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Welterbe-Erhalter
Architekt und Bewahrer der Kissinger Kurbauten
Erweckte mit seinem Team von 2012 bis 2017 das Luitpoldbad (im Hintergrund) aus dem Dornröschenschlaf: Architekt Christian Teichmann.
Erweckte mit seinem Team von 2012 bis 2017 das Luitpoldbad (im Hintergrund) aus dem Dornröschenschlaf: Architekt Christian Teichmann. // Isolde Krapf
Signet des Fränkischen Tags von Isolde Krapf
Bad Kissingen – Christian Teichmann und sein Team haben die bedeutendsten Kurbauten der Stadt saniert. Was am schwierigsten war und worauf es beim Sanieren ankommt.

Christian Teichmann ist jetzt 63 Jahre alt. 27 Jahre seines Lebens lag der Schwerpunkt seines Schaffens in Bad Kissingen. Er und sein Architekten-Team waren intensiv mit der Sanierung der bedeutendsten Kurbauten der Stadt beschäftigt. Albert Geul, Friedrich von Gärtner, Balthasar Neumann und Max Littmann – Teichmann hat diese alten Baumeister akribisch studiert.

Der gebürtige Würzburger arbeitete ab 2019 im städtischen Team der Unesco-Bewerbung mit. Eigentlich völlig klar, dass der moderne Baumeister Teichmann dereinst in die städtischen Annalen als Wegbereiter der zentralen Bad Kissinger Welterbe-Denkmäler eingehen wird.

Sie sind seit über 20 Jahren in Bad Kissingen aktiv. Fühlen Sie sich hier zu Hause?

Christian Teichmann: Wir arbeiten seit 1996 hier. 1998 haben wir unser Büro in Bad Kissingen eröffnet. Ja, man fühlt sich schon ein bisschen zu Hause. Mein Auto fuhr irgendwann von Würzburg allein hierher und ich kenne natürlich sehr viele Leute hier aus allen Branchen und Behörden.

Wie viel Arbeitszeit haben Sie wohl in diesen Jahren hier zugebracht?

Wenn ich an die Zeit denke, als Wandelhalle und Regentenbau saniert wurden, hatte ich eine Sechs-Tage-Woche mit 50 bis 60 Stunden. Es gab immer etwas zu regeln, denn die Arbeiten sollten ja im Zeitplan bleiben. Norbert Böhm, der Leitende Baudirektor des Staatlichen Bauamts, war zum Glück flexibel, wenn es um einen drohenden Zeitverzug wegen fehlender Arbeitskraft oder Material ging.

Er konnte schnell entscheiden. Beim Regentenbau hatten wir gar keinen Ausfall, arbeiteten zum Teil sogar im Zwei-Schichten-Betrieb.

Wandelhalle, Regentenbau, Luitpoldbad, Kurhausbad – welche Baustelle war die schwierigste?

Die schwierigste war wohl der Regentenbau. Zum einen, weil wir die Auflage hatten, dass trotz Sanierung der Kissinger Sommer und der Winterzauber stattfinden sollten. Zum andern galt es zu modernisieren, ohne die weltberühmte Akustik im Großen Saal zu gefährden.

Die Ausgangslage war: Es gab keinen Brandschutz, die Elektrokabel waren mit Stoff ummantelt, die Lüftungsanlage war verstaubt und die Statik nach heutigen Regeln nicht nachweisbar. Da musste ich mit dem Statiker Kompromisse finden.

Wandelhalle, Arkadenbau, Regentenbau mitsamt der Säle, des Kurgartencafés und des Schmuckhofs wurden in den Jahren von 1996 bis 2007 saniert.
Wandelhalle, Arkadenbau, Regentenbau mitsamt der Säle, des Kurgartencafés und des Schmuckhofs wurden in den Jahren von 1996 bis 2007 saniert. // Wolfgang Dünnebier

Und wo bringt man moderne Technik unter, wenn nicht hinter diesen sensiblen Wänden des Großen Saals?

Das war höchst spannend, denn wie kann man ein altes Bauwerk herrichten, ohne dass sich die wertvolle Raumoberfläche verändert? Wir haben auch ein sehr gutes Akustikbüro aus Köln vorgeschlagen. Die haben mit uns alles durchgespielt. Denn der Große Saal ist wie ein Geigenkasten, wie ein schwingender Resonanzboden, den man nicht mit Inhalt füllen kann.

Und wie ging´s aus?

Gut. Zum Beispiel habe ich mit einer Schweizer Möbelfirma den „Kissinger Stuhl“ erfunden, der stapelbar und schmaler ist als die alten Stühle. Die Akustik-Spezialisten stellten Berechnungen an und legten die Stühle so aus, dass sie die Akustik nicht beeinträchtigen. Egal ob der Saal halb oder ganz voll ist, bleibt die Akustik die gleiche.

Mit dem damaligen Stararchitekten Max Littmann sind Sie ja quasi per Du. Was bewundern Sie an ihm, was haben Sie von ihm gelernt?

Max Littmann hat wirtschaftlich gebaut. Er hat das Material sparsam und hochwertig eingesetzt. Und siehe da, alles hält, ist über die Jahrzehnte nicht eingefallen. Lernen kann man von ihm, wie wichtig alte Handwerkstechniken sind. Bei uns hier ist das Handwerk in manchen Sparten am Aussterben, dann muss man für bestimmte Arbeiten Spezialisten zum Beispiel in Tschechien suchen.

Geht es bei der Sanierung alter Gebäude eher darum, Altes zu erhalten oder Neues zu gestalten?

Gute Frage. Wenn man ein historisches Gebäude betritt, spürt man oft eine positive Ausstrahlung. Die Kunst des Architekten ist es, diesen Charme zu erhalten und die Funktion des Gebäudes nicht zu gefährden. Denn trotz neuer Funktion oder zeitgemäßer Haustechnik darf sich die Haptik der Oberflächen und der Maßstab, die gute Proportion, nicht verändern.

Wenn man ein gutes Team bildet, wenn Bauherr, Denkmalpflege, Nutzer und Planer übereinstimmen, kann die Gestaltung harmonisch gelingen.

Und war das bei der Sanierung der historischen Bauten in Bad Kissingen so?

Die Zusammenarbeit mit Baudirektor Böhm und Abteilungsleiter Erwin Full war sehr harmonisch. Wir haben öfter Kompromisse überlegt und dort, wo es gefahrlos möglich war, auch mal eine DIN-Norm zugunsten des Denkmals ausgelegt.

Das Foyer des Kurhausbads mit der Verkleidung aus Nymphenburger Terracotta. Kurhausbad und Neumannflügel wurden von 2015 bis 2022 saniert.
Das Foyer des Kurhausbads mit der Verkleidung aus Nymphenburger Terracotta. Kurhausbad und Neumannflügel wurden von 2015 bis 2022 saniert. // Isolde Krapf

Haben Sie ein Beispiel?

Die Treppenhäuser im Luitpoldbad wären, nach heutiger DIN-Norm, nicht tragfähig. Eine Spezialfirma testete empirisch aus, wie viel Last die Treppen aushalten. Das Resultat war, dass wir sie guten Gewissens im Original stehen lassen konnten. Die Untersuchungen kosteten den Freistaat zusätzlich Geld, sparten aber auch Ertüchtigungskosten. Das war schon toll, dass man den Weg mitging. 2018 wurde die Sanierung des Luitpoldbads sogar mit der Silbermedaille des Bayerischen Denkmalpreises bedacht.

Ist an diesen Geländern nicht auch Ihre Erfindung, die „Bayerische Locke“, verbaut worden?

An den Treppen waren keine originalen Geländer mehr. Die Eisenornamente der alten Stufen haben wir erst unter dem Putz hervorgeholt. Dabei fanden wir einen Hinweis auf den damaligen Hersteller, die Eißengießerei Joly aus Wittenberg. Wir wälzten alte Kataloge und stießen auf das damalige Modell „Neorenaissance“, das wir nachbauen ließen.

Zwischen Stufen und Geländer gab es aber Lücken. Da hätte ein Kind seinen Kopf hindurchstecken und herunterfallen können. Also musste das sicherer gemacht werden. Die „Locke“ ist ein Gusseisen-Ornament, das diese Lücke schießt.

So sieht sie aus, die „Bayerische Locke“, die Christian Teichmann an den Treppengeländern im Luitpoldbad einfügen ließ.
So sieht sie aus, die „Bayerische Locke“, die Christian Teichmann an den Treppengeländern im Luitpoldbad einfügen ließ. // Isolde Krapf

Wenn man alte Bausubstanz nach modernen Vorschriften saniert, ist das nicht gelegentlich auch eine Gratwanderung?

Auf jeden Fall. Nehmen wir mal die Akustik im Regentenbau: Was wäre passiert, wenn die nach der Sanierung Schaden genommen hätte? Oder wenn die Rakoczy-Quelle, die unter der Wandelhalle entspringt, nach der Sanierung versiegt wäre? Womöglich wäre die Stadt danach ihren Titel „Bad“ los gewesen? Das hätte man dann dem Architekten angekreidet und ihn gefragt, ob er akribisch alle gesetzlichen Vorgaben eingehalten hat.

Sie sagten mal, der Architekt ist ein Dirigent. Welche Fähigkeiten muss er also haben?

Bei jedem einzelnen Bauwerk, ob Wandelhalle, Regentenbau oder Luitpoldbad, waren jeweils etwa 100 Handwerker und rund 30 Büros und Ämter involviert. Da muss man wie bei einem Orchester schauen, dass jeder sein Können gezielt einsetzt. Aber auch die psychologische Komponente ist wichtig. Ein Architekt muss nicht nur das Orchester, sondern auch die Öffentlichkeit mitnehmen, um am Ende Beifall zu bekommen.

Ab 1996 erfolgte die Sanierung der Wandelhalle.
Ab 1996 erfolgte die Sanierung der Wandelhalle. // Archiv Siegfried Farkas

Apropos alte Bausubstanz: Beim Architektenwettbewerb zur Sanierung des Hotels Fürstenhof hatte Ihr Büro den zweiten Platz gemacht. Wie interessant ist dieses Areal für die Stadt?

Es stellt ein Stück Zeitgeschichte dar. Auf jeden Fall muss man es in die moderne Zeit hinüberbringen. Das Gebäude steht an einer exponierten Stelle, es ist sozusagen ein Markenzeichen an der Saale.

Bad Kissingen ist seit 2021 Welterbestadt. Das hat Sie sicher gefreut, denn Sie haben ja an diesem Erbe sozusagen mitgebaut?

Der Welterbe-Titel war für unser Büro das i-Tüpfelchen auf alle Arbeit. Es hat mich ein wenig stolz gemacht! Dass ich als einziger freier Architekt im städtischen Projektteam für die Unesco-Bewerbung dabei war, hat mich sehr gefreut. Die Stadt darf aber jetzt nicht stehenbleiben, sie muss sich weiterentwickeln. Gut wäre es, wenn man endlich auch den „Ground Zero“ von Bad Kissingen, das frühere Steigenberger-Areal, wieder bespielen würde. Das geplante Kurparkresort ist eine gute Möglichkeit, die Baulücke zu füllen. Beim Realisierungswettbewerb gewann unser Büro den 1. Preis. Aber momentan verzögert sich alles.

Und jetzt, Herr Teichmann? Sind Sie nun im Ruhestand?

Nein, in Rente gehe ich erst in zwei bis drei Jahren. Ich bin aber nur noch beratend tätig. Und ich lebe jetzt teilweise in Italien auf der Südseite des Lebens. Die Liebe zu Italien habe ich ja sozusagen im Blut, denn meine Oma ist aus Triest.

 

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