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Nach WM-Silber
Merlin Hummel: Von der Ehrung zum Interview-Marathon
JPN, Leichtathletik, Athletics, World Athletics Championships 2025, Weltmeisterschaft 2025, Tokio 2025, 17.09.2025
Die drei besten Hammerwerfer der Welt: von links Merlin Hummel, Ethan Katzberg und Bence Halasz. // Stefan Mayer, Eibner-Pressefoto
Tokio/Kulmbach – Der Tag nach seinem Silber-Coup bei der Weltmeisterschaft war zweifellos der stressigste für den Kulmbacher Merlin Hummel während seiner 14 Tage in Japan. Denn Journalisten aus aller Welt wollten mit dem Kulmbacher sprechen. Nur bei der zwischenzeitlichen Zeremonie konnte er durchschnaufen.

Es ist nicht überliefert, welche Weiten die Sportsmänner im 19. Jahrhundert in Schottland oder Irland, wo die Wiege des Hammerwerfens stehen soll, erzielten. Jedenfalls werden ihre Schmiedehämmer, die sie um die Wette schleuderten, nicht annähernd 84,70 Meter geflogen sein. Mit dieser Weite, der besten bei einer Weltmeisterschaft aller Zeiten, holte sich Ethan Katzberg am Dienstag zum  zweiten Mal in Folge WM-Gold. Der erst 23-jährige Olympiasieger untermauerte damit seine Dominanz in dieser schwierigen Wurfdisziplin.  Doch ein Kulmbacher ist dem 2,01 Meter-Hünen mit der Lockenmähne und dem Achtziger-Jahre-Oberlippenbärtchen auf den Fersen, der gleichaltrige Merlin Hummel.

Nächstes Ziel: Deutscher Rekord

Der schwang sich am Dienstag vor über 50.000 Zuschauern im fast vollen Olympiastadion von Tokio zum Hauptherausforderer von Katzberg auf. Umso bemerkenswerter, weil der einen Kopf größere Kanadier mit seinen längeren Armen eine viel bessere Hebelwirkung erzielen kann. Doch Hummel hat seit dieser Saison den Dreh raus, meistert die größte Schwierigkeit beim Hammerwerfen immer besser, wie er sagt: "Nämlich die Balance zwischen Kraft und Technik zu finden." Und auch mit seiner neuen phantastischen Bestweite von 82,77 Metern, exakt eineinhalb Meter weiter als im August bei der Team-EM in Madrid, gibt sich der Kulmbacher noch längst nicht zufrieden. Sein nächstes Ziel: 85 Meter werfen. Das wäre Deutscher Rekord.

Hummel baute in Tokio erstmals richtig Druck auf Katzberg auf und trieb diesen ebenfalls zu einer neuen persönlichen Bestweite (84,70). Dafür erntete Hummel von seinem kanadischen Freund - seit einem gemeinsamen Trainingslager 2024 in Portugal versteht man sich gut - bei der Siegerehrung am Tag darauf anerkennendes Schulterklopfen.

Katzberg weiß, dass der für die LG Stadtwerke München werfende Kulmbacher in Zukunft einer seiner größten Rivalen sein wird. Schließlich sind die meisten der anderen Weltklasse-Athleten etliche Jahre älter oder stehen gar vor dem Karriereende wie die polnischen Altmeister Pawel Fajdek und Wojciech Nowicki.

Merlin Hummel trainiert im Fitness-Raum im Mannschaftshotel in Tokio.
Typisch japanisch: roher Fisch fürs Sushi. // Fares Day

Seine Leistung von Tokio wird sich für Merlin Hummel auch in der nächsten Weltrangliste auszahlen,  verbessert er sich doch da von Platz 6 auf 4. Gleichzeitig ist der Vize-Weltmeistertitel auch die Eintrittskarte für "Magic Merlin" zu den lukrativen Top-Meetings und Einladungswettkämpfen der kommenden Saison.

Japanische Legende überreicht Medaillen

Bei der öffentlichen Siegerehrung vor dem Olympiastadion wollte Ethan Katzberg seinen Kumpel Hummel schon vor dem Erklingen der kanadischen Nationalhymne zu sich ganz nach oben aufs Podium holen. Rechts neben Katzberg stand der 28-jährige Ungar Bence Halasz, der sich als Werfer mit der besten Weite in diesem Jahr sicher mehr als zum dritten Mal in Folge "nur" Bronze bei einer WM erhofft hatte.

Merlin Hummel hatte wieder ein Grinsen im Gesicht, als ihm die japanische Hammerwurf-Legende Koji Morofushi, Olympiasieger 2004 und Weltmeister 2011, die Silbermedaille um den Hals hängte. Für Morofushi war es ebenfalls ein besonderer Moment, hat er doch gerade erst einen Gehirn-Tumor überstanden.

Ethan Katzberg freut sich derweil, dass er Gold von seiner Landsfrau Abby Hoffmann erhält. Die 78-Jährige nahm als 800-Meter-Läuferin an vier Olympischen Spielen teil.

Der aus Vancouver Island stammende Katzberg trainiert in Kanada beim  ehemaligen Kugelstoß-Vize-Weltmeister Dylan Armstrong. Zu seiner Trainingsgruppe gehört seit diesem Jahr auch die neue deutsche Hammerwurf-Hoffnung Nova Kienast, die sich nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, aber beim Finale im Olympiastadion direkt hinter Hummel-Trainer Martin Ständner saß.

Interview-Wünsche ohne Ende

Die Sieger-Zeremonie war für Merlin Hummel eine der wenigen Momente am Mittwoch, wo keiner was von ihm wollte. Denn vor- und nachher standen die Medienvertreter und Sponsoren Schlange. "Wir waren bei Adidas eingeladen, Merlin musste am Telefon hintereinander etwa 50 Radiosendern Interviews geben, eine Höllenarbeit", berichtet sein Physiotherapeut Fares Day, der sich im gleichen Hotel wie Hummel eingemietet hatte und ihn täglich behandelte.  Gemeinsam mit Merlins Bruder Matti fliegt Day am Donnerstag wieder nach Hause, Merlin Hummel und sein Trainer Martin Ständner bleiben noch einen Tag länger.

Merlin Hummel schlendert mit seinem Physiotherapeuten Fares Day durch Tokio.
Merlin Hummel schlendert mit seinem Physiotherapeuten Fares Day durch Tokio. // 

Fares Day hat eigens eine Behandlungsliege aus Kulmbach mit nach Japan gebracht, um Merlin Hummel optimal auf den Wettkampf vorbereiten zu können. In den drei Tagen vor dem Wettkampf begab er sich täglich in Days Hände. "Wir haben fleißig gearbeitet. Merlin ist fit, hat aktuell wenig Beschwerden, was bei der hohen Intensität und den schweren Gewichten, die er im Training bewegt, nicht selbstverständlich ist."

Physiotherapeut Fares Day ist mit nach Tokio geflogen, um Merlin Hummel bei der WM zu betreuen.
Physiotherapeut Fares Day ist mit nach Tokio geflogen, um Merlin Hummel bei der WM zu betreuen. // Matti Hummel

"Eine physiotherapeutische Begleitung ist auf diesem Niveau nötig, das macht jeder Profi-Fußballer täglich", sagt Fares Day.  Merlin Hummel sei dafür auch sehr aufgeschlossen, zumal er seinen Körper sehr gut kenne. "Er kann ziemlich deutlich sagen, wo ihm was fehlt." 

Zwar hat auch der Deutsche Leichtathletik-Verband eigene Physios in Tokio im Einsatz, doch Hummel begab sich in die Hände seines bewährten Therapeuten aus der Heimat, der inzwischen zu einem Vertrauten geworden ist, wie Day sagt: "Wir haben einen guten Draht und in Tokio viel  Zeit miteinander verbracht."

Merlin Hummel trainiert im Fitness-Raum im Mannschaftshotel in Tokio.
Merlin Hummel trainiert im Fitness-Raum im Mannschaftshotel in Tokio. // Fares Day

Matti Hummel lag fast richtig

Natürlich hatte sich Fares Day auch eine Karte fürs Hammerwurf-Finale besorgt. Der Physiotherapeut und Matti Hummel hatten im Vorfeld auf Merlins Weite gewettet. "Matti  hat tatsächlich auf 82,78 Meter getippt, nur einen Zentimeter mehr als er geworfen hat", verrät Fares Day. Doch auch er hatte ihm 82,50 Meter zugetraut. "Wir wussten ja, dass er im Training schon so weit geworfen hat."

Als dann tatsächlich die Weite auf der Anzeigetafel im Olympiastadion aufleuchtete, bekam Fares Day Gänsehaut, "wie ich sie in meinem Leben noch nie hatte". Überhaupt hätten die Japaner im Olympiastadion eine "super Stimmung" gemacht.

Das viele Grün in Tokio  hat Fares Day überrascht.
Das viele Grün in Tokio hat Fares Day überrascht. // Fares Day

Auch die 10-Millionen-Einwohner-Metropole Tokio hat Fares Day beeindruckt. Dabei vor allem das viele Grün und die Sauberkeit. "Das ist eine gigantische Stadt. Die Häuser sind von oben bis unten begrünt, alle Menschen sind sehr diszipliniert und geduldig." Doch vor allem in einem Punkt sei Japan Deutschland "weit voraus", wie der Inhaber des Kulmbacher Therapiezentrums sagt: "Der Stand der Digitalisierung ist beeindruckend. So spricht man im Taxi auf deutsch in einen Voicemanager, und der Fahrer sieht die japanische Übersetzung vorne auf seinem Bildschirm." Auch digitale Kreditkarten seien längst überall Standard.

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