Das Thema Sucht ist nicht nur für die Abhängigen ein Problem – auch Angehörige leiden darunter. Zwar wurden sie bereits in den 1980er Jahren schrittweise stärker in die Suchtberatung eingebunden. Doch erst im neuen Jahrtausend erkannte die Suchthilfe sie als eigenständige Personen mit Anspruch auf Hilfe und Beratung an.
Eines dieser Beratungsangebote ist die am 25. Februar 2026 wiederbeginnende Angehörigengruppe „Co-Abhängigkeit verstehen, Lernen & Austausch“ (Co-ALA) in Bad Kissingen – organisiert vom Caritasverband für den Landkreis Bad Kissingen. Die Gruppe wird von Sozialarbeiter Lukas Pfeuffer (33) geleitet. Dieses Angebot richtet sich an Partner, Familienangehörige, Freunde oder nahestehende Personen von Menschen mit Suchtproblemen.
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Co-Abhängigkeit erkennen
Bei Angehörigen von suchterkrankten Menschen kann es zu einer Co-Abhängigkeit kommen. Dabei handelt es sich um ein Problem- und Lebensbewältigungsmuster, das aus der Beziehung zu Suchterkrankten entsteht. Das schließt Verhaltensweisen wie übermäßige Fürsorge, Verantwortungsübernahme oder Kontrolle ein.
In der Konsequenz können solche Muster sogar zu einer Stabilisierung des Suchtverhaltens führen, während der eigene Handlungsspielraum zunehmend eingeschränkt wird. Gerade in Beziehungen bedeutet dies: „Meine Gedanken, mein Handeln, meine Planung werden immer mehr abhängig von der anderen Person“, sagt Lukas Pfeuffer.
Die Begleiterscheinungen können ähnlich wie bei einer Substanzabhängigkeit etwa das Unterdrücken von Gefühlen oder die Verstärkung von Abwehrmechanismen sein.
„Der Begriff der Co-Abhängigkeit ist umstritten und nicht einheitlich definiert“, sagt Lukas Pfeuffer. Er verweist darauf, dass Kritiker darin eine Stigmatisierung der Angehörigen sehen. Lange Zeit wurde mit dem Begriff eine Mitverantwortlichkeit verbunden – das sei heute allerdings nicht mehr so. Im Fokus steht nun die Ansicht, dass Angehörige selbst Unterstützung brauchen und vor allem keine Verantwortung für das Suchtverhalten der anderen Person haben.
Co-ALA als Anlaufstelle
Die von Lukas Pfeuffer geleitete Angehörigengruppe trifft sich einmal im Monat für 90 Minuten. Gegründet wurde sie Anfang 2024 – als Herzensprojekt. Im vergangenen Jahr hat der 33-Jährige die Gruppe übernommen. Auch ihm ist das Projekt sehr wichtig, denn: „Sucht wird immer noch ganz oft als Erkrankung einer Einzelperson begriffen. Man sieht nur diesen Menschen und beachtet das Umfeld gar nicht. In weiten Teilen der Suchthilfe hat man es sträflich vernachlässigt, Angehörige einzubeziehen”, sagt er. Das liege auch daran, dass lange nicht verstanden wurde, wie Angehörige leiden.
In der Gruppe setzt der Sozialarbeiter vor allem auf Offenheit und Verständnis. „Es gibt keine Form, in die die Menschen reinpassen müssen. Jeder formt die Gruppe mit“, sagt Lukas Pfeuffer.
Zu Beginn jeder Sitzung gibt es eine Anfangsrunde, in der die Teilnehmenden über den aktuellen Stand berichten. Ein anderer Aspekt in der Gruppe ist der gegenseitige Input und das Schaffen von Verständnis für die jeweilige Situation.
Die Themen innerhalb der Gruppe variieren zwar, dennoch beobachtet der Sozialarbeiter das wiederholte Aufkommen bestimmter Punkte. Diese drehen sich insbesondere darum, was die eigene Rolle oder Verantwortung ist. Auch das Gefühl von Handlungsunfähigkeit kommt immer wieder auf.
Bisher haben an den Gruppen meist sechs bis acht Menschen teilgenommen – hauptsächlich Frauen.
Fehlende Anerkennung
Lukas Pfeuffer findet, dass die Anerkennung von Angehörigen noch lange nicht da ist, wo sie sein sollte. Gerade mit Blick auf gesellschaftliche Dynamiken und Prävention sei dies aber nicht zu vernachlässigen.
Wachsen Kinder in einem von Sucht geprägten Umfeld auf, bedeutet das für sie oft extremen emotionalen Stress. Immer wieder müssen sie bereits in jungen Jahren Verantwortung für jüngere Geschwister oder sogar die suchterkrankten Eltern übernehmen. Das kann langfristige Folgen haben und diese Kinder später selbst in die Sucht führen. In einer alkoholkranken Familie aufwachsende Frauen haben zudem eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, erneut eine Partnerschaft mit einer alkoholkranken Person einzugehen.
Raus aus der Co-Abhängigkeit
Der 33-jährige Gruppenleiter verfolgt bei Co-ALA das Konzept R.A.U.S. – „Realistisch. Aufhören zu helfen. Überwinden von Angst und Schuld. Selbstschutz“:
- Realistisch sein: Das beinhaltet unter anderem, anzuerkennen, dass hier eine Krankheit vorliegt, die womöglich nicht von allein besser wird. vor allem aber, dass die Situation nicht ihre Schuld ist.
- Aufhören zu helfen: Das kann beispielsweise bedeuten, sich nicht länger selbst zu verbiegen, um die Situation doch noch ändern zu können, oder die Verantwortung an den Suchterkrankten zurückzugeben.
- Überwinden von Angst und Schuld: Gedanken und Sätze wie „Hätte ich doch damals …“ sorgen dafür, dass man in seiner alten Rolle verhaftet bleibt. Letztlich wird damit die Suchtdynamik aufrechterhalten.
- Selbstschutz: Dabei kann es sich mitunter um das Schaffen von Ausgleich, wie Sport, und Schutzräumen handeln. Dazu zählt auch, selbst zu bestimmen, was man tun oder auch nicht tun möchte.
Lukas Pfeuffer meint: „Eines der mächtigsten Werkzeuge für Betroffene ist, zu sich selbst zu sagen: Stopp!” Damit verbunden muss die Frage sein, ob einem das selbst noch guttut – und zwar überall da, wo sich Angehörige in der Handlungspflicht sehen. Er betont dabei aber, dass dies einfacher gesagt als getan sei.
Gerade mit Blick auf das Verantwortungsbewusstsein hört der 33-Jährige immer wieder Sätze wie: „Aber dann bin ich doch eine schlechte Tochter oder Frau, wenn ich nicht helfe.“ Hier müsse man erst mal das Gefühl akzeptieren, dann aber überlegen: Ist das wirklich so? Angehörige stehen in keiner Lebensschuld, findet der Sozialarbeiter – auch Dankbarkeit brauche ihre Grenzen. „Im Zusammenleben mit suchtkranken Menschen entsteht eine starke Normalisierung, eigene Bedürfnisse und Grenzen zu übergehen, und es ist wichtig zu verstehen: So normal ist das gar nicht“, sagt Lukas Pfeuffer.
Anmeldung und Zeiten
Die Angehörigengruppe beginnt am Mittwoch, 25. Februar 2026, und findet einmal monatlich mittwochs von 17 bis 18.30 Uhr statt.
Treffpunkt ist der Gruppenraum eins im Caritasgebäude, Hartmannstr. 2a, 97688 Bad Kissingen.
Eine vorherige Anmeldung ist erwünscht, aber nicht zwingend notwendig:
Telefon: 0971/72469200
E-Mail: suchtberatung@caritas-kissingen.de
Online-Beratung: caritas.de/suchtberatung
Weiterführende Informations- und Hilfsangebote
Online können sich Betroffene und Interessierte auch auf co-abhaengig.de, der Website des Psychotherapeuten Jens Flassbeck, informieren. Er ist einer der führenden Experten für das Thema Co-Abhängigkeit in Deutschland.
Die NACOA (National Association for Children of Alcoholics) ist eine Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien. Auf nacoa.de können sich Betroffene informieren oder beraten lassen.















