Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk erhielt die Staatliche Berufsschule Bad Kissingen durch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus mit der Überreichung der Urkunde „Schulprofil Inklusion“. Damit wurde ein Prozess abgeschlossen, der vor vielen Jahren mit einem vermehrten Förderbedarf bei den beruflichen Nachwuchskräften begann und vor zwei Jahren in einem konkreten Konzept zur Implementierung von Diagnostik und Unterstützungsangeboten in den Schulalltag mündete. Mittlerweile, so Schulleiterin Karin Maywald, könne man auf ein Netzwerk unterschiedlicher Partner zugreifen, „die individuelle Hilfs- und Unterstützungsgebote anbieten, damit die jungen Menschen ihr Ausbildungsziel erreichen“.
554 Schulen erhielten Urkunde bislang
Rund 4500 allgemeinbildende und 1640 berufsbildende Schulen gibt es in Bayern; davon erhielten bislang 544 Schulen die Bestätigung mit dem „Schulprofil Inklusion“, dass sie gezielt inklusive Bildungs- und Förderangebote anbieten. Die Staatliche Berufsschule Bad Kissingen war eine von 43 Schulen, die vor kurzem die Auszeichnung aus den Händen von Kultusministerin Anna Stolz entgegennehmen konnten und damit den Nachweis erbrachten, „dass die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischen Förderbedarfen berücksichtigt werden und gemeinsame Teilhabe an Unterricht und Schulleben möglich ist“ – so die offizielle Pressemitteilung des Ministeriums.
Was hier so selbstverständlich klingt, ist das Ergebnis einer Entwicklung, die auch an der Berufsschule in den letzten Jahren registriert wurde: „Wir haben erhöhten Beratungs- und Unterstützungsbedarf“, so Christian Ziegler, der als Beratungslehrkraft für das gesamte Förderkonzept der Berufsschule steht, das in Hilda Wischnewski, die für die Jugendsozialarbeit zuständig ist, und Schulpsychologin Carmen Bünte weitere Säulen hat.
Höherer Förderbedarf seit Corona-Pandemie
Der Förderbedarf sei nach der Corona-Pandemie gestiegen, so die Erfahrung der Lehrkräfte – aber auch Studien ergeben mittlerweile einen Förderbedarf, der bei rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler liege und „dies mit steigender Tendenz“. Dabei umfasse die Schulberatung nicht nur das Reagieren auf den Förderbedarf, sondern mit der Diagnostik von Lernschwächen könne eine Einschätzung über das Leistungsniveau der Schülerinnen und Schüler erfolgen, worauf man mit einem Nachteilsausgleich oder einem Notenschutz reagieren könne.
Breites Spektrum an Beeinträchtigungen
Dabei gibt es ein breites Spektrum an Beeinträchtigungen, so OStDin Maywald, und nennt das Lernen ebenso wie das Verhalten oder die psychischen Probleme mit Depression und Angststörung. Gerade in Berufsschulen komme zu den persönlichen Faktoren des Einzelnen noch hinzu, dass man sich in neuer Umgebung zurechtfinden müsse, dass man neue Herausforderungen bewältigen müsse. Von daher konzentriere man sich auf die Einstiegsklassen, denen man „niedrigschwellige Angebote“ unterbreiten möchte.
So gibt es mittlerweile Aufkleber in den Räumen der Berufsschule, die mit Hilfe eines QR-Codes auf diese Hilfsangebote verweisen, auf der Homepage der Berufsschule stehen Informationen, in der „Begrüßungsmappe“, die jeder neue Auszubildende erhält, wird auf die Förderangebote hingewiesen, und selbst im Anmeldebogen zur Berufsschule kann ein Inklusionsbedarf vermerkt werden. „Wir möchten frühzeitig reagieren können, damit die jungen Menschen ihre Abschlussprüfung schaffen“, so die Schulleiterin.
Die Initialzündung für die Bewerbung als „Profilschule Inklusion“ erfolgte auf einer Fortbildung in der Schreinerabteilung, so erzählt OStRin Annett Gräf als Sprecherin vom Arbeitskreis „Inklusion“, der federführend die Umsetzung der ministeriellen Vorgaben in der sogenannten „Implementierungsphase“ gestaltet hat. Ausgangspunkt war ein inklusives Konzept, das mit einem sonderpädagogischen Tandempartner erstellt werden musste.
Mobiler Dienst
Diesen fand man in der Adolph-Kolping-Berufsschule Schweinfurt und mittlerweile sind Matthias Ebert, Jana Pfeuffer und Manuel Schäfer als „Mobiler sonderpädagogischer Dienst“ (MSD) an der Berufsschule als fester Baustein integriert. Darüber hinaus wurde das Thema „Inklusion“ als Schwerpunkt in das Schulentwicklungsprogramm aufgenommen, es wurden konkrete Projekte angestoßen und umgesetzt, überregionale Fortbildungsangebote und Lehrerschulungen wahrgenommen sowie ein Netzwerk mit den Mittelschulen des Landkreises geknüpft – alles zusammen führte zu einem positiven Fazit und damit zur Anerkennung als „Profilschule Inklusion“.
Eine wichtige Säule des inklusiven Konzepts ist dabei ein zusätzliches Stundenkontingent, das gerade den Auszubildenden mit Förderbedarf zugutekommt. So gibt es Budgetstunden für die sonderpädagogische Arbeit in ausgewählten Klassen, die bereits in der Stundenplanung berücksichtigt werden, außerdem gibt es Anrechnungsstunden für Lehrkräfte, die sich um die inklusive Schulentwicklung kümmern, und ein freies Stundenkontingent für den MSD, das für akute Fälle oder Problemlagen vorgesehen ist.
In Leistungsgruppen oder Einzelgesprächen
Das Feedback aus den Abteilungen, aber auch den Klassen, sei positiv, so Annett Gräf. Der Unterricht werde nicht nur sonderpädagogisch begleitet, sondern auch fachlich gestützt. Bei Bedarf kann der Unterricht in differenzierte Leistungsgruppen geteilt oder durch Einzelgespräche ergänzt werden, sodass individuelle Hilfe möglich sei.
Für alle Beteiligten sei der Implementierungsprozess anstrengend, aber gewinnbringend gewesen, so das gemeinsame Fazit: „Was vorher schon gemacht wurde, erfolgt jetzt bewusster und strukturierter.“
Damit Inklusion an der Staatlichen Berufsschule Bad Kissingen nicht nur ein Strohfeuer ist, bleibe der Arbeitskreis vorerst bestehen, und über das Schulentwicklungsprogramm möchte man die inklusiven Ansätze im Schulalltag verfestigen.














