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Balletttänzerin aus Coburg
Von einer geschätzten Kunst und einem unterschätzten Sport
Mireia Pineda vom Ballettensemble des Coburger Landestheaters beim Ballett Training.
Sobald der erste Ton auf dem Klavier erklingt, wird es still im Ballettsaal. Mireia Martínez Pineda führt jede Bewegung mit hoher Konzentration aus. Um professionelle Tänzerin zu werden, braucht es nicht nur Talent, sondern vor allem: Disziplin. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson
Coburg – Mireia Martínez Pineda ist seit fast zehn Jahren Balletttänzerin am Landestheater Coburg. Warum es für ihren Beruf mehr als Leidenschaft braucht und warum Ballett auch ohne Olympia-Medaillen ein Hochleistungssport ist.

Mireia Martínez Pineda ist beides: Leistungssportlerin und Künstlerin. Das Instrument, das sie für ihre Kunst benutzt, ist ihr Körper. Martínez Pineda ist seit über zehn Jahren professionelle Tänzerin. Fünfmal pro Woche, jeden Tag acht Stunden, trainiert sie. Dazu kommen Proben und Aufführungen.

Um mit dem Körper Geschichten erzählen zu können, braucht es nicht nur Talent, sondern vor allem: Disziplin, Durchhaltevermögen und den Willen bis an die eigenen Grenzen zu gehen.

Mireia Pineda vom Ballettensemble des Coburger Landestheaters beim Ballett Training.
Von den Zehen bis in die Fingerspitzen gespannt: Mireia Martínez Pineda beim Ballett-Training an der Stange. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Ballett-Training: „Wir kritisieren uns die ganze Zeit selbst“

In der Mitte des hellen Raumes, in dem Martínez Pineda ihr erstes Training an diesem Tag hat, stehen schon andere Tänzer des Ballettensembles an den Ballettstangen, kreisen ihre Füße und unterhalten sich auf Englisch. Die eine Hälfte des Raumes ist mit Spiegeln verkleidet. „Wir kritisieren uns die ganze Zeit selbst: Im Spiegel sehen wir alle Fehler, die wir machen“, erklärt Martínez Pineda. Im linken Eck sitzt ein Klavierspieler, der nach Ansage der Ballettmeisterin Miki Acker die Melodien aus dem Kopf spielt.

Der erste Ton erklingt und es wird still im Raum: Das Training beginnt. Eine Hand der Tänzer umklammert fest die Ballettstange, die andere gleitet elegant durch die Luft. Die Augen der Tänzer fokussieren einen unbestimmten Punkt im Raum, ihre Körper stehen von den Zehen bis in die Fingerspitzen unter Spannung. Die Beine schlagen mal nach rechts, mal nach links aus. Mal heben sie sich nach oben und mal beugen sich beide Knie zu einem Plié. Die Übungen an der Stange trainieren kleinste Muskeln, denn im Ballett seien vor allem die kleinen Muskelgruppen gefragt, wie Martínez Pineda erklärt.

Das Publikum soll die Anstrengung nicht sehen

Statt Tutus und Strumpfhosen tragen die Tänzer beim Training lockere Jogginghosen und weite T-Shirts. Auch die Trainerin Miki Acker trägt statt strengem Dutt einen lockeren Pferdeschwanz. Überhaupt ist nichts streng an ihr: Sie hat ein weiches Gesicht und lächelt gelassen, während sie ihre Schüler bei den Übungen beobachtet.

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Meine Eltern haben gesagt: Du kannst die Aufnahme an einer Hochschule für Tanz gerne als Ziel haben, aber wir möchten, dass du erst einmal dein Abitur machst.

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Mireia Martínez Pineda Ballett Tänzerin am Landestheater Coburg

Nach den Übungen an der Stange versammeln sich die Tänzer in einer Ecke des Raumes. Fast so, als ob für sie die Gesetze der Schwerkraft nicht gelten würden, gleiten sie dann im Takt der Musik mit Sprüngen und Drehungen durch den Raum. Die Anstrengung, die es kostet, gegen die Schwerkraft anzuarbeiten, soll das Publikum weder sehen noch hören, erklärt Martínez Pineda: „Ein dreiminütiges Solo, das ist wie ein dreiminütiger Sprint. Aber die Zuschauer merken das nur, wenn sie ganz vorne sitzen. Dann sehen sie plötzlich, dass wir schwitzen.“

Anders als bei anderen Sportarten fiebern die Zuschauer nicht mit den Tänzern mit. Schließlich geht es beim Ballett nicht ums Gewinnen, sondern darum, den eigenen Gefühlen nachzuspüren und in eine Geschichte einzutauchen.

Mireia Pineda vom Ballettensemble des Coburger Landestheaters beim Ballett Training.
Nach dem Stangen-Training geht es mit Sprüngen und Drehungen quer durch den Raum. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Von einem Dorf bei Barcelona in ein fremdes Land

Mireia Martínez Pineda kam mit 17 Jahren nach Deutschland, um an der staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim Tanz zu studieren. Sie ist in einem kleinen Dorf in der Nähe von Barcelona aufgewachsen und begann mit sechs Jahren Ballett zu tanzen, wie sie sagt: „Eine Freundin von mir hat Ballett getanzt und dann habe ich auch angefangen. Am Anfang nur eine Stunde in der Woche. Es hat mir viel Spaß gemacht und langsam wurde es immer mehr.“

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Ich war mit 17 Jahren alleine in einem fremden Land, ich habe die Sprache nicht gesprochen und plötzlich war nur noch Ballett in meinem Leben.

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Mireia Martínez Pineda Ballett Tänzerin am Landestheater Coburg

Als Teenagerin begann sie intensiver zu trainieren. Auch an den Wochenenden habe sie oft getanzt. Martínez Pineda habe dadurch weniger Zeit für ihre Freundinnen gehabt, doch es sei von Anfang an sie selbst gewesen, die den Wunsch hatte, sich auf das Ballett Training zu konzentrieren, wie sie erklärt: „Meine Eltern haben gesagt: Du kannst die Aufnahme an einer Hochschule für Tanz gerne als Ziel haben, aber wir möchten, dass du erst einmal dein Abitur machst.“ Denn damals hätte sie am liebsten die Schule vorher geschmissen, doch heute sei sie froh darüber, das Abitur in der Tasche zu haben.

Tanzausbildung: Nach drei harten Jahren geht es nach Coburg

Mireia Martínez Pineda spricht schnell und entschlossen. Ihre Augen leuchten, wenn sie vom Tanzen erzählt. Doch immer wieder bekommt ihr sonst freundliches Gesicht einen harten Ausdruck. Sie schüttelt dann den Kopf, zieht ihre Augenbrauen nach oben. Denn der Weg zur professionellen Tänzerin war ein harter Weg. Martínez Pineda hat viel erreicht, aber auch auf vieles verzichtet, wie sie sagt: „Ich war mit 17 Jahren alleine in einem fremden Land, ich habe die Sprache nicht gesprochen und plötzlich war nur noch Ballett in meinem Leben.“

Nach drei Jahren schloss Martínez Pineda ihre Tanzausbildung ab und bekam in Coburg eine Festanstellung. Sie schaffte es, dem Druck, der ständigen Kritik, den körperlichen und psychischen Belastungen standzuhalten: „Man hat mir schon als Kind gesagt, dass ich einen guten Kopf für das Ballett habe, dass die Möbel in meinem Kopf aufgeräumt sind“, sagt Martínez Pineda.

Mireia Pineda auf der Bühne beim Stück „First Steps: Whatsoever“ im Landestheater Coburg.
Mireia Martínez Pineda auf der Bühne beim Stück „First Steps: Whatsoever“ in dem die Tänzer und Tänzerinnen eigene Stücke choreografierten. // Foto: Bastian Suffa / Best Shots Photo

Und so einen aufgeräumten Kopf braucht man wohl, wenn man in einem Beruf überleben will, für den man alles geben muss: den eigenen Körper und ein Stück Selbstbestimmtheit. Und auch wenn man es geschafft hat, bleibt kaum Zeit, um den Erfolg zu genießen. Denn es bleibt der Kampf ums finanzielle Überleben – gut verdienen tue man als professionelle Tänzerin trotz allem nicht: „Wenn man Ballett nicht liebt, dann macht man das nicht“, sagt Martínez Pineda.

Ballettensemble in Coburg: Martínez Pineda will weitertanzen

Martínez Pineda ist froh, in Coburg gelandet zu sein. Denn die Ballettabteilung in Coburg sei etwas ganz Besonderes: Es gebe kein Konkurrenzdenken im Ballettensemble und die Tänzer würden sich sehr vertrauen, da sie seit Jahren zusammen tanzen. Das sei selten, erklärt Martínez Pineda: „Es ist total ungewöhnlich, dass die Company für so viele Jahre gleich bleibt und, dass ein Chef so lange hier bleibt“. Dass der Ballettdirektor Mark McClain bald in Rente geht, bedauere sie sehr: „So einen Chef wie Mark findet man nicht noch einmal“, sagt sie.

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Mein Vertrag wird weiterlaufen, bis irgendjemand das Gegenteil sagt.

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Mireia Martínez Pineda Ballett Tänzerin am Landestheater Coburg

Die älteste Tänzerin im Ensemble in Coburg ist 44 Jahre alt. Auch das sei selten. Im Ballett gelten Tänzerinnen und Tänzer, sagt Martínez Pineda, mit 35 Jahren schon als alt. Sie hat neben ihrer Arbeit am Theater Psychologie studiert, um ein zweites Standbein zu haben. Doch lieber würde sie am Theater bleiben. Martínez Pineda ist jetzt Anfang 30. So lange wie es geht, will sie in ihrem Beruf bleiben und weiter tanzen.

Spitzenschuhe des Ballettensembles des Landestheater Coburg.
Wieviele Jahre Mireia Martínez Pineda noch tanzen kann, weiß sie nicht. Doch so lange es geht, will sie tanzen, bevor andere in ihre Fußstapfen treten. // Foto: Hannah Niederfeld Paterson

Auch mit Festanstellung kaum Sicherheit als Balletttänzerin

Martínez Pineda ist am Theater festangestellt, doch eine Garantie für die nächste Spielzeit gebe es trotzdem nie: „Mein Vertrag wird weiterlaufen, bis irgendjemand das Gegenteil sagt“, erklärt sie. Es gebe vieles in ihrem Leben, dass sie aufgrund ihrer Berufswahl nicht selbst bestimmen könne: Ihren Urlaub zum Beispiel. Sechs Wochen am Stück im Sommer, außerhalb der Spielzeit. Ein langes Wochenende unter dem Jahr sei nicht drin.

Sie sei glücklich in Coburg, doch aussuchen habe sie sich ihren Wohnort nicht können: „Als Tänzerin zieht man dahin, wo die Ausbildung ist und dann dahin, wo man einen Job findet.“ Sollte ihr Vertrag beendet werden, müsste sie umziehen, um weitertanzen zu können. 

Tanzen bedeutet im Moment zu leben

Im Ballett gibt es keine Medaillen. Es gibt nur den Applaus des Publikums und den kann man sich nicht einrahmen. Wer tanzt, lebt im Moment. Und genau das ist es, was Martínez Pineda daran fasziniert: „Es ist schön, die Emotionen zu spüren und weiterzugeben. Ich hatte schon Momente, kurz bevor ich auf die Bühne musste, in denen ich ein komplettes Blackout hatte. Aber sobald die Musik dann anging, wusste mein Körper, was zu tun ist und ich konnte es genießen“, sagt sie und lächelt dabei.

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