Digitale Zwillinge entstehen
Im Auszubildenden-Zentrum der Firma M.A.i. in Neuses schauen (von links) David Márquez, Werner Zahner und Tobias Geiger dem Azubi Marius (vorne) über die Schulter.
Im Auszubildenden-Zentrum der Firma M.A.i. in Neuses schauen (von links) David Márquez, Werner Zahner und Tobias Geiger dem Azubi Marius (vorne) über die Schulter.
Foto: Heike Schülein
Kronach – Bildung  Die Kronacher Berufsschule setzt ihre Internationalisierungsstrategie fort. Neue Projektansätze mit einer Schule in Spanien zeigen, dass Kooperation allen Partnern hilft.

An der Berufsschule in Kronach läuft – trotz der anhaltenden Pandemie – ein bahnbrechendes Erasmus-Projekt. Schüler des beruflichen Schulzentrums „C.E. Ave María San Cristóbal“ aus Granada greifen über die Software Team-Viewer auf die Computer des Schulzentrums in Kronach zu und bearbeiten Projektaufgaben zum Thema Industrie 4.0 in Echtzeit. Im Mittelpunkt stehen Hardwarekonfiguration, Programmierung und Erprobung im Kontext industrienaher Anwendungsszenarien.

Aus der Ferne

Bei dem gemeinsamen Projekt beider Berufsschulen programmieren Lernende aus Spanien aus der Ferne eine Steuerung der Firma Siemens, die via IO-Link mit einem Abstandssensor und einer Kontrollleuchte kommuniziert. Der IO-Link ist ein internationaler Standard bei der Kommunikation intelligenter Sensoren und Aktoren. Für die Spanier ist die Thematik eine große Herausforderung, da sie mit diesem Industriestandard bisher keine Erfahrungen sammelten.

„Gerade Berufsschulen leben vom Austausch auf schulischer und betrieblicher Ebene, um Konzepte praxisnah und für die Schüler gewinnbringend zu entwickeln“, betont der stellvertretende Leiter der Lorenz-Kaim-Schule, Werner Zahner. Noch vor der Pandemie hatte Elena Crespo von der Agentur „Transculture Málaga“ den Kontakt zwischen den beiden Bildungseinrichtungen aus Deutschland und Spanien hergestellt, damit geplante Kooperationsformate im Bereich Automatisierungstechnik und Robotik realisiert werden können. Eine Delegation der Kronacher Berufsschule reiste im Februar 2020 nach Granada, wo sie an der Partnereinrichtung modernste Hardware-Komponenten und industrienahe Anlagen vorfand. „Der Transfer innerhalb der Projektschulen befruchtet uns gegenseitig und bringt uns immer einen Schritt weiter. Daher ist die Vernetzung mit anderen Schulen ein wichtiger Baustein der digitalen Entwicklung“, verdeutlicht Werner Zahner. Der Studiendirektor hatte das innovative Projekt mit großem Engagement vorbereitet, nachdem derzeit coronabedingt keine länderübergreifenden Austauschprogramme über das Erasmus-Programm stattfinden können.

Um die Zusammenarbeit – trotz Einschränkungen der Pandemie – weiter auszubauen, stattete nun von spanischer Seite David Márquez der Berufsschule und dem Landkreis Kronach einen dreitägigen Besuch ab. Der Lehrer und Kooperationspartner des Bildungszentrums „San Cristóbal“ hatte sich von Beginn an offen für einen internationalen Bildungsaustausch gezeigt und diesen seinerseits vorangetrieben. Bei dem innovativen Projekt geht es im Prinzip um die Entwicklung und Verwirklichung eines digitalen Zwillings. Die von deutschen und spanischen Berufsschülern gemeinsam konzipierte Anlage soll einen schul- und länderübergreifenden Daten- und Informationsaustausch beider Einrichtungen sowie eine intensive Zusammenarbeit über verschiedene Plattformen ermöglichen. In diesem Zusammenhang erfolgten nun – im Rahmen des Besuchs – mehrere Firmenbesuche bei heimischen „Global Players“, um dem Gast aus Granada einen Eindruck von der starken Wirtschaftsregion mit ihrem enorm breiten Spektrum verschiedener Industriebereiche zu vermitteln. Erste Station war die Firma M.A.i. in Neuses, wo Tobias Geiger die beiden Lehrer durch das Unternehmen führte.

„Hohe Ausbildungsquote“

„Wir sind stolz auf unsere hohe Ausbildungsquote und unsere sehr motivierten Azubis“, bekundete der Ausbildungsleiter, der ein enger Kooperationspartner der Kronacher Berufsschule ist. M.A.i. konzipiert und realisiert hochkomplexe kundenspezifische Automationen für verschiedene Aufgaben der weltweiten Kunden, insbesondere der Branchen Automotive, Kunststoffverarbeitung, Medizintechnik, Verpackungsindustrie und Elektroindustrie. Vor allem in der Automobil- und Elektroindustrie sowie Medizin- und Pharmazietechnik, speziell in der Konzeption und Realisierung individueller Automationsanlagen für den Reinraum, zählt das Unternehmen in Neuses zu den Marktführern. Abgebildet wird dabei die gesamte Prozesskette: von der Zuführung der Rohteile, den unterschiedlichen Weiterverarbeitungsschritten, der Reinigung, Prüftechnik und der Kennzeichnung bis hin zur Endverpackung der Bauteile.

„Unsere Auszubildenden sind die beste Investition in eine gute Zukunft“, sagte Tobias Geiger, als er den beiden Gästen unter anderem auch das 300 Quadratmeter große Ausbildungszentrum vorstellte. Sein Unternehmen bildet in fünf verschiedenen Berufen aus. Die Ausbildungszeit beträgt jeweils dreieinhalb Jahre im dualen System – also im Betrieb und in der Berufsschule. Ein Großteil wird in Kronach unterrichtet, die anderen an den Berufsschulen in Lichtenfels und Pegnitz. Auch ein Dualstudium ist möglich.

„Es ist sehr spannend, die unterschiedlichen Arbeitswelten und Abläufe in anderen europäischen Ländern kennenzulernen“, bekundete David Márquez. In seiner Heimat ist die Berufsausbildung überwiegend schulisch organisiert. Erste Projekte zur Umsetzung der dualen Berufsausbildung gebe es zwar; flächendeckende Lösungen seien aber noch nicht etabliert worden, schilderte der Experte aus Spanien.

Weitere Firmenbesuche folgten bei Weber in Kronach, Scholz in Gundelsdorf sowie Heinz-Glas in Kleintettau.

Lesen Sie mehr zu folgenden Themen: