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Deutschlandticket
Billig, easy & bequem von Bad Kissingen nach Oberhof
Noch nie war es so einfach, mit der Bahn nach Thüringen zu fahren, hat unser Reporter Philipp Dippl festgestellt. Etwa zehn Millionen Menschen haben nach Angaben des  Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) inzwischen ein Abo für das neue Deu...
Noch nie war es so einfach, mit der Bahn nach Thüringen zu fahren, hat unser Reporter Philipp Dippl festgestellt. Etwa zehn Millionen Menschen haben nach Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) inzwischen ein Abo für das neue Deutschlandticket abgeschlossen. Es kostet monatlich 49 Euro. // Philipp Dippl
Weiter geht es mit der grün-weißen Erfurter Bahn.
Weiter geht es mit der grün-weißen Erfurter Bahn. // Philipp Dippl
Die Fahrt durch den Thüringer Wald war ein echter Rausgucker.
Die Fahrt durch den Thüringer Wald war ein echter Rausgucker. // Philipp Dippl
Signet des Fränkischen Tags von Philipp Dippl
Bad Kissingen – Unser Mitarbeiter Philipp Dippl hat das neue Nahverkehr-Wunder ausprobiert. Und ist voller Lob – auch fürs Würzfleisch, das er sonst nie gekostet hätte.

„Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!“ - Mit diesen Worten wird Altkanzler Willy Brandt am 10. November 1989, einen Tag nach dem Mauerfall, zitiert. Worte, die zur deutschen Legende wurden. Ein Trabant 601, aus Meiningen kommend, überquerte in jener Nacht um 3.40 Uhr als erstes Auto den Grenzübergang Eußenhausen und fuhr weiter in Richtung Mellrichstadt. Auch nach Bad Kissingen verschlug es in diesen aufregenden ersten Tagen im November 1989 einige Bürger der DDR, die Kurstadt wurde schließlich für viele „von drüben“ ganz plötzlich erstmals zum erreichbaren Tagesziel.

Bislang: Kompliziert und teuer

Viel wurde seitdem getan, damit die beiden Teile wirklich wieder zu einem gemeinsamen Deutschland zusammenwachsen. Und mehr denn je wird heute wieder über unüberwindbare Differenzen zwischen Ossis und Wessis diskutiert. Und selbst mir als gebürtiger Kissinger bleiben unsere Thüringer Nachbarn bisweilen fremd. Zu kompliziert und teuer war bislang selbst ein Tagesausflug mit der Bahn bis nach Meiningen, eine Distanz von kaum mehr als 70 Kilometern.

Undurchschaubare Tarifsysteme

Unterschiedliche, undurchschaubare Tarifsysteme dies- und jenseits der Ländergrenzen und teure Fahrkartenpreise verhinderten bislang echten, grenzübergreifenden Nahverkehr. Da fuhr man lieber mit dem Bayern-Ticket schnell mal zum Shoppen nach Würzburg oder auf ein Kellerbier nach Bamberg. Doch mit dem 1. Mai 2023 könnte sich all dies vielleicht ganz schnell ändern. Das Deutschland-Ticket ist da! Eine für das bürokratische Deutschland revolutionäre Idee: ein Monatsticket, für ganz Deutschland, über sämtliche Länder- und Tarifgrenzen hinweg, überall und immer gültig!

Probe-Ausflug nach Oberhof

Gekauft ist das Ticket schnell, ich als langjähriger Bahnkunde habe den QR-Code in wenigen Klicks auf das Smartphone geladen, gültig ist der sofort. Für meinen ersten Ausflug mit dem Ticket entschied ich mich für eine Fahrt in den berühmten Wintersportort Oberhof. Nicht allzu weit entfernt, wunderschön im Thüringer Wald gelegen und mir trotzdem bislang kaum bekannt.

Weiß-grüner Komfort

Mein Ausflug startete in Arnshausen, der Stadtbus kam wie gewohnt pünktlich um 7.53 Uhr und erreichte bereits zehn Minuten später den Bahnhof. Hier hatte ich nur elf Minuten Wartezeit, bis mein Anschluss planmäßig abfahren sollte. Und große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus: Diesen Anschluss bediente ein kleiner, weiß-grüner Schienenbus der Erfurter Bahn. Die EB betreibt mit dem sogenannten Unterfranken-Shuttle seit 2004 einen Pendelverkehr auf den Strecken Schweinfurt-Bad Kissingen-Hammelburg-Gemünden, sowie Schweinfurt-Bad Neustadt-Mellrichstadt-Meiningen.

Strecke existiert seit 1874

Das Zügle der Erfurter Bahn brachte mich punktgenau von Bad Kissingen nach Ebenhausen. Hier ist nach nur neun Minuten Fahrzeit ein Umstieg erforderlich, da von hier die Verbindungsstrecke von Schweinfurt nach Meiningen über Bad Neustadt und Mellrichstadt abzweigt. Bereits am 15. Dezember 1874 wurde diese Strecke durch die Königlich Bayerische Staats-Eisenbahn in Betrieb genommen. Im Jahre 1884 wurde über ein Verbindungsgleis bei Ritschenhausen eine Fernverbindung nach Erfurt aufgenommen. Und genau auf dieser Strecke sollte meine heutige Fahrt weitergehen. 17 Minuten später rollte auf dem Gleis gegenüber der rote Regionalexpress der DB aus Schweinfurt kommend ein. Zielanzeige: Erfurt. Abfahrt 8:40.

Fahrt durch deutsch-deutsche Geschichte

Von hier aus folgten 58 Minuten Fahrt durch die deutsch-deutsche Geschichte. Nach Münnerstadt und Bad Neustadt war Mellrichstadt nach 26 Minuten Fahrt erreicht. Dies ist der letzte Halt auf bayrischer Seite. Der Mellrichstädter Gemeindeteil Eußenhausen und damit die ehemalige innerdeutsche Grenzstation liegen nur sechs Kilometer von hier entfernt. Jetzt musste der Zug jeden Moment die ehemalige Grenze, bzw. heutige Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen überqueren.

Zehn Millionen Tickets verkauft

Und hier wurde das erste und einzige Mal an diesem Tag mein Deutschland-Ticket kontrolliert. Ich zeigte dem Schaffner mein Smartphone, er scannte den QR-Code und wünschte mir freundlich eine gute Fahrt: so schnell und unkompliziert wie unspektakulär. Soweit ich das erkennen konnte, waren auch alle anderen Mitreisenden an diesem Tag bereits mit ihren elektronischen Deutschland-Tickets ausgestattet. Das Ticket scheint vom Start weg sehr gut bei den Fahrgästen anzukommen. Bereits fünf Wochen nach dem Ticketstart haben sich zehn Millionen Menschen das Deutschland-Ticket gekauft, sagt der VDV, der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen.

Den Bahnhof Ritschenhausen, an dem sich die Strecken Richtung Erfurt und Meiningen aufzweigen, erspähte ich Minuten später nur im Vorbeifahren. Aber damit war klar, wir hatten die Landesgrenze ganz unbemerkt passiert. Grimmenthal, der erste Halt in Thüringen, war um 9.20 Uhr erreicht. 

Schade: Bratwurstbude war noch zu

Der wunderschöne, denkmalgeschützte Bahnhof Oberhof, in einem tiefen, engen Tal gelegen, wird leider seit 2017 nicht mehr fahrplanmäßig bedient. Jetzt ist ein kleiner Umweg über das nahe gelegene Zella-Mehlis erforderlich. Ich kam planmäßig um 9:38 dort an. Die Buslinie 422 Bahnhof Zella-Mehlis – Oberhof wird nur alle 60 Minuten bedient, nächste Abfahrt um 10:30. Der Bahnhof lag zu weit abseits, sodass auch ein kleiner Spaziergang bis ins Zentrum von Zella-Mehlis nicht infrage kam. Und die kleine Bratwurstbude auf dem Bahnhofsvorplatz, die mit echten Thüringer Rostbratwürsten vom Holzkohlegrill ein kulinarisches Highlight versprach, sollte erst um 11:30 öffnen. Somit war fast eine Stunde lang Warten angesagt.  

Panoramafahrt durch den Thüringer Wald

Umso mehr freute ich mich, als der Bus pünktlich zur Haltestelle einbog. Jetzt folgten knapp 20 Minuten herrlichste Panoramafahrt durch den Thüringer Wald hinauf auf über 800 Meter. Exakt um 10:51 stieg ich in Oberhof aus, am Fuße des gigantischen, 1969 eröffneten DDR-Prestigebaus des Hotels Panorama und mit herrlichstem Blick auf den Rennsteig. Eine kleine Stärkung musste her! In einem kleinen Café im Ortszentrum stieß ich auf eine kulinarische Kuriosität: Würzfleisch mit Dresdner Worcester-Sauce und Zitrone. Dieser Klassiker der DDR-Küche wäre mir ohne das Deutschland-Ticket wohl nach lange verborgen geblieben.

Am Aussichtspunkt Rennsteigwald gönnte ich mir bei bestem Fernblick ein Köstritzer Schwarzbier und einen Thüringer Schwarzbeerenschnaps, aber es wurde bereits Zeit für die Heimfahrt. Pünktlich um 17:44 brachte mich der Bus wieder nach Zella-Mehlis, von wo es fahrplanmäßig über Ebenhausen wieder zurück nach Bad Kissingen ging. Bei meiner Ankunft in Bad Kissingen um 19.38 fuhren allerdings schon lange keine Stadtbusse mehr, so dass mir diesmal lediglich blieb, den Weg nach Arnshausen zu Fuß hinter mich zu bringen.

„Revolutionäre Demokratisierung“

Wie lautet nun mein Fazit nach meinem ersten Ausflug mit dem Deutschland-Ticket? Diese revolutionäre Demokratisierung des Ticketsystems wird Deutschland ohne Zweifel zusammenwachsen lassen! Grenzübergreifender Nahverkehr war nie einfacher und günstiger. Bereits eine Einzelfahrt Bad Kissingen – Oberhof hätte mit 30,40 Euro zu Buche geschlagen, hin und zurück wären damit das doppelte fällig gewesen. Hätte man sich der Länder-Tickets bedient, wäre man mit jeweils 27 Euro für Bayern- und Thüringen-Ticket nur unwesentlich günstiger gefahren. Somit hat sich das 49-Euro-Ticket für mich bereits nach nur einer Fahrt bezahlt gemacht. Hier und da hakt es zwar mit den Anschlüssen und den regionalen Busverbindungen. Die Erlebnisse und Emotionen, die mir dieser schöne Tag gebracht hat, sind allerdings finanziell wohl kaum aufzuwiegen.

 

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