Geblättert wird in dem Buch nur mit weißen Handschuhen. Zu wertvoll ist jede Seite, jede einzelne Landkarte – persönlich gestochen von Gerhard Mercator, einem Urvater der Kartografie. Dass eines seiner ersten Sammelwerke aus dem späten 16. Jahrhundert nun seinen Platz in der Würzburger Universitätsbibliothek findet, ist spektakulär – und nur der persönlichen Verbindung zwischen dem Stifter und der Universität zu verdanken.
Peter Deeg hatte an diesem Abend seine ganze Familie in den Lesesaal mitgebracht: seine Frau, vier erwachsene Kinder, fünf seiner sechs Enkelkinder. Sie alle sollten ein wenig vom Geist dieses historischen Kulturguts spüren und verstehen, warum er, der 83-jährige Mediziner und Ärztliche Direktor der Deegenbergklinik in Bad Kissingen, das wertvolle Werk aus dem Familienbestand der Unibibliothek schenkt.
Weltweit sei nur ein halbes Dutzend dieser Original-Kartensammlung von Gerhard Mercator nachgewiesen, sagt Bibliotheksleiter Hans-Günter Schmidt. Es sind 51 prachtvolle Landkarten, gebunden zu einem Band, einem „Atlas“: Mercator hatte als Erster diesen Begriff dafür verwendet und gilt als Namensgeber der Gattung. Vor Jahren wurde eine dieser seltenen Ausgaben in einem Auktionshaus für knapp 40.000 Euro versteigert. Der Wert des nun übergebenen, zeitgenössisch kolorierten Atlas dürfte Schmidt zufolge noch darüber liegen.
Deegs prägende Beziehung zur Uni Würzburg
Die Karten dokumentieren den mitteleuropäischen Raum, auch das „Franckenlandt“ ist darunter. „Da ist Ebelsbach!“ Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) freute sich bei der Übergabe, sogar ihren Heimatort im Landkreis Haßberge in dem nahezu 500 Jahre alten Werk zu entdecken.
Bär und Deeg kennen sich schon lange, der Mediziner war mal Zweiter Bürgermeister in Bad Kissingen, ist CSU-Mitglied und führte in seinem Heimatort Reiterswiesen den CSU-Ortsverband. Deeg hat an der Universität Würzburg Medizin studiert, hier promoviert und sich habilitiert und war als Kardiologe an der Uniklinik tätig. 1992 übernahm er die Leitung der familieneigenen Deegenbergklinik in Bad Kissingen, im Laufe dieses Jahres übergibt er diese an Tochter Dorothea.
Seine Zeit an Uni und Uniklinik in Würzburg habe ihn fürs Leben geprägt, sagt Deeg im Gespräch. Er wolle der Hochschule mit dem historischen Atlas etwas zurückgeben. In den Familienbesitz kam die Kartensammlung 1986: Damals habe seine Mutter den Band aus einer Bibliotheksauflösung von der befreundeten Adelsfamilie von Bibra erworben. Nach dem Tod der Mutter 1992 habe er das Buch restaurieren lassen, so Deeg.
Ab 1595, ein Jahr nach seinem Tod, wurde Mercators Kartenwerk nur noch als Gesamtausgabe veröffentlicht – dann mit weiteren Ländern und Kontinenten, als echter Weltatlas. Als erster Vorläufer muss die Teilausgabe im Kalbsledereinband, wie sie nun in der Würzburger Unibibliothek vorliegt, laut Leiter Schmidt aus dem Jahr 1585 stammen, noch komplett von Mercator selbst angefertigt. Man wolle den Band für die Forschung nutzen und digitalisiert auch der Öffentlichkeit zugänglich machen, so Schmidt. Das Original wird voraussichtlich nur bei eigenen Veranstaltungen und Führungen zu sehen sein.
Peter Deeg hätte es längst zu Geld machen können, Angebote habe es gegeben. Nur habe sich herausgestellt, dass Käufer den Band auflösen und die einzelnen Blätter verhökern wollten. „Da haben wir den Atlas lieber in der Familie belassen. Das ist ein kulturhistorisches Juwel. Es wäre verloren, wenn es auseinandergerissen wird.“
Mercator-Karten wegweisend für Navigation
Der Mercator-Atlas schließt Schmidt zufolge im Bestand genau die Lücke zwischen einer noch früheren Kartensammlung des Gelehrten Abraham Ortelius und einem Atlas aus dem Folgejahrhundert. Das Besondere an den Mercator-Karten seien die mathematische Genauigkeit und die Präzision, erklärte Fachreferent Maximilian Stintzing bei der Präsentation. Einst für Seefahrer gemacht, sei die winkeltreue Mercator-Projektion noch heute die Grundlage für alle Navigation.
Nun soll der Atlas in der Unibibliothek sachgerecht aufbewahrt werden. „Es gibt keinen besseren Ort dafür“, versicherte Leiter Schmidt bei der Übergabe. Schließlich sei die Bibliothek nicht nur Wissenschaftseinrichtung, sondern auch für das unterfränkische Kulturerbe zuständig. Allerdings sei es unmöglich, aus dem normalen Etat „so ein internationales Spitzenstück zu erwerben“. Deshalb sei man der Stifterfamilie für die Schenkung sehr dankbar.
Für die Universitätsbibliothek sind Originale auch deshalb so wertvoll, weil sie bei der Zerstörung Würzburgs am 16. März 1945 rund 80 Prozent ihres Bestandes verloren hat. Der Atlas, so Forschungsministerin Bär, sei ein „Riesengewinn für die Unibibliothek. Er strahlt weit über Unterfranken hinaus.“















