Das Wasser ist Kimis Element. Der junge Harsdorfer ist einer der schnellsten Brustschwimmer seiner Altersklasse. So gewann er 2024 Bronze bei der Deutschen Meisterschaft der Para-Athleten in der Jugendklasse und wurde nun in den Bundeskader 1 des Deutschen Behindertensportverband und des Nationalen Paralympischen Komitees berufen.
Kimi nimmt es aber auch mit nicht behinderten Sportlern auf. So lag er mit seiner Bestzeit von 1:16 Minuten über 100 Meter Brust im Jahrgang 2010 auf Rang 24 und hätte sich damit für die Deutsche Jugendmeisterschaft qualifiziert. Doch aus terminlichen Gründen verzichtete der Harsdorfer auf einen Start bei den Titelkämpfen in Berlin.
Dass mit seinen Augen irgendwas nicht in Ordnung ist, merkten die Eltern nach der Geburt relativ schnell. „Seine Augen haben gewackelt“, erzählt Vater Marc Brückner. Doch er und seine Frau Petra mussten mehrere Kliniken durchlaufen, bis endlich die richtige und schließlich niederschmetternde Diagnose gestellt wurde: Achromatopsie. Eine unheilbare Fehlfunktion der Sehzäpfchen. Die Betroffenen können keine Farben, sondern nur Hell-Dunkel-Kontraste wahrnehmen. „Ich sehe nur Grautöne und verschwommen. Auf dem linken Auge habe ich fünf Prozent, auf dem rechten sechs Prozent Sehvermögen“, erklärt Kimi. „Außerdem fehlt mir das räumliche Sehen.“
Drei Mal die Woche nach Bamberg
Trotzdem kann der 14-Jährige seinen Alltag weitgehend selbstständig bewältigen. Am sichersten bewegt er sich natürlich in der vertrauten häuslichen Umgebung, wo er alle Stufen oder Hindernisse aus dem Effeff kennt. Doch auch die bekannten Wege zur Schule – Kimi besucht die 9. Klasse des Christian-Ernestinum-Gymnasiums in Bayreuth – traut er sich ebenso alleine zu wie seine Stamm-Joggingstrecke. „Ich laufe immer auf dem Radweg von Harsdorf bis zum Trebgaster Badesee und zurück“, sagt Kimi Brückner, der sich selbst als „trainingsfleißig“ beschreibt.
Sport ist fast jeden Tag angesagt, was auch die Eltern Marc und Petra Brückner fordert. Denn Kimi Brückner trainiert seit drei Jahren bei der SG Bamberg und muss drei Mal die Woche zum Schwimmtraining ins Bambados kutschiert werden. An zwei anderen Tagen schwimmt er nach der Schule in Bayreuth, zwei bis drei Mal geht er zusätzlich ins Fitness-Studio.
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In der Familie Brückner sind aber alle ziemlich sportlich. Sein ein Jahr älterer Bruder spielt Fußball beim FSV Bayreuth, Vater Marc ist Gymnasial-Sportlehrer, spielte zu Glanzzeiten von HaSpo Bayreuth in der 3. Liga und war danach auch Trainer der Herrenmannschaft. Kimi hat als Kind auch Blinden-Fußball oder Blinden-Tennis ausprobiert, wo in den Bällen zur besseren Wahrnehmung Rasseln eingebaut sind. Letztlich entschied er sich fürs Schwimmen – auch weil es „für Sehbehinderte in der Region keine Sportmöglichkeiten gibt“, wie Marc Brückner bedauert.
Marc Brückner: "Inklusion ist oft ein Gag"
Schon als Vierjähriger legte Kimi das Seepferdchen ab, begann dann beim SV Bayreuth mit dem Schwimmtraining. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass man sich beim SV nicht wirklich auf den sehbehinderten Jungen aus Harsdorf einlassen wollte, was Vater Marc Brückner sehr schade findet: „Uns wurde beim SV wörtlich gesagt, dass Para-Schwimmen keinen wirklich interessiert.“
Also entschied man sich zum Wechsel nach Bamberg. „Dort bringt man wesentlich mehr Verständnis für Kimi auf“, sagt Marc Brückner, der sich generell mehr Rücksichtnahme auf behinderte Menschen wünschen würde. „Inklusion ist oft ein Gag, wenn Leitstreifen für Blindenstöcke im Nirgendwo enden oder Fahrräder drauf stehen.“ Oder wenn die Barrierefreiheit am defekten Fahrstuhl im Bahnhof endet.
Seine Sehschwäche beeinträchtigt Kimi natürlich auch im Wasser. So sieht er den Schwimmer auf der Nebenbahn nur schemenhaft und erkennt die Wand am Beckenende auch sehr spät. „Mittlerweile kennt er aber die Anzahl seiner Züge und kann mitzählen“, erklärt Marc Brückner, wie sich Kimi orientiert. Ein Problem hat er aber, wenn es wie bei der Deutschen Kurzbahn-Meisterschaft in Düsseldorf eine Unter-Wasser-Beleuchtung gibt. „Da hat er die Wand zu spät gesehen und die Wende verpatzt“, erinnert sich sein Vater. Denn Kimis Pupillen befinden sich ständig im Nachtmodus und sind sehr blendungsempfindlich. Deshalb trägt er entweder Kontaktlinsen oder eine Brille, um seine Augen vor der Helligkeit zu schützen.
2021 nahm der junge Harsdorfer erstmals an einer Deutschen Para-Meisterschaft teil und hat seitdem ständig Titel in seinen Altersklassen geholt, nicht nur in seiner Lieblingsdisziplin Brust. 2022 wurde er zum Bayerischen Para-Nachwuchssportler des Jahres gekürt und durfte 1000 Euro Prämie einstecken.
Rasante Steigerung
Inzwischen ist Kimi Brückner über die Bruststrecken sogar schon den erwachsenen Para-Sportlern gefährlich nahe gekommen. „Kimis hat sich zuletzt unglaublich gesteigert. Für eine Verbesserung, für die man normalerweise ein Jahr braucht, hat er nur ein Vierteljahr gebraucht“, sagt sein Vater. So ist Kimi hinter dem zweifachen Paralympics-Sieger Talisso Engel aus Lauf an der Pegnitz, der sich fast für die Olympischen Spiele qualifiziert hätte, und Philipp Hebmüller inzwischen der drittschnellste deutsche Schwimmer bei den Sehbehinderten.
Mitte März steht für Kimi Brückner der erste große Wettkampf des Jahres an, der Weltcup in Lignano (Italien). Bei der gleichen Veranstaltung dort vor einem Jahr hatte Kimi Brückner Platz 3 über 200 Brust in der offenen Klasse belegt. Saisonhöhepunkt 2025 sind aber die European Para Youth Games in Istanbul.
Im Bundeskader 1
Seit 2025 steht Kimi nun im Nachwuchs-Bundeskader 1, dem zweithöchsten unter dem Paralympics-Kader. Da will er natürlich auch noch reinkommen, hat er doch ein großes Ziel vor Augen. „Ich will bei den Paralympics 2028 in Los Angeles starten“, sagt der ehrgeizige Harsdorfer klipp und klar. Sollte er sich weiter in diesem Tempo steigern, ist dieses Ziel keine Utopie.
Nur 3000 sind betroffen
Auf die Paralympics würde Kimi Brückner natürlich liebend gerne verzichten, wenn ihm der medizinische Fortschritt eines Tages ein normales Sehen ermöglichen könnte. Die Chancen stehen allerdings nicht sonderlich gut. Denn das große Pech der Achromatopsie-Betroffenen ist, dass nur rund 3000 Menschen in Deutschland betroffen sind. „Die Krankheit ist einfach zu selten, dass es sich wirtschaftlich lohnen würde, sie besser zu erforschen“, schildert Marc Brückner das Dilemma. Immerhin: Das Sehvermögen verschlechtert sich mit dem Alter nicht mehr. Deshalb ist Kimi Brückner auch „guter Hoffnung, nicht komplett zu erblinden“.
Und wer weiß – vielleicht hat die Medizin in ein paar Jahren doch noch eine Lösung parat, damit Kimi irgendwann rote Rosen, gelbe Sonnenblumen und den blauen Himmel sehen kann.













