Gerhard Hildner strahlt vor Stolz, wenn er über seine in Kulmbach geborene Enkelin Sarah Luisa Fahr spricht. Bereitwillig berichtet er über ihren Werdegang: von einer Turnerin, die in ihrer Kindheit aufgrund ihrer Größe verschmäht wurde, hin zur Weltklasse-Volleyballspielerin.
Erst im Alter von zehn Jahren drosch Fahr zum ersten Mal auf einen Volleyball. „Sarah wollte zunächst Turnerin werden. Sie ist sehr rhythmisch veranlagt. Das Schlüsselerlebnis war eine Siegerehrung, bei der drei kleine Italienerinnen ausgezeichnet wurden – sie jedoch nicht, weil sie zu groß war. Sie war damals schon 1,70 oder 1,80 Meter,“ berichtet der ebenfalls hochgewachsene Hildner.
Sarah Fahr und ihre Kindheit in Italien
Sarah Fahr kam in Kulmbach zur Welt, blieb aber nur etwa zwei Wochen dort. „Wir Großeltern sind Deutsche und Sarahs Eltern sind auch Deutsche. Wenn jemand fragt, ob der Vater Italiener ist, sage ich immer: Nein, noch viel schlimmer, er is a Preiß“, scherzt Hildner.
Bereits vor Sarahs Geburt waren ihre Eltern nach Piombino (Toskana) ausgewandert. Ihr Vater aus Kiel, der über 2 Meter misst, ist von Beruf Bootsbauer, sah in Italien bessere Perspektiven und machte sich selbstständig. „Da alles noch ein bisschen fremd war, wollten sie Sarah in Deutschland zur Welt bringen“, erzählt der Großvater.
Sarah Fahr: Besuche der Kulmbacher Bierwoche
Die heute 22-jährige Fahr hatte immer mehr Bezugspunkte zu Italien, aber als Kind besuchte sie die beiden Großeltern aus Burgkunstadt einmal im Jahr.
„Sie war im Sommer immer da und dann sind die Großeltern mit ihr auf die Bierwoche gegangen. Sie hat ein großes Herz gekriegt. Das hängt heute noch bei ihr daheim“, sagt der 72-jährige Hildner, der 15 Jahre seines Lebens Sportlehrer war.
Mit 14 Jahren verließ Sarah Fahr das Elternhaus
Bereits mit 14 Jahren verließ Sarah Fahr ihr Elternhaus und trat in ein Klosterinternat in der Nähe von Turin ein, das für seine erfolgreiche Mädchen-Volleyballmannschaft bekannt ist. Dort erzielte sie rasche Fortschritte und wurde schon als Jugendliche in die 1. italienische Liga berufen. Seit 2020 spielt sie für den italienischen Seriensieger Imoco Conigliano.
„Als es später um die Nationalmannschaft ging, ist sie sofort Italienerin geworden. Das ging blitzschnell“, sagt Hildner. Theoretisch hätte sie aufgrund ihrer doppelten Staatsbürgerschaft auch für Deutschland auflaufen können.
Gerhard Hildner über die Erfolge seiner Enkelin
Wenn Hildner die Erfolge seiner Enkelin aufzählt, ist er kaum zu bremsen: U18-Weltmeisterin, U19-Europameisterin, Vizeweltmeisterin und Europameisterin mit der A-Nationalmannschaft. Schon mit 16 wurde sie in Italiens Damen-Auswahl berufen, mit 17 bekam sie ihre ersten Einsätze.
„Wenn ich etwas lese über den neuen Supermann Lamine Yamal, der mit 16 schon in der Nationalmannschaft spielt. Man darf es nicht aussprechen: Sie hat da auch eine vergleichbare Karriere“, sagt Hildner mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Bewunderung.
Auf die Frage, ob Fahr zu den allerbesten Volleyball-Spielerinnen zählt, antwortet Hildner: „Das muss man fast sagen, wenn man als Opa auf den Putz hauen will.“ Das deckt sich mit der Einschätzung des Fachportals Volleyballworld.com, das Fahr als „star middle blocker“ bezeichnet.
Hildner hat sich intensiv mit Frauen-Volleyball beschäftigt und kennt inzwischen auch die Teamkolleginnen und Gegenspielerinnen seiner Enkelin. Mit ihren 1,92 Metern ist Fahr nicht einmal die größte Spielerin in der italienischen Nationalmannschaft, ihre Mitspielerin Ekaterina Antropova überragt Fahr sogar um 10 Zentimeter.
Rückschläge: Olympia 2021 und zwei Kreuzbandrisse
Doch Fahrs Karriere zeigt nicht immer nur nach oben. Bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio landete die damals 19-Jährige mit Italien nur auf Rang 5. Der Großvater wird emotional, wenn er über die Spiele in Tokio spricht: „Da grummelt die Hildner-Familie heute noch. Sie hat acht Punkte im ersten Satz gemacht und wurde danach ausgewechselt. Da war ich wütend. Jetzt gibt es einen neuen Trainer“, atmet er erleichtert auf. In der Saison danach hatte Fahr einen Kreuzbandriss, ein Jahr später folgte der zweite. Insgesamt bestritt sie eineinhalb Jahre kein Spiel.
„Sie war sehr früh schon wieder auf Top-Level“, zeigt sich auch Hildner von ihrem Comeback beeindruckt. „Wenn jemand zwei Kreuzbandrisse hat, gibt es auch manchmal die Kündigung. Conigliano hat Sarah nicht fallen gelassen. Das ist für sie ein Grund, dass sie dort bleiben möchte.“
Sarah Fahr wieder auf dem Weg in die Weltspitze
Das Jahr 2024 läuft für Fahr allerdings prächtig: Vor ein paar Monaten wurde sie ins All-Star-Team der Nations League gewählt. „Da waren wir schon stolz“, sagt Hildner. Zudem gewann sie mit Conigliano nach 2021 zum zweiten Mal die Champions League. Im Mai wurde sie in der auflagenstärksten Zeitung Italiens, der Corriere della Sera, porträtiert.
Auch die bisherigen Olympischen Spiele laufen nach Plan. Italien hat die ersten beiden Spiele gegen die Dominikanische Republik (3:1) und gegen die Niederlande (3:0) dominiert. ARD-Kommentator Thomas Kunze schwärmte während der Übertragung von Fahrs Qualitäten: „Neben ihrer Größe und Athletik hat sie auch dieses geniale Timing.“
Der Großvater reist nach Paris
Wegen einer Interviewsperre während Olympia darf Fahr selbst nicht mit den Medien sprechen. In diesen Tagen ist ihr Opa umso fleißiger. Beim Top-Spiel gegen die Türkei am Sonntag um 9 Uhr (Livestream in der ARD- und ZDF-Mediathek) ist Gerhard Hildner sogar in der Halle, um Sarah anzufeuern.
Schon vor seiner Abreise trägt Hildner die Schuhe der italienischen Olympia-Mannschaft, ein Modell von Emporio Armani, mit Schnürsenkeln in den Nationalfarben weiß, rot und grün. „Die Sarah will von diesen Schuhen aus Tokio nichts mehr wissen. Die Schuhe hat der Großvater gekriegt. Ich habe auch noch welche in den italienischen Nationalfarben, aber die traue ich mich dann doch nicht anzuziehen“, erzählt der 72-Jährige. Aber welche Schuhe trägt Gerhard Hildner stattdessen in Paris?











