Bamberg
Corona hat Kultur fest im Griff
Auch David Saam (2. v. r.) hofft mit seiner Kultband „Boxgalopp“ auf bessere Zeiten.
Auch David Saam (2. v. r.) hofft mit seiner Kultband „Boxgalopp“ auf bessere Zeiten. // Helmut Ölschlegel
Signet des Fränkischen Tags von Werner Höchstetter
Bamberg

Nach Corona ist vor Corona. Wie hat die Bamberger Kulturszene, sofern es sie noch gibt, bisher die Pandemie überstanden, respektive wie geht sie damit um? Eine Bestandsaufnahme.

David Saam, Initiator einer innovativen fränkischen Volksmusik und kreativer Kopf von Kultbands wie „Boxgalopp“ und „Kellerkommando“, beschreibt die Lage so: Die Pandemie hat die „Kultur fest im Griff“, ein Ende sei nicht abschätzbar. Vor allem freie Kulturschaffende kämpften „ums Überleben“, etliche Techniker und Musiker mussten schon „das Handtuch werfen“. Es dauerte „unglaublich lange, bis staatliche Hilfen ankamen“. Laut Saam hatten staatliche Stellen offenbar vor allem am Anfang „wenig Ahnung“, was ein „selbstständiges Leben von und für die Kultur bedeutet“. Im Bekanntenkreis wurden einige sogar „des Betrugs“ verdächtigt.

„Kultur ist für einige Leute anscheinend entbehrlicher als gehofft“. Man verfüge eben nicht über die nötige Lobby wie andere Branchen. Aus der Pandemie habe er gelernt, dass die Kultur- und Veranstaltungsbranche einen „sehr großen wirtschaftlichen Wert darstellt“. David Saam resümiert: „Aus der Zwangspause habe ich das Beste gemacht, Projekte angepackt, die schon lange auf dem Zettel stehen, zum Beispiel ein fränkisches Sams-Hörbuch oder ein neues Kellerkommando-Album.“ Die Menschen sehnten sich nach normalen Bedingungen, sie gingen aber „auf Nummer sicher“. Theoretisch „dürfte die Kultur, aber praktisch ist es unmöglich. Wie soll man da wirtschaftlich überleben?“

Nach den neuerlichen verschärften Einschränkungen gehe die Katastrophe weiter. Es werde in der Kultur und in der Gastronomie weitere Leute geben, die aufgeben müssen. Ich wünsche mir, dass die Leute wieder zu den Veranstaltungen kommen und der Kultur signalisieren: Wir brauchen dich!“

Arnd Rühlmann vom Nana-Theater am Kaulberg erlebt die Krise „vom Sofa oder vom Computer aus“. „Neben dem erneuten Berufsverbot und dem kompletten Verdienstausfall macht mir die Ignoranz und der mangelnde Handlungswille der Politiker zu schaffen, die den Karren in den Dreck gefahren haben“. Jede Welle der Pandemie sei exakt so gekommen, wie sie von bekannten Wissenschaftlern vorausgesagt worden sei, „aber von politischer Seite ist nichts passiert“. Und weiter im Furor thematisiert er die Rolle „unseres Ministerpräsidenten“, der behaupte, dass „nahezu alle Virologen und Epidemiologen die Wucht der neuen Welle nicht richtig eingeschätzt haben“. Rühlmann dazu: „Das ist eine glatte Lüge! Die Welle kam mit Ansage und mit Anlauf, und unsere Politiker haben alles dafür getan, dass sie so schlimm zuschlägt wie möglich.“

Depressionen drohen

Von staatlichen Hilfen wolle der Theatermacher sich nicht abhängig machen. „Ich empfinde es als Demütigung, vom Geld anderer abhängig zu sein. Ich will mit meiner Arbeit meinen Lebensunterhalt bestreiten können.“ Gibt es einen Hoffnungsschimmer? „Ich weiß nur, dass es schwierig ist, sich von einem Hoffnungsstrahl täuschen zu lassen. Ob G2 das Ende ist, weiß ich nicht. Fakt ist, dass schon vor Corona ein Großteil der Künstler am Existenzminimum lebte.“ Wenn man einem Menschen aber „immer wieder Hoffnung macht und sie dann platzen lässt, züchtet man schwere Depressionen.“

Rühlmann zeigt sich aber auch versöhnlich, da es viel Unterstützung gebe, sei es vom Vermieter, den Kollegen oder von „unserem tollen Publikum.“ „Ohne den Zuspruch und die Spenden hätten wir es nicht geschafft.“

Sein Appell: „Ich kann nur sagen: Leute, lasst euch impfen, sonst gehen Gastronomiebetrieb und Kultur ziemlich bald kaputt und dann bleiben nur noch das Supertalent im TV und Ed Sheeran im Radio“.

Wolfgang Heyder, Eventveranstalter und in der einheimischen Musik und Kulturszene gut vernetzt, bemängelt vor allem die „unterschiedliche Handhabung der G-Regeln und die schlechte Planbarkeit von Vorhaben“. Die Bürokratie bei den staatlichen Hilfen sei ein Desaster. Man habe zahlreiche Mitarbeiter aus der Kurzarbeit geholt und warte seit Monaten auf die vereinbarten Hilfen. Für den Veranstalter überlebensnotwendig seien „klare Aussagen“, nur dann gebe es Planbarkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit. Manches habe aber auch sein Gutes wie die Digitalisierung beim Ticketing. Heyders Resümee: „Vieles ist noch nicht abzuschätzen, da die Herausforderungen erst jetzt entstehen, angesichts neuer Virusvarianten und den damit einhergehenden verschärften Corona-Maßnahmen.

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