Immer wenn gegen Ende der Sommerferien die Lebkuchen in die Supermärkte einrücken, eine Sorte edler und weicher als die andere, fallen mir unsere Familienlebkuchen ein: Als ich sechs Jahre alt war, hatten wir sehr wenig Geld. Mein Vater war Soldat, und im Sommer war ein zweiter kleiner Bruder geboren worden. 200 Mark Haushaltsgeld für fünf Personen habe ich immer noch im Ohr.
Wohl aus dem Grund griff meine Mutter auf ein Kriegsrezept für Lebkuchen zurück, das in ihrem handgeschriebenen Rezeptbuch stand. „Von Frau Sowade“ – der Klang des Namens hat mich fasziniert. Der Lebkuchenteig wurde auf dem Backblech gebacken, einmal quer durchgeschnitten, mit Latwerge (fest gekochtem Pflaumenmus) gefüllt und oben mit Zuckerguss bestrichen und mit gehobelten Mandeln bestreut.
Ich sehe mich noch stolz auf einem Stühlchen stehen und die Mandeln auf dem weißen Zuckerguss verteilen. In Stücke von zwei Mal zwei Zentimeter geschnitten, wurden die Lebkuchen in große Babymilch-Dosen geschichtet, die meine Mutter bemalt hatte. Die Dosen kamen auf den Hängeschrank. Weihnachtsplätzchen wurden damals im Advent nur in kleinsten Mengen „versucht“ und waren für das Weihnachtsfest gedacht.
Im Jahr darauf zogen wir um, 400 km entfernt in Muttis Heimatdorf. Die Hängeschränke kamen dort an die Wand; die Milupa-Dosen wieder obendrauf. Ob wir in diesem Jahr von den Lebkuchen aßen, weiß ich nicht mehr. Dreieinhalb Jahre später zogen wir wieder um, nach München, zur Zeit der Olympischen Spiele im Hochsommer. Die Hängeschränke kamen an eine neue Wand, die Dosen wieder obendrauf.
Da standen sie gut – bis der Blick meiner Mutter zwei Jahre später mal nach oben ging und sie fragte: „Was ist eigentlich in diesen Dosen drin?“ Sie holte sie herunter und staunte über die sorgfältig aufgeschichteten Lebkuchenstücke – eine Dose war noch voll, eine zur Hälfte. Natürlich war das Backwerk inzwischen ziemlich trocken. Aber eingetaucht in Kaffee für Mutti und Muckefuck für uns Kinder schmeckten sie auch nach sieben Jahren noch richtig gut. Der sparsamste Lebkuchen der Welt, schätze ich mal, nach Kriegsrezept von Frau Sowade – wer immer das ist.
Barbara Weichert (64) ist evangelische Gemeindepfarrerin in Zeitlofs und Bad Brückenau.
In der Kolumne „Kissinger Adventskalender“ schreiben Menschen aus dem Landkreis Bad Kissingen Anekdoten und Gedanken rund um Advent und Weihnachtsfest
Foto: Barbara Weichert Montage: Jutta Glöckner









