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Kontakt mit der Natur
Was macht den Waldkindergarten Fliegenpilz aus?
Stolz auf ihren Waldkindergarten Fliegenpilz sind Gründungsmitglied Evi Füller (von links), die neue Leiterin Annika Seubert, ihre langjährige Amtsvorgängerin Vera Wilm und Vereinsvorstand Clemens Schmitt
Stolz auf ihren Waldkindergarten Fliegenpilz sind Gründungsmitglied Evi Füller (von links), die neue Leiterin Annika Seubert, ihre langjährige Amtsvorgängerin Vera Wilm und Vereinsvorstand Clemens Schmitt // Sigismund von Dobschütz
Bad Kissingen – Vor 25 Jahren gründete eine Bad Kissinger Elterngruppe den gemeinnützigen Verein „Waldkindergarten Fliegenpilz e.V.“. Die Idee zur Gründung und warum die Anfangszeit schwierig war.

Zwei Jahre nach Gründung des Vereins nahm ihr privater Kindergarten am Sinnberg mit nur fünf Kindern und zwei pädagogischen Fachkräften den Betrieb auf.

Die Idee dahinter war, Kinder möglichst frühzeitig und ganzjährig bei Wind und Wetter an die Natur heranzuführen. Heute betreuen vier Fachkräfte maximal 25 Kinder zwischen zweieinhalb und sechs Jahren. Über Idee und Konzept, die schwierige Anfangszeit und die heutige Situation sprach unser Reporter mit Gründungsmitglied Evi Füller, der langjährigen Leiterin Vera Wilm, der seit 1. September neuen Leiterin Annika Seubert und Vereinsvorstand Clemens Schmitt.

Die Idee zur Gründung 

Die Idee zur Gründung eines Waldkindergartens in Bad Kissingen war ein Ergebnis der lokalen Agenda 21. In einem der Arbeitskreise beteiligten sich Evi Füller und ihr Ehemann, der Diplom-Forstwirt Andreas Füller. Damals suchte das junge Elternpaar einen passenden Kindergarten für die Tochter.

„Der Waldkindergarten in Lohr am Main hat uns auf Anhieb gefallen. Doch in Bad Kissingen gab es keinen.“ Um aus der Idee Realität werden zu lassen, luden die Arbeitskreis-Eltern am 9. Dezember 1998 die Öffentlichkeit zu einem Spielnachmittag in den Wildpark Klaushof ein, um andere Eltern für ihre Idee zur Gründung eines Waldkindergartens zu gewinnen.

Nach weiteren Spielnachmittagen konnte am 22. Februar 2000 der Verein „Waldkindergarten Fliegenpilz – Bad Kissingen e.V.“ gegründet werden. Nach zunächst zögerlichem Start an einem Nachmittag pro Woche auf dem Gelände des ehemaligen Kinderkurheims St. Josef am Stationsberg nahm der Waldkindergarten als privat betriebene Einrichtung endlich am 1. Februar 2002 mit anfangs nur fünf Kindern seinen offiziellen Betrieb am Sinnberg auf.

Schwierige Anfangsjahre

„Damals fehlte uns noch die staatliche Anerkennung“, erinnert sich Erzieherin Vera Wilm, die im Februar 2003 Leitung übernahm, an die schwierigen Anfangsjahre. „Wir bekamen deshalb keine Fördergelder.“ Es fehlte der nach den Richtlinien des Kindergartengesetzes vorgeschriebene „kindergerechte“ Aufenthaltsraum.

Noch heute bewundert Wilm das Engagement damaliger Eltern, die selbst initiativ werden mussten, Sponsoren beschafften oder auf Informationsabenden und Flohmärkten nicht nur Mitglieder warben, sondern vor allem Spenden sammelten. Schon bald waren es zwölf Kinder, die im Waldkindergarten betreut wurden.

Erst im Jahr 2006 wurde der gesetzliche Vorbehalt aufgehoben, sodass auch „Fliegenpilz“ staatlich anerkannt und endlich wie jeder andere Regelkindergarten Fördergelder beanspruchen durfte. Wilm: „Dies gab uns die nötige Planungssicherheit für den Trägerverein sowie die Mitarbeiter und sicherte das weitere Bestehen.“

Fördern von Kreativität und Fantasie

„Eine zunehmend technisierte Umwelt und das Überangebot an Medien und Unterhaltung bieten unseren Kindern immer weniger ganzheitliches Erleben, Begreifen und Lernen aller Sinne und der Seele“, ist auf der Fliegenpilz-Website zu lesen. Um möglichen seelischen und körperlichen Störungen der Kinder entgegenzuwirken, fördert der Waldkindergarten deshalb mit nur wenigen Hilfsmitteln bei seinen Zöglingen kreative Prozesse und Fantasie.

Im Waldkindergarten dürfen Kinder die Natur mit allen Sinnen genießen
Im Waldkindergarten dürfen Kinder die Natur mit allen Sinnen genießen // Evi Füller

Im täglich sechsstündigen Kontakt mit der Natur „üben Kinder Umsichtigkeit und Rücksicht. Die Kinder entwickeln Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und lernen auch ihre persönlichen Grenzen kennen.“ Und weiter heißt es: „Die Ergebnisse neurophysiologischer und entwicklungspsychologischer Untersuchungen unterstreichen die Bedeutung körperlicher Bewegung und feinmotorischer Entwicklung für die Entfaltung geistiger und letztlich seelischer Anlagen.“

Positive Rückmeldungen

Dies bestätigen Aussagen heutiger Erwachsener, die ihre Vorschuljahre im Waldkindergarten erlebten. „Noch heute habe ich den Wunsch, auf Bäume zu klettern“, erfuhr Vera Wilm von manchen Ehemaligen kürzlich beim Wiedersehen auf der Jubiläumsfeier.

Klettern und Balancieren fördert die Grob- und Feinmotorik der Kinder
Klettern und Balancieren fördert die Grob- und Feinmotorik der Kinder // Annika Seubert

Sie weiß aus ihrer 22-jährigen Erfahrung: „Unsere Kinder bekommen ein ganz anderes Bewusstsein zur Natur.“ Vorstand Schmitt ergänzt: „Unser Sohn spielt viel achtsamer als andere und mit Fantasie. Er braucht nicht viel zum Spielen.“ Da die „Waldkinder“ außerdem ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben dürfen, sind sie eher bereit, sich auf die Schule einzulassen und sich einzubringen, haben Schmitt und Wilm von schulischen Lehrkräften erfahren.

Im Matsch spielen ist im Waldkindergarten ausdrücklich erlaubt
Im Matsch spielen ist im Waldkindergarten ausdrücklich erlaubt // Annika Seubert

„Unsere Kinder kommen mit einer stärkeren Sozialkompetenz in die Schule.“ Möglichen Vorbehalten junger Eltern gegenüber dem sechsstündigen Aufenthalt ihres Kindes im Freien bei jeder Wetterlage entgegnet die erfahrene Erzieherin: „Man muss Vertrauen in sein Kind haben und ihm freien Lauf lassen. Die Welt der Kinder ist eine ganz andere als die Welt der Erwachsenen.“

Annika Seubert übernimmt Leitung

Am 1. September übernahm Sonderpädagogin Annika Seubert (32) nach mehrmonatiger Einarbeitung die Leitung des Waldkindergartens am Sinnberg. Konzeptionelle Änderungen hat sie nicht geplant: „Alles läuft gut, wie es ist“, ist sie sich mit Vorstand Schmitt einig: „Diese Art der Pädagogik hat sich bewährt.“

Gründungsmitglied Evi Füller fasst das pädagogische Konzept der von ihr vor 25 Jahren mitgegründeten Einrichtung in einem schlichten Satz zusammen: „Wir machen es im Waldkindergarten heute noch so, wie es früher bei Kindern ganz normal war.“

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