Bildung
Was wird aus dem Niveau des Lehrerberufs?
Der BLLV blickt mit Sorgen in die Klassenzimmer. Eine individuelle Förderung der Kinder gebe es oft nicht, bemängelt der Verband.’
Der BLLV blickt mit Sorgen in die Klassenzimmer. Eine individuelle Förderung der Kinder gebe es oft nicht, bemängelt der Verband.’
Foto: Sebastian Gollnow, dpa
München – Lehrerinnen- und Lehrerverband kritisiert die bayerische Schulpolitik.

Simone Fleischmann ist wütend. Und zwar auf Markus Söder. Pünktlich zum ersten Schultag hatte der Ministerpräsident getwittert, dass es in Bayern noch nie so viele Lehrerinnen und Lehrer gegeben habe wie jetzt.

„Ganz ehrlich – das ist Schönfärberei und davon haben wir jetzt wirklich genug“, empört sich Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Denn die Situation an vielen Schulen im Freistaat – besonders an Mittelschulen – sei mitunter dramatisch.

Vor allem bereitet es Fleischmann Kopfzerbrechen, dass es immer mehr Quereinsteiger gebe. „Ergotherapeuten, Opernsängerinnen und Ethnologen sind eben keine ausgebildeten Lehrkräfte“, sagt die BLLV-Präsidentin. Es gebe in Bayern Schulen, an denen nur noch knapp die Hälfte der Stellen mit ausgebildetem Personal besetzt sei, klagt der Lehrerverband. Von einer „Entprofessionalisierung“ des Lehrerberufs ist dort die Rede.

Mehr Bildungsqualität gefordert

Den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler könne man so nicht gerecht werden, findet Fleischmann. Gerade jetzt – da die Corona-Pandemie den Schulbetrieb monatelang so durcheinandergebracht habe – brauche es mehr professionelle Lehrkräfte, mehr Bildungsqualität und mehr individuelle Förderung, fordert sie.

Doch stattdessen hätten Grundschulklassen immer öfter keine stabile Klassenleitung mehr, mobile Reserven seien vielerorts bereits aufgebraucht, an Mittelschulen würden Klassen zusammengelegt, was eine individuelle Unterstützung der Schülerinnen und Schüler weiter erschwere, wichtige Förderungsmaßnahmen könnten nicht flächendeckend angeboten werden.

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) reagiert auf Kritik des Lehrerverbands so: „Es ist die Aufgabe von Verbänden, auf etwaige Probleme hinzuweisen und Verbesserungspotenzial aufzuzeigen. Es wäre aber wünschenswert, wenn man dabei auch die Realitäten im Blick behalten würde.“

Dann knüpft der Minister an den Tweet von Markus Söder an, der BLLV-Präsidentin Fleischmann zu Beginn des Schuljahres so auf die Palme gebracht hatte: „Bayerns Lehrerinnen und Lehrer sind hervorragend ausgebildet – und werden immer mehr. Mittlerweile sind 100 000 staatliche Lehrkräfte an unseren Schulen tätig – noch nie gab es so viele“, heißt es in Piazolos Pressestatement.

Allein in den letzten fünf Jahren habe man mehr als 10 000 neue Lehrerinnen und Lehrer in den Grund- und Mittelschulen einstellen können. Der Freistaat beschäftige genug Lehrkräfte, um die Klassengröße stabil zu halten: Sie liegt dem Kultusministerium zufolge im kommenden Schuljahr – wie schon in den letzten Jahren – bei 21,2 Schülerinnen und Schülern an der Grundschule und 19,6 an der Mittelschule.

Ministerium: Realität sieht anders aus

Zur Kritik des BLLV, die Schulleitungsstellen seien vielfach nicht besetzt, teilt das Ministerium mit: „Die Realität sieht anders aus. Tatsächlich waren im vergangenen Schuljahr weniger als ein Prozent der Schulleitungsstellen an Grund- und Mittelschulen in einem laufenden Besetzungsverfahren noch nicht vergeben.“

In solchen Fällen sei die betroffene Schule nicht ohne Schulleitung, die Amtsgeschäfte übernehme bis zur Wiederbesetzung der Stelle die ständige Stellvertretung der Schulleitung, die in diesem Fall vom Unterricht freigestellt werde und die erforderliche Leitungszeit erhalte.

BLLV warnt vor Verschärfung der Personalsituation

Der BLLV warnt aber, künftig werde sich die personelle Situation an den Schulen noch mehr verschärfen. Zum vergangenen Wintersemester sei etwa die Zahl der Studienanfänger für das Lehramt an Mittelschulen um 54 Prozent eingebrochen. Und nicht nur der Mangel an qualifizierten Lehrkräften sei ein Problem – durch die Pandemie stünden Lehrkräfte noch vor vielen weiteren Herausforderungen.

Der BLLV-Vizepräsident und Schulleiter an der Albert-Schweitzer-Mittelschule in Schweinfurt, Tomi Neckov, gibt etwa zu bedenken: „Wann bleibt denn neben dem Verwaltungs- und Organisationswahnsinn noch Zeit für das Wesentliche?“ Lehrer müssten sich um die Corona-Tests kümmern, Pool-Testdaten in ein Portal eintragen und Barcodes auf Röhrchen kleben. Das alles sei ein „riesengroßer Bürokratisierungsschlamassel“, klagt Neckov.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: