerimbisses. Auf diese Weise wollte er in Bad Kissingen Freunde finden. Mit Erfolg.
Lotspeich stellte kürzlich Politikern aller Parteien, die im Kissinger Stadtrat vertreten sind, drei Fragen seiner Community. Zum Beispiel über Freizeitmöglichkeiten für Jugendliche. Die Videos sind nicht nur auf TikTok, sondern auch auf Facebook und Instagram zu finden. „Ich habe schon Zuschriften erhalten, dass sich Jugendliche meinetwegen grundsätzlich über Politik informieren.“
Ehrenamtlich engagiert
Der junge Mann engagiert sich auch in der Volkshochschule in Bad Königshofen. „Als Kind habe ich hier meine Ferien verbracht“, sagt er. Lotspeich hält Vorträge über Demokratie, hilft Schülern bei den Hausaufgaben und macht Ferienprogramme für Kinder. Nur um ein paar Beispiele zu nennen.
Ende März wird Lotspeich über seine persönliche Geschichte und das Projekt, das sein Leben auf dem Weg brachte, auf einer internen Veranstaltung des Schulamtes sprechen. Aber nicht alleine, sondern mit seinem ehemaligen Lehrer Frank Hauswald.
Weitere Infos gibt es auf dem TikTok-Kanal von Cedric Lotspeich.













